(Ein wichtiger Hinweis: Ich bin medizinischer Laie. Ich habe nur lange mit meiner Krankheit gelebt. Ich kann alles medizinische hier falsch verstanden oder falsch wiedergegeben haben. Jede in diesem Text wiedergegebene Information ist potentiell aus dem Zusammenhang gerissen, falsch, unvollständig. Hört auf Euren Arzt! Fehler sind meine Fehler, nicht die meiner Ärzte.Meine Erfahrungen sind anekdotisch. Eure Erfahrungen können anders sein.)

Unmittelbar

Es mag vielleicht blöd gewesen sein, nach Koblenz gefahren zu sein, obwohl ich mich nicht gut fühlte. Aber ich glaube, es hat mir das Leben gerettet. Es war der Paukenschlag. Ohne diesen hätte ich viele Dummheiten weiter begangen. Und davon gab es wirklich einige.

Ich hätte weiterhin allein das zuweilen spinnende letzte eigene Auto meines Vaters (ein Opel Agila, von uns Papamobil genannt; er fährt schon geraume Zeit nicht mehr selber, und meine Geschwister und ich bringen ihn überall hin) eine Steigung hochgeschoben. Oder die Rhododendren meiner Eltern allein umgepflanzt. Und mich damit wahrscheinlich irgendwann umgebracht. Warum umgebracht?

Anderes Leben

Mit einem Aneurysma lebt man anders. Man muss anders leben. Um sich vor den katastrophalen Folgen des Aneurysmas wie Dissektion oder Ruptur zu schützen.

Das Problem war zumindest bei dem bei mir vorliegenden damaligen Durchmesser weniger das normale Leben. Das hält auch die aneurysmatische Aorta bis zu einem gewissen Durchmesser durchaus gut aus. Es sind die Blutdruckspitzen, die das Problem darstellen. Vorgänge im Körper, die zuweilen den Blutdruck in große Höhen steigen lassen, nur für einen kurzen Moment. Es reicht ein kurzer Moment, um Probleme zu machen, wenn die Spitze nur hoch genug ist.

Ich schrieb vorhin über die Erkenntnisse von Laplace. Dass sich der Druck auf die Gefäßinnenwand erhöht. Man weiß, dass das Gewebe der Aorta einen bestimmten Druck aushält, bevor es reißt. Im normalen Leben mit normaler Aorta ist man da recht weit weg von diesem Wert. Mit aneurysmatischer Aorta eigentlich auch. Es sei denn, sie ist wirklich sehr groß.

Aber dann gibt es eben diese Blutdruckspitzen. Blutdruckspitzen sind normal, wenn man etwas mit Kraft machen muss. Statischer Kraft. Noch mehr, wenn man dabei nicht richtig atmet. Das Valsalva-Manöver dazu nutzt. Ihr kennt das vielleicht: Luft anhalten, wenn man etwas schwer anheben muss. Miese Idee, ganz miese Idee. Erzeugt heftige Blutdruckspitzen. Und mit einem Aneurysma muss man alles vermeiden, das Blutdruckspitzen erzeugt.

Das heißt beispielsweise: nicht mehr schwer heben. Was problematisch war, da meine handwerkliche Kernkompetenz am Haus im Wesentlichen darin bestand, schwere Dinge von A nach B zu schleppen. Dinge festzuhalten. Sachen, die viel Kraft brauchen. Vorbei. Ist nicht mehr. Vom Zementsackwuchter allenfalls noch als Schnittchenfee und Kaffeeproduzent einsetzbar, wenn denn meine Schnittchen lecker wären oder mein Kaffee gut. Ich habe seitdem meine handwerklichen Fähigkeiten deutlich ausgebaut, um irgendwie da noch von Nutzen zu sein.

Für Umzüge ist man schlagartig wertlos. Eine schwere Kiste Porzellan schleppen? Nope. Die Plattensammlung? Doppel-Nope! Ich trag dann schon mal den Stapel Sofakissen und die Stofftiere. Auch ein wichtiger Job. Aber nicht das, was man erwartet, wenn man einen Typen mit 1,92 m zum Umzug „einlädt“ und denkt, er könnte bei den schweren Sachen helfen. Federkissen statt Federkernmatratze.

Das Problem verfolgt einen sogar bis auf die Toilette. Es gibt den Spruch „Möge dich der Schlag beim Sch… treffen“ als besonders schlimmen Fluch in Richtung eines Menschen. Man sagt das nicht. Aber es steckt etwas sehr Reales dahinter: Das ausgiebige Pressen auf der Toilette erzeugt gar erstaunliche Blutdruckspitzen. Deswegen passieren Schlaganfälle beispielsweise eben auch häufiger auf der Toilette. Denn bei sehr hohem Blutdruck gibt irgendwo irgendwann etwas nach. Ich will euch wirklich keine Angst machen, aber die Realität ist nun mal so. Und schon liegt man in kompromittierender Situation neben der Toilette.

Dieser stille Ort ist ohnehin nicht ganz ohne: Elvis ist nicht, wie von „Man in Black“ nachgelegt, nur nach Hause geflogen, er ist auch nicht an einer Drogenüberdosis gestorben. Er wurde mit seiner Klolektüre im Bad gefunden. Es gibt Orte, da geht auch der König zu Fuß hin, und von einem dieser Orte kam selbst „the King“ nicht mehr lebend zurück. Nein, Elvis ist nicht an einem Aneurysma gestorben. Es gibt aber die Theorie, dass sein Herzanfall durch Probleme durch ein Valsalva-Manöver (vulgo: Luftanhalten/Pressen) beim Stuhlgang ausgelöst worden ist (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Nachleben_Elvis_Presleys). Vielleicht sollte man also diesen Ort mit einer gewissen Vorsicht betreten.

Eine weitere Möglichkeit machte mir allerdings am meisten Angst: Es gibt durchaus eine erhebliche Anzahl von Aneurysmen, die in sehr emotionalen Momenten platzen. Emotionaler Stress führt nämlich auch zu Blutdruckspitzen. Es gibt eine Arbeit aus 2007, bei der 40 % aller Befragten, die eine Aortendissektion hatten, davon berichteten, dass sie unmittelbar davor erheblichem emotionalen Stress ausgesetzt waren 1. Ich las an anderen Stellen, dass es sich dabei sowohl um positiven als auch negativen Stress handeln kann. Wobei ich positiven Stress für einen komischen Begriff halte. Kann es positiven Stress geben, wenn die Auswirkungen von Stress negativ sind? Selbst wenn wir uns darüber freuen.

Trauer, Verlust, Freude, Ekstase, Zorn, Ärger, Verzweiflung. Was im Normalfall völlig ungefährlich ist, kann mit der passenden körperlichen Disposition zum Problem werden. Und man kann es nur wenig kontrollieren. Während man aufhören kann, Autos zu schieben, oder bei Umzügen halt nichts mehr schleppt, das irgendwo nordwärts von 10 kg ist, sind Emotionen Teil des Lebens. Und während man manchen Emotionen aus dem Weg gehen kann, sind viele von ihnen unausweichlich, wenn man nicht zum Eremiten werden will. Wenn man sich nicht komplett dem Leben entsagen will. Und daher hatte ich hier die größte Sorge, dass irgendwann aus dieser Ecke etwas kommen könnte.

All das waren so Hinweise, die ich von meinem Kardiologen bekam, respektive im Netz gelesen habe. Durch Letzteres kam ich auch zu der Information über Elvis. Eigentlich interessiert er mich wenig, weil ich dessen Musik nicht wirklich mag.

Man fragt sich wirklich, ob das jetzt eine neue Realität ist, in der man unbedingt leben will, oder ob man sich zeitnah darum kümmert, das Problem zu beseitigen. Ich war in der Hinsicht stark gespalten. Es war die Entscheidung zwischen zwei Risiken: Schonen oder Operation. Ich nutzte später einen dritten Weg. Der so von keinem Arzt abgesegnet worden ist. Aber für eine Weile ganz gut funktioniert hat.

Großer Tipp an alle hier: Gewöhnt euch beim schweren Heben von Lasten eine vernünftige Atemtechnik an. Spart euch viel Ärger. Und vermeidet Verstopfungen.

Postkoblenz

Was passierte nach Koblenz? Die nächsten drei Monate sollten aufregend und anstrengend werden. Doch sie endeten ganz anders, als ich in jenem November gedacht hatte. Ich hatte sogar im Februar noch nicht gedacht, dass sie so enden würden.

Ich glaube, einen Tag nach dem Krankenhausaufenthalt saß ich vor dem Schreibtisch meines Hausarztes und wusste danach, dass ich einen neuen Hausarzt benötigen würde. Aus heutiger Perspektive gesagt: Nicht, dass er einen Fehler gemacht hätte. Ich halte ihn auch für einen brauchbaren Arzt.

Ich war mir nach diesem Gespräch nur sehr sicher, dass ich mit diesem Hausarzt den weiteren Weg nicht gehen wollte. Das war mehr als Schnupfen, mehr als Grippe, mehr als die üblichen Krankheiten. Das Gespräch lief nicht gut. Ich dachte wirklich, dass mein Gegenüber Mist gebaut haben müsse. Mir ist erst später bewusst geworden, dass das Unsinn war. Er gab mir allerdings einen Tipp für einen guten Kardiologen in Lüneburg mit auf den Weg. Für diesen Hinweis bin ich ihm dankbar. Bei diesem Kardiologen bin ich seit heute. Nicht viel später habe ich mir meine Unterlagen geben lassen und den Hausarzt gewechselt.

Es hilft in einer solchen Situation, einen Arzt zu haben, der eine gewisse Ruhe ausstrahlt. Und der Kardiologe war ein solcher Arzt. Ich glaube, es ist ganz entscheidend, in einer solchen Situation einen Arzt zu haben, der die Situation so beschreibt, wie sie ist, aber eben mit einer gewissen Ruhe; der die Situation nicht schönredet, aber einem auch nicht das Gefühl gibt, in eine bestimmte Richtung gedrückt zu werden: „Sie müssen das jetzt aber gleich operieren! 112!“

Ich bekam recht zügig mit der Diagnose einen Termin bei diesem Kardiologen. Das Wort „Aneurysma“ beschleunigt anscheinend die Dinge ungemein. Dass mein Zustand nicht unproblematisch war, merkte ich spätestens daran, dass die Patientenmanagerin meinte, nachdem sie mir einen sehr zeitnahen Termin gegeben hatte, dass ich doch auf jeden Fall sofort ins Krankenhaus gehen sollte, wenn sich irgendetwas komisch anfühle. Schluck. Okay. So ernst also.

Ich hatte aber bis zu meinem Termin keine Probleme. Ich ging also in die kardiologische Praxis. Zunächst ein Ultraschall. Er bestätigte das, was der Kardiologe aus Koblenz gesehen hatte. Ich hatte nicht die Hoffnung, dass der Kardiologe in Koblenz sich versehen hatte. Ich hatte den Messwert gesehen, und die Linie auf dem Bild ergab irgendwie Sinn. Aber es von einem zweiten Arzt gesagt zu bekommen, macht einem die Situation noch einmal deutlich klarer.

Aufgrund der Messwerte einigten wir uns auf die schon erwähnte konservative Behandlung: genaue Blutdruckkontrolle und gesundes Leben. Und damit hätte es erst einmal für geraume Zeit sein können.

Es blieb allerdings nicht dabei. Anfang Dezember sollte sich die Situation ändern. Um völlig sicherzugehen, schickte mich mein Kardiologe zum CT. Man sieht mit dem Ultraschall nicht die ganze Aorta. Es sind halt Rippen davor. Mein Arzt wollte Daten für die gesamte Aorta haben, und dafür ist das Kontrastmittel-CT das Mittel der Wahl. Und genau hier nahm die Geschichte eine erste „komische“ Wendung.

Es war relativ einfach, einen Termin für ein CT zu bekommen. Hier in der Gegend (und da schließe ich Hamburg mit ein) gibt es gefühlt an jeder zweiten Laterne ein MRT und an jeder Laterne ein CT. Na ja, fast. Aber immerhin ist dies eine sehr bevölkerungsreiche Metropolregion. Im Dezember 2018 ging ich zu einer dieser Möglichkeiten und ließ mich untersuchen – und stand vor einem noch größeren Problem, im wahrsten Sinne des Wortes. Aus 48 mm wurden im CT mehr. Deutlich mehr. 57 mm. Das war mehr als die 55 mm der Grenzwertdefinition. Damit war eine Operation geboten.

Erster Anlauf

Damit startete die Prä-Operationsdiagnostik. Ein sogenanntes Schluckecho war der erste Schritt. Ein Schallkopf wird ein Stück weit die Speiseröhre hinuntergeschoben, um an optimaler Position zu messen. Optimal, da man hier fast direkt an den Strukturen ist, die man beobachten will. Keine Rippen, die den Blick verbergen.

Klingt nicht sonderlich angenehm. Ist es sicherlich auch nicht. Ich hatte mich im Jahr 2018 dafür abschießen lassen. Es soll Leute geben, die das mit etwas Betäubung im Rachen machen. Aber so hart im Nehmen fühlte ich mich dann doch nicht.

Manchmal bin ich schon ein Weichei. Ich ließ mich sedieren, sodass ich gar nicht sagen kann, ob das nun besonders unangenehm war. Ich erinnere mich nur, dass ein Arzt sagte: „Keine Sorge, wir kümmern uns um Sie.“ Und wenig später wachte ich unter einer Decke auf. Ich vermute, dass man mich mit Propofol abgeschossen hat, und das Zeug ist schon eine geniale Sache in den Händen von Ärzten.

Das Seltsame: Sie konnten dort nur 48 mm messen. Das, was auch in Koblenz gemessen wurde. Das, was auch von meinem Kardiologen im normalen Ultraschall gemessen wurde. Keine Spur von den 57 mm, die im CT gemessen worden waren.

Ich entschied mich trotzdem nach den Ergebnissen zusammen mit meinem Kardiologen, die Operation erst einmal weiter zu planen, auch wenn er die Messung aus dem CT nicht reproduzieren konnte. Aber das CT hat den Ruf, präziser zu sein und durch die 3D-Darstellung Dinge zu zeigen, die der Ultraschall nicht zu sehen vermag. So kam ich dann an meinen ersten OP-Termin.

Ausschlaggebend, die Operation anzugehen, war zudem auch ein vollständig anderer Gedanke: Entscheidend war die Frage des Kardiologen, ob ich wirklich die nächsten zehn oder zwanzig Jahre mit völlig angezogener Handbremse leben wollte. Denn das Leben mit Aneurysma bedeutet, dass man genau das machen muss, wie ich schon schrieb. Der Wert aus dem CT und diese Überlegung führten dann dazu, dass ich meinen Kardiologen bat, mich für die Operation anzumelden.

Jene Operation wurde für den Februar 2019 terminiert. Ich hatte noch einige Wochen bis zur OP. Und bis dahin waren noch einige Wochen mit Arbeit zu verbringen. Ich bin tatsächlich noch zwei oder drei Werktage vor dem geplanten Operationstermin zu einem Kunden etwa 400 km gefahren. Der Termin lief an sich gut, aber meine Kollegin merkte gleich, dass ich gedanklich nur zur Hälfte vor Ort war. Man ist mit den Gedanken so kurz vor der OP überall und nirgends, und es kostet Anstrengung, all das während des Kundentermins von sich zu schieben. Es war trotzdem wichtig für mich. Ich hätte nicht einfach nichts tuend zu Hause sitzen können. Und ich konnte die nötige Konzentration zusammenkratzen. Vielleicht kein Highlight-Termin, aber ein guter.

Es war allerdings nicht mein erster Termin in der Zeit zwischen dem Krankenhausaufenthalt in Koblenz und der möglichen OP. Beruflich musste es ja weitergehen. Der erste Termin nach jener Nacht Ende November war tatsächlich wieder um und bei Koblenz. Schließlich war da immer noch die Welt zu retten.

Mein jüngster Bruder war damals bei meinen Eltern für einen längeren Besuch zu Gast und erklärte sich bereit, mit mir die Strecke zu fahren, den Tag in Koblenz zu verbringen und mit mir wieder zurückzufahren. Um nicht völlig allein die Fahrt im Auto zu unternehmen und gegebenenfalls jemanden dabei zu haben, falls irgendetwas schiefgehen sollte. Denn wer wusste, was passieren würde? Ich nicht.

An dem Tag gelangen mir wesentliche Schritte, um das Problem beim Kunden zu lösen, da ich es eingrenzen konnte. Und da ich selbst nicht fuhr, musste ich mich auch nicht um irgendwelche Arbeitszeiten kümmern. Für den nächsten Termin war ich dann schon wieder allein unterwegs und habe dann wirklich die Welt gerettet, zumindest diese kleine Welt.

Zwischendurch gab es immer wieder Diagnostik in Vorbereitung der OP. Es ist „Best Practice“, vor solchen Operationen einen Herzkatheter zu machen. Chirurgen mögen anscheinend nicht überrascht werden. Wenn man die Haube schon einmal aufmacht, will man wissen, was man vielleicht noch gleich mit erledigen kann. Sie wollen wissen, was sie erwartet. Den Brustkorb zu öffnen ist keine Kleinigkeit. Das will man nicht so oft machen.

Ich musste dafür ins Krankenhaus. Der Herzkatheter brachte allerdings nichts zutage, was besorgniserregend war. Das Herz war tipptopp. Keine Stenosen. Nur dass ich halt das Aneurysma hatte. Aber das wusste ich ja schon.

Ich scherze seitdem, dass meine Eltern damals ein von Michelangelo (dem Buonarroti, nicht der Schildkröte) handgedengeltes Herz für mich bestellt haben, leider aber die Werkstatt dieses Superherz mit einer Aorta aus der Knüllerkiste des lokalen Restpostenladens montiert hat. Das fühlt sich an wie eine Suppenzoom-Flaschenbodenoptik an einer Nikon D6.

Ein Herzkatheter ist eine seltsame Sache. Er findet nur mit lokaler Betäubung statt. Ich konnte auf den Bildschirm blicken und sah, dass der Arzt mir einen Katheter von der Leiste durch die Aorta bis kurz vors Herz geschoben hatte, sich dann in die Kranzgefäße einfädelte und dort mit Kontrastmitteln die Herzkranzgefäße darstellte. Davon spürt man bis auf das Drücken an der Schleuse an der Leiste genau gar nichts. Und das hat etwas sehr Surreales. Ernsthaft. Der Doc prokelt da gerade mit einem „Draht“ in einem herum. Und man guckt zu.

Wobei: Werner Forßmann, der in einem Selbstversuch die erste Herzkatheterisierung an einem Menschen durchgeführt hat, ist wohl mit dem Katheter bis in den Röntgenkeller der Klinik gegangen. Ich durfte da fünf Stunden nicht aufstehen, da ein Druckverband an der Leiste lag. Es muss sich irgendwann herausgestellt haben, dass Herumlaufen eine dämliche Idee in dieser Situation ist. Sein Chef – also der von Forßmann – hat das Ganze dann auch als Zirkusnummer deklariert. Eine Zirkusnummer, für die er den Nobelpreis bekommen sollte. Aber da hat er meines Wissens schon als Urologe gearbeitet.

Das Problem war allerdings: Auch hier waren die 57 mm nicht zu sehen. Da es aber nur noch wenige Tage bis zum geplanten OP-Termin waren, entschlossen wir (mein Kardiologe und ich), dass ich ins Krankenhaus fahren würde, sich das Krankenhaus aber noch einmal selbst ein Bild machen sollte, bevor das Skalpell zum Einsatz kommt. Der Kardiologe sprach mit dem Krankenhaus, um die Ärzte auf diesen seltsamen Umstand hinzuweisen, dass es diese Aufnahme vom CT und abweichende Messungen in den Ultraschallaufnahmen gab, informierte sie aber auch über den zweiten Grund.

Ich bekam einen Anruf vom Chefarzt des Krankenhauses, der das auch alles ein wenig seltsam fand, aber erst einmal meinte: „Kommen Sie erst einmal vorbei, wir machen aber vorher noch ein MRT. Wir schauen noch einmal selbst nach. Und dann entscheiden wir.“

Und so wartete ich in jener Zeit auf den Tag, an dem ich ins Krankenhaus fahren sollte. Unsicher, ob ich überhaupt operiert werden würde. Das ist eine sehr merkwürdige Situation.

Vorbereitungen – erster Versuch

Ich musste aber erst einmal davon ausgehen, dass das der Tag werden würde. Ich hätte schlecht sagen können: „Okay, ich muss dann noch einmal packen und shoppen gehen.“ Außerdem lenkten mich die Besorgungen ab. Ich kam noch kurz vor dem Termin zu der Überzeugung, dass ich zwei Schlafanzüge brauchen würde. Ich wusste bis dahin nicht, wie schwer es ist, in Lüneburg einen Schlafanzug mit Knopfleiste zu finden, der nicht danach aussah, als hätte das letzte Design-Review irgendwo zur Mitte des letzten Jahrhunderts stattgefunden.

Ich muss korrigieren: Es war nicht schwer, es war unmöglich. Ich fand welche. Das war nicht das Problem, nachdem ich den passenden Laden gefunden hatte. Ich kaufte sie auch. Sie sahen eben nur so aus, als würden sie im Lexikon als Bild beim Wort „altbacken“ stehen können. Ich hatte zwei Schlafanzüge, die tatsächlich so aussahen, wie ich sie nicht haben wollte – und wie ich sie nach dem Krankenhausaufenthalt mit Sicherheit nie wieder tragen würde.

Ich hätte wahrscheinlich in den Schlafanzügen wie mein Opa ausgesehen. Es hätte modernere Schlafanzüge gegeben. Nur eben ohne Knopfleiste. Warum unbedingt Knopfleiste? Damit man nichts über den Kopf ziehen muss, um eine Untersuchung zu ermöglichen. Da die Rippen aus dem Weg müssen, werden diese aufgetrennt. Dann geht das mit Armen über dem Kopf nämlich erst einmal gar nicht. Und das macht viele Dinge sehr schwer. Also Knopfleiste, damit man für eine Untersuchung das einfach aufknöpfen kann.

12.02.2019

Ich fuhr am 12.02.2019 ins Krankenhaus. Ich meldete mich in der Aufnahme, füllte jede Menge Papierkram aus. Es lief alles erst einmal unter der Annahme, dass ich operiert werde. Dann fand die Bildgebung statt: Es wurde dort das erste MRT meines Brustraums gemacht. Dieses war noch mit Kontrastmitteln. Es war auch das einzige MRT mit diesem Hilfsmittel. Und was soll ich sagen? Auch dort konnte man mit keinem Verfahren die Messwerte aus dem CT bestätigen.

Ergebnis: Ich wurde nicht operiert. Man hätte es getan, wenn ich darauf bestanden hätte. Aber irgendwie habe ich nicht darauf bestanden. Man sagte mir, dass das Aneurysma so geformt sei, dass man doch ganz gut warten könne. Ich verstand das so: „Es ist da, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es platzen wird, ist bei der gemessenen Weite momentan vertretbar.“

Von einer der deutschen Koryphäen in diesem Bereich gesagt zu bekommen, dass man warten kann, hat den festen Entschluss, es unabhängig vom Messergebnis zwecks Handbremsenlösung durchführen zu lassen, aufgeweicht.

„Momentan nicht operationswürdig“ steht im Bericht von damals. „Kommen Sie in einem halben Jahr zum MRT wieder. Wir machen ab jetzt eine enge Verlaufskontrolle.“ Ich stand vor dem Krankenhaus in Hamburg, wartete auf meinen Bruder – jenen Bruder, der mich im Jahr 2025 wieder zum Krankenhaus bringen sollte – und dachte im Grunde genommen das Gleiche wie in Koblenz vor dem Krankenhaus: „Shit.“

Du magst dich über die Reaktion wundern. Eigentlich muss man sich ja freuen, wenn es nicht auf den Tisch geht. Ist ja toll, wenn man um eine schwere Operation herumkommt. Aber ich hatte mich über Wochen auf diese Operation vorbereitet. Gedanklich. Hatte meinen Frieden damit gefunden, dass sie mir meinen Brustkorb öffnen. Und dann: „Nope!“ Das ist schon extrem antiklimaktisch. Das, worauf ich in den letzten Wochen wie ein Kaninchen auf die Schlange geblickt hatte, fand nicht statt. Das ist etwas, das man auch erst einmal verdauen muss.

Zudem: Ich bin ja nicht um die OP herumgekommen. Diese stand mehr oder minder unumstößlich fest. Das Problem war weiterhin da. Die Beseitigung wurde nur in die Zukunft geschoben. Mir war dadurch klar, dass ich irgendwann noch einmal durch die ganze Vorbereitung musste. Dass die Gedanken alle wiederkommen würden, wenn es irgendwann wirklich so weit sein würde. Und 2025 fand sie ja auch statt.

Ich bin mir aus heutiger Sicht nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Vielleicht hätte ich auf die OP bestehen sollen. Denn die folgende Zeit hat mich stark verändert.

Schlafanzüge

Einen Vorteil hatte die Situation allerdings. Ich hatte die Schlafanzüge noch nicht ausgepackt. Ich hatte meine Eltern gebeten, diese zu waschen und vorbeizubringen, wenn ich sie brauchen würde. Am ersten Tag wäre ich wie immer zu Bett gegangen. Ich bin kein Schlafanzugträger im Normalfall.

Dann braucht man einige Tage keinen Schlafanzug, weil man diese äußerst kleidsamen OP-Hemdchen trägt. Es hängen halt eine Menge Schläuche und Kabel aus einem heraus, und diese sind mit normaler Schlafbekleidung ein wenig inkompatibel. Das Privileg, eine Hose zu tragen, kommt erst etwas später zurück. Und erst wenn man diese zivilisatorische Errungenschaft wieder erlangt hat, braucht man den Schlafanzug – wenn der eine oder andere Schlauch eben nicht mehr nötig ist.

Ich hatte diese Schlafanzüge tatsächlich erst sehr wenige Tage vor der OP gekauft, weil ich da erst in einer etwas schlaflosen Nacht gelesen hatte, wie nützlich diese später sein würden. Die Schlafanzüge waren noch nicht ausgepackt und gewaschen, als ich wieder nach Hause kam. Ich wurde 2019 nicht operiert. Ich endete also nicht mit den wohl hässlichsten Schlafanzügen Lüneburgs in meinem Schrank. Die brachte ich nämlich wieder zurück.

Missverständnis

Was war überhaupt passiert? Warum dieser Fehler? Wobei ich heute eher die Vermutung habe, dass hier irgendwo ein Kommunikationsproblem vorlag. Woher kamen die 57 mm? Habe ich etwas fehlerhaft kommuniziert?

Über die Zeit haben sich mehrere Vermutungen dazu herauskristallisiert: „Too much Information“ im Befund, also dass eine eigentlich nicht so sinnvolle Information mitgegeben wurde, die etwas anderes sagen sollte, aber falsch rüberkam. „Nicht lotrecht“ gemessen wäre auch eine Möglichkeit. Für Letzteres stellt euch einen Gartenschlauch vor. Schneidet ihn lotrecht zur Flussrichtung ab und dann noch einmal schief (also nicht lotrecht). Messt nach, wie groß der Radius ist. Das eine ist ein Kreis, das andere eine Ellipse. Das könnte eine Erklärung sein. In einer Achse stimmte die Messung. Nur in der anderen nicht.

Auf der anderen Seite wurden damals die 57 mm an einer ganz bestimmten Stelle gemessen, die beim letzten Ultraschall vor der OP im Jahr 2025 sehr viel kleiner beobachtet worden ist. Passt auch alles nicht zusammen.

Habe ich mich vielleicht während der Aufnahme bewegt? Ich weiß, dass ich mich bewegt habe. Aber eigentlich nicht während der Aufnahme. Ich fände es aber sehr seltsam, wenn dabei eine falsche Messung und kein ungültiges Bild herausgekommen wäre.

Aber warum genau die 57 mm im Raum standen, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Es ist immerhin jetzt sieben Jahre her. Ich bin mittlerweile operiert worden. Bei 54 mm an anderer Stelle der Aorta. Wenn ich mir die Messwerte so ansehe, dann war da aber sonst keine Stelle bei 57 mm.

Ich weiß es nicht. Ist aber eigentlich auch egal. Einer der Hauptgedanken war ja, dass ich nach der OP die Handbremse wieder herausnehmen könnte. Es muss mir dann vor Ort, als ich die OP mit meinem Wunsch hätte durchsetzen können, nicht mehr so wichtig gewesen sein, die Handbremse herauszunehmen. Mutter Courage stand mir blöd im Weg oder war schnell weg, sich einen Kaffee holen. Denn ich habe den Wunsch nicht geäußert. Und fuhr nach Hause.

Abwarten

Ich lernte, mit dem Aneurysma zu leben. Vielleicht auch ein wenig zu gut. Es blieb ja lange etwa im Bereich der Messtoleranzen gleichkalibrig in meiner Brust. Und ich hatte einfach so ein bisschen die Hoffnung, dass mein Aneurysma eine Normvariante war, dass es beim gemessenen Wert bleiben würde. Dass es kein pathologischer Prozess war, sondern einfach: „Just the way things are with Jörg“.

  1. Role of Exertion or Emotion as Inciting Events for Acute Aortic Dissection (Ioannis Hatzaras et al.), 2007 

Written by

Joerg Moellenkamp

Personal opinions, observations, and thoughts