(Ein wichtiger Hinweis: Ich bin medizinischer Laie. Ich habe nur lange mit meiner Krankheit gelebt. Ich kann alles medizinische hier falsch verstanden oder falsch wiedergegeben haben. Jede in diesem Text wiedergegebene Information ist potentiell aus dem Zusammenhang gerissen, falsch, unvollständig. Hört auf Euren Arzt! Fehler sind meine Fehler, nicht die meiner Ärzte.Meine Erfahrungen sind anekdotisch. Eure Erfahrungen können anders sein.)

Lehren

Ich habe viel über mich geredet. Wenn ihr wirklich bis hierher gelesen habt, bin ich euch dankbar.

Man sagt, dass es im Leben „Learning Opportunities“ gibt. Aber eigentlich ist das aus meiner Perspektive nicht ganz treffend, weil es nahelegt, dass es Zeiten gibt, in denen man nichts lernt. Das stimmt so nicht. Ich kann mich an keinen Tag in meinem Leben erinnern, an dem ich nichts gelernt habe. Es sind vielleicht nur Kleinigkeiten. Aber man lernt über sich, über andere Menschen, über die Welt, über sich im Zusammenspiel mit der Welt. Neugier ist vielleicht gar nicht das Suchen nach Neuem, sondern der Wille, wahrzunehmen, was einem die Welt anbietet zu lernen. Ich habe noch keinen Tag in meinem Leben erlebt, an dem mir die Welt nicht etwas angeboten hätte zu lernen. Manchmal sind es große Dinge, wie eine neue Fähigkeit, manchmal sind es kleine Dinge wie die Erkenntnis, wie man auf eine Situation reagiert. Manchmal sind es große Mahlzeiten, die man vom Wissen der Welt nimmt, wie in der Schule, manchmal nur kleine Bissen im Alltag, wenn man erwachsen ist. Ich glaube, das bleibt so bis zum letzten bewussten Moment unseres Lebens. Ich hoffe es.

Natürlich ergibt sich dann die Frage, was ich aus meiner Krankheit in den letzten sieben Jahren gelernt habe. Was ich auf dem Weg der letzten drei Monate gelernt habe. Was sind meine Lehren, die ich gezogen habe? Viele Lehren sind schon im bisherigen Text enthalten. Manchmal direkt ausgedrückt, andere im Text verklausuliert. Was wären also meine großen Lehren, die ich aus den letzten sieben Jahren gezogen habe?

Keinen Raubbau an sich selbst zulassen, natürlich. Gesund leben, vor allen Dingen den Blutdruck unter Kontrolle haben. Blutdruck ist der stille Mörder. Was dieser Spruch nicht sagt, ist, dass hoher Blutdruck, wenn er dich nicht umbringt, sehr anstrengende Konsequenzen haben kann. Beispielsweise eine solche Operation.

Aber auch sonst: vielleicht weniger Stress, mehr Gesundheit. Bei einigen Leuten in der AHB habe ich mich schon gefragt, was sie an diesen Ort verschlagen hat. Sie erschienen so deplatziert. Sie erschienen mir zu jung, als dass das Leben sie schon ins Krankenhaus hätte bringen sollen. Als ob ein angeborenes Problem sie in die Operation geführt hätte. Trotzdem Herzinfarkt. Trotzdem eine Klappe, die eines Ersatzes bedurfte.

Ich habe das Gefühl, dass diese „Ich-muss-noch-schnell-die-Welt-retten“-Attitüde, wenn man sonst nicht auf sich aufpasst, ganz schnell auch in Bad Bevensen oder einer vergleichbaren Institution enden kann. Wenn sie nicht auf dem Karkhoff endet, wie man diesen Ort im Dialekt meiner Heimat nennt. Achtsamkeit bedeutet eben auch, dass man die Erkenntnis hat, dass man die Welt nicht allein retten muss. Die Welt kann nicht allein gerettet werden. Das ist ein Teamjob. Im Großen wie auch im ganz Kleinen. Und man hat durch das Team die Chance, auch Energie zu tanken, während andere die Rettung fortführen. Dass man genau schauen muss, welche Welt man zuerst rettet. Welche Welt man im Team rettet. Und welche Welt man ungerettet lässt. Es hat mich nur erschüttert, wie viel Porzellan ich auf dem Weg zerschlagen habe, damit diese profane und völlig offensichtliche Erkenntnis endlich in meinem Schädel angekommen ist.

Es gibt auch deutlich praktischere Lehren: Vielleicht bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung die Ärztin oder den Arzt darum bitten, den Ultraschall auch einmal in Richtung Aorta zu halten, um zu schauen, ob dort noch alles in Ordnung ist. Zumindest den Teil, der im Bauchraum liegt. Damit du nicht erst durch das Platzen eines Aneurysmas drei Minuten vor dem Tod informiert wirst. Denn nicht immer hat man das Glück eines Zufallsbefundes.

Wenn euch eine Diagnose ereilt, informiert euch darüber. Ich bin der Überzeugung, dass ein informierter Patient ein guter Patient ist. Ich meine hier mit Informieren nicht irgendwelche fragwürdigen Informationen aus sozialen Netzwerken, bei denen man nicht wirklich überprüfen kann, woher diese Informationen stammen. Sondern sich über die eigene Krankheit in Fachbüchern zu informieren. Studien zu lesen. Vor allen Dingen den Aufklärungsbogen kurz vor der Operation zu lesen. Wirklich zu lesen. Und nicht nur zu überfliegen und zu unterschreiben, weil die Operation ohnehin unausweichlich erscheint.

Je mehr man weiß, desto mehr gewinnt man das Gefühl, dass man nicht von der Krankheit gelenkt wird, sondern seinen eigenen Weg mit der Krankheit kontrolliert. Schaut euch trotzdem keine Operationsvideos auf YouTube an. Ich habe das auf die harte Tour gelernt. Es gibt auch Dinge, die man nicht unbedingt wissen muss. Und nicht unbedingt sehen muss.

Was ich aber auch gelernt habe, war, dass man auch so etwas durchsteht. Vor dem 29.9. sah all das sehr, sehr groß und sehr erschreckend aus. Es waren mit Sicherheit keine einfachen drei Monate, durch die ich gegangen bin. Aber man steht das durch. Ich habe das durchgestanden. Bei allen Befürchtungen. Bei allen Ängsten. Bei allem Schiss.

Man sagt immer, Kinder seien resilient. Um darauf hinzuweisen, wie einfach sie mit großen Änderungen umgehen können. Aber das ist nur die Hälfte der Geschichte. Wir alle haben diese Resilienz in uns. Alle Menschen sind resilient. Ich habe in den Menschen um mich herum so viel Kraft gesehen, weiterzumachen, auch wenn alles schwer erscheint. Wir haben nur, je älter wir werden, mehr Beharrungsvermögen darin, beim Alten bleiben zu wollen. Auch wenn es nicht gut für uns ist. Aber wenn wir große Änderungen annehmen, erkennen, dass Dinge nicht so sind, wie wir es uns erhofft haben, und sehen, dass manche Dinge auf Dauer nicht durchhaltbar und nicht gut sind, dann sind wir genauso fähig, mit diesen Herausforderungen klarzukommen.

Ende

Ich möchte mich am Ende dieser Reihe eines leicht veränderten Textes des deutschen Alltagsphilosophen Thomas D. bedienen. Es ist ein Text, den ich vor längerer Zeit nahezu in dieser Form für einen Brief geschrieben habe, den ich nie abgeschickt habe. Er erscheint mir hier aber passend, sodass ich damit den Bericht über die letzten sieben Jahre schließen will.

Denn da wir alle in unseren Ängsten innerlich noch Kind,
und da die, die uns erwachsen scheinen, unsere größten Helden sind,
beschreib ich meine Welt mit meinen Sorgen in mir.
Denn ich bin noch da, nein, ich bin trotzdem noch hier,
da die Fähigkeit zu berichten mir geblieben ist,
und Schicksal und Krankheit ein Bestandteil unser aller Leben ist,
wurde der Wunsch, sich mitzuteilen, erweckt, und was in meiner Erinnerung schlief,
führte hier Feder und schrieb diesen langen Brief.

Ja, ich weiß … ich werde mir selber die Tür aufmachen und sie hinter mir wieder verschließen.

Danke!

Ich möchte mich in diesem Text bei einer Vielzahl von Personen bedanken. Die Reihenfolge stellt keine Wertung dar. Meine Dankbarkeit gegenüber all diesen Menschen ist groß. Ich bedanke mich bei …

  • meinen Eltern, meinen Geschwistern sowie den Ehepartnern und Lebensgefährten meiner Geschwister. Ihr musstet in der Zeit davor und danach ganz schön viel mit mir durchstehen. Ihr seid einfach großartig.
  • den Ärztinnen und Ärzten, den Kardiotechnikern, den Pflegerinnen und Pflegern sowie allen weiteren Mitarbeitenden des Albertinenkrankenhauses in Hamburg, insbesondere dem OP-Team um Prof. Dr. Hanke. Ich verdanke allen dort, dass das alles so gut gelaufen ist.
  • dem Team der Reha-Klinik in Bad Bevensen.
  • meinem Kardiologen dafür, über sieben Jahre ein Team in der Auseinandersetzung mit meiner Krankheit gewesen zu sein.
  • meiner Hausärztin dafür, mir auch einfach mal unbequeme Wahrheiten vor den Latz zu knallen.
  • meinem Manager, der großes Verständnis für meine Situation gezeigt hat.
  • meinen Kollegen, die meine Arbeit in der langen Zeit der Arbeitsunfähigkeit nach der OP übernommen haben.
  • all jenen Menschen, die mich auf dem Weg durch die letzten sieben Jahre begleitet haben. Manche die ganze Strecke, manche nur ein kurzes Stück. Auch wenn ich zu manchen – teilweise nicht im Guten – den Kontakt verloren habe, bin ich ihnen für die Begleitung dankbar und werde es stets sein. Ich habe weder sie noch ihre Begleitung vergessen.
  • euch, die ihr diesen Text bis ans Ende gelesen habt.
Written by

Joerg Moellenkamp

Personal opinions, observations, and thoughts