(Ein wichtiger Hinweis: Ich bin medizinischer Laie. Ich habe nur lange mit meiner Krankheit gelebt. Ich kann alles medizinische hier falsch verstanden oder falsch wiedergegeben haben. Jede in diesem Text wiedergegebene Information ist potentiell aus dem Zusammenhang gerissen, falsch, unvollständig. Hört auf Euren Arzt! Fehler sind meine Fehler, nicht die meiner Ärzte.Meine Erfahrungen sind anekdotisch. Eure Erfahrungen können anders sein.)
Ich hatte also das Albertinenkrankenhaus verlassen. War zu Hause. Wie ging es nun weiter?
Anschlussheilbehandlung
Es ist ein sehr sperriges Wort: Anschlussheilbehandlung. Ein auf seine Art und Weise typisch deutsches Wortungetüm. Jene Aneinanderreihung von Worten, über die ich mittlerweile in Vorträgen vor internationalem Publikum Witze mache. Denn irgendein Wortungetüm kommt fast immer in meinen Vorträgen vor. Ich erkläre aber meist auch, dass die langen deutschen Worte eine Zusammensetzung kürzerer Worte sind. Wir haben eigentlich nicht mehr Buchstaben pro Wort, sondern eigentlich nur weniger Leerzeichen pro Satz. Wie auch immer, man möge mir verzeihen, dass ich dieses Wort im Folgenden statt Anschlussheilbehandlung einfach nur AHB schreiben werde. Ich habe den Eindruck, dass das Ausschreiben dieses Wortes allein diesen Text im Umfang verdoppeln würde.
Einige Tage nach meiner Krankenhausentlassung war es so weit. Ich ging wieder in ein Krankenhaus. Yay. Schon wieder. Als hätte ich dieses Jahr schon nicht genügend Krankenhaustage auf meiner Stempelkarte gehabt. Corona lag hinter mir. Der Teststreifen war wieder schneeweiß. Aber warum schon wieder in ein Krankenhaus? Die stationäre AHB findet im Grunde in einem spezialisierten Krankenhaus statt. Es geht auch außerhalb von Krankenhäusern, aber ich hatte mich dagegen entschieden.
Nachdem man das Akutkrankenhaus verlassen hat, ist man noch lange nicht gesund. Oder gar fit. Daher ist die AHB nicht nur nach einer Aneurysma-OP dringend empfohlen. Ich war nach dem Akutkrankenhaus wirklich fertig und brauchte Erholung. Ich musste wieder, wie man hier so schön sagt, „wieder zu Potte“ kommen. Kraft aufbauen. Mich vom dauernden Liegen erholen. Die AHB ist dazu da, das weiterzuführen, was das Akutkrankenhaus gestartet hat. Die AHB soll einen wieder ins Berufsleben eingliedern. Daher wird sie auch nicht von der Krankenkasse bezahlt, sondern von der Rentenversicherung. Die Rekonvaleszenz ist auch nach der AHB noch lange nicht abgeschlossen. Aber man ist schon einen sehr deutlichen Schritt weiter.
Ich wurde einige Tage vor der Reise in die AHB endlich corona-negativ. Ich hatte schon gedacht, ich könnte nicht mit der AHB anfangen. Wobei, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich nicht so ganz unglücklich darüber gewesen wäre, hätte sich die AHB noch einmal verschoben. Nach der längeren Liegezeit im Krankenhaus mit Isolation fragte ich mich, ob ich gleich wieder drei Wochen ins Krankenhaus wollte. Ob ich so kurz nach überstandener Corona-Infektion wieder mit Sport anfangen wollte. Denn zu einem großen Teil ist die AHB Sport, auf einem niedrigen Level vielleicht, aber eben körperliche Betätigung. Ich war durch Kommentare im Fediverse, dass man in den ersten vier Wochen nach Corona eher den Ball flach halten sollte, ein wenig verunsichert worden. Ich wollte zudem nach den zehn Tagen Isolation erst einmal wieder meine soziale Batterie auffüllen mit Menschen, bei denen man einfach man selbst sein kann, weil sie einen schon Jahrzehnte kennen. Familie eben.
Auf der anderen Seite habe ich in den Tagen, in denen ich zu Hause war, sehr gemerkt, dass ich noch lange nicht wieder in einem körperlich guten Zustand war. Ich war müde, ich war ausgelaugt. Es bedeutet eine Menge, wenn ich ein Stück Kuchen größtenteils verschmähe. Ich war daher am Ende kurz vor der Abfahrt froh, dass ich negativ wurde und in die AHB konnte. Zu warten hätte sowieso nur mehr Probleme erzeugt. Die AHB muss man spätestens zwei Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt antreten, es sei denn, es stehen dem gute und wesentliche Gründe entgegen. Auf die Diskussion hatte ich offen gestanden keine große Lust. Also gewann die Vernunft, und ich fuhr in die AHB.
Bad Bevensen
Die stationäre Anschlussheilbehandlung wird in dafür spezialisierten Kliniken angeboten. Für mich war es die Rehaklinik des Herz- und Gefäßzentrums in Bad Bevensen. Es ging an einen der wohl langweiligsten Orte der Welt, die ich kenne: Bad Bevensen.
Es ist vielleicht nicht der Hintern der Welt. Die Bahnstrecke von Hamburg nach Hannover verhindert dies. Aber man kann ihn von Bad Bevensen aus deutlich sehen. Sehr deutlich.
Obwohl … das geht im Grunde genommen auch von Lüneburg aus. Alles hinter dem Elbe-Seitenkanal wird wirklich schön. Ich fahre dort gern mit dem Rad. Aber es ist halt alles etwas abseits. Die Elbe mit ihren wenigen festen Übergängen ist wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass es hier recht ruhig ist. Dann ist da auch noch die Trennung durch den Elbe-Seitenkanal, welcher tatsächlich auch als Barriere während des Kalten Krieges gedacht war. Sein Wesen als Barriere hat dieses Bauwerk irgendwie behalten, auch wenn der Kalte Krieg sein vorläufiges Ende fand. Für mich fängt hinter dem Elbe-Seitenkanal ein sehr ruhiges Gebiet an. Ehemaliges Zonenrandgebiet halt. Aber es erzeugt etwas, was zur Erholung essenziell ist: Ruhe.
Nebenbei angemerkt: Ich kann mir vorstellen, warum damals Gorleben als Atommüllendlager ausgewählt wurde. Wer konnte schon damit rechnen, dass sich ausgerechnet in diesem Zipfel Deutschlands (und zum Zeitpunkt der Entscheidung war es durch die noch bestehende DDR dort noch zipfeliger) so viel Widerstand entwickeln würde? Oder vielleicht hätte man gerade deswegen damit rechnen müssen. Ich glaube nicht, dass die Leute, die hier leben, sich viel gefallen lassen.
Zurück zu Bad Bevensen: Ich weiß, dass das eine sehr persönliche Einschätzung ist. Ich habe auch nichts gegen den Ort. Das hat einen sehr guten Grund dafür: meine große kleine Schwester. Ich finde den Ort aber nur wenig interessant. Wenn man aber in Lüneburg wohnt und den Trubel von Hamburg vermisst, dann ist Bad Bevensen vielleicht nicht die richtige Richtung, in die man ziehen sollte. Wahrscheinlich finden viele andere Leute den Ort für ihre Zwecke und Bedürfnisse toll. Ich habe schon von einigen Leuten gehört, die nach Bad Bevensen gezogen sind, weil sie in der Nähe des HGZ sein wollten, weil ihr Herz oder ihre Gefäße äußerst angegriffen waren und einer ständigen kompetenten Behandlung bedurften.
Wenn man aus Lüneburg kommt, liegt der Hauptvorteil von Bad Bevensen meines Erachtens darin, dass man dort sonntags dank der Bäderregelung einkaufen kann. Wenn man also total vergessen hat, dass schon der Samstagabend gekommen ist und der Kühlschrank leer ist, kann man sich mit einer Fahrt nach Bad Bevensen behelfen. Auch wieder eine sehr persönliche Einschätzung über den unbestreitbaren Mehrwert dieses Ortes.
Für mich sprachen eigentlich nur wenige Dinge für diesen Ort, aber diese waren sehr gewichtig und letztlich entscheidend. Das Herz- und Gefäßzentrum hier genießt einen sehr guten Ruf. Dahinter steckte die Idee: Wenn etwas in der Reha schiefgeht, ist eine Akutklinik hier gleich vor Ort, die weiß, was sie bei Herzchirurgie tut. Kopfsache. Und ich hatte ein Supportsystem vor Ort: Meine Schwester lebt hier mit ihrer Familie.
Wenn ich das Gebäude richtig verstanden habe, ist das HGZ so aufgebaut, dass man bei einer Herz-OP von hinten nach vorne durchgereicht wird. Hinten (von der Straße aus gesehen) ist in einem neuen Gebäude die Herz- und Gefäßchirurgie wohl mit Intensivstation, in der Mitte das Akutkrankenhaus und ganz vorne die Rehabilitationsklinik. Ich fühlte mich also in besten Händen.
Klar wäre ich für die AHB lieber an die Ostsee gegangen. Einfach, weil es schöner gewesen wäre als die Klinik am Rande der St… äh … am Rande des Allerwertesten der Welt. Und ich liebe halt die See. Aber vieles wäre dann komplizierter gewesen. Besuch. Versorgung (ich hatte nicht genügend Bekleidung mit und wollte nicht die Gemeinschaftswaschmaschine nutzen. Warum auch, wenn der eigene Kleiderschrank einen Tee und 20 km entfernt war). Mich haben dort also eher praktische Erwägungen getragen, als ich mich für Bad Bevensen entschieden habe.
Ebenso charmant an Bad Bevensen war auch, dass es kaum 30 Minuten mit dem Auto sind, um von Lüneburg in diesen Ort zu gelangen. Aber auch eben nur 30 Minuten, um von dort wieder wegzukommen. Mit der Bahn ist es etwas mehr, aber zwischen Bevensen und Lüneburg ist mehr oder minder nur die Station Bienenbüttel. Man muss aber erst einmal zum Bahnhof kommen und dann wieder im anderen Ort von diesem weg. Schnell nach Lüneburg und wieder zurück wäre aber mit der Bahn kein Problem. Was auch dazu führte, dass ich beim Essen öfter hörte, dass man am Wochenende ja nach Lüneburg in die Stadt fahren würde. Mit einer Begeisterung, bei der ich mich fragte: „Okay, ich mag Lüneburg, aber sooooooo toll isses auch nu wieder nicht.“
Für mich war die Nähe gegen Ende der AHB von Bedeutung. Wenn die AHB beendet ist, ist man auch erst einmal aus dem engen Monitoring durch Ärzte raus, sondern wieder bei der normalen hausärztlichen Abdeckung. Ich wollte gegen Ende wissen, wie mein Kopf es am Ende der AHB mitmacht, wieder zu Hause zu schlafen. Also fuhr ich die letzten beiden Tage jeweils abends nach Hause, um morgens wieder in Bad Bevensen vor der Tür zu stehen. Am Ende sparte ich mir auch die Mahlzeiten. Und es klappte gut.
Drei Wochen am Rande der Stadt
Wie muss man sich so eine AHB vorstellen? Es gibt ambulante AHBs und es gibt stationäre AHBs. Ich hatte mich für eine stationäre AHB entschieden. Nach Aufnahme und Eingangsuntersuchung bekam ich erst einmal meine Unterkunft zugewiesen. Dritte Etage. Ich war für den Fahrstuhl echt dankbar. Der Bau ist schon etwas in die Jahre gekommen, aber die Räume waren zweckmäßig und sehr sauber. Irgendwann kam jemand aus der Therapieabteilung zu mir aufs Zimmer. Als Erstes ein Sechs-Minuten-Gehtest. Man möchte wissen, wie belastbar der Neuankömmling ist. Es wird ein Programm zusammengestellt. An dieser Stelle hatte ich darum gebeten, nicht an irgendwelchem Wassersport teilnehmen zu müssen. Ich bin halt lieber auf dem Wasser oder am Wasser als im Wasser. Der Wunsch wurde mir gewährt.
Und dann bekommt man einen Plan bis zum Ende der Woche, woran man teilnehmen muss. Schulungen, Sport, Untersuchungen, Anwendungen. Alles schön in einer Art Stundenplan niedergeschrieben. Leider hat man auch nicht unerheblich Freistunden. Ich habe tatsächlich den dritten Band der Trisolaris-Trilogie in der AHB geschafft. Aber ich denke, der Freiraum ist auch Teil des Programms. Und dann jede Woche wieder neu. An diesen „Stundenplänen“ habe ich mich durch die Zeit gehangelt.
Morgens um kurz nach sieben „Meditatives Bewegen“. Ich kann es nicht beweisen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es bei dieser Veranstaltung nicht darum ging, sich um kurz nach sieben meditativ zu bewegen. Aus meiner Sicht fand die einzig wirklich bedeutsame Bewegung dieser Veranstaltung schon deutlich vor den 15 Minuten der Veranstaltung statt. Nämlich das Bewegen des Hinterns. Aus dem Bett, unter die Dusche. Frühsport, bei dem ich immer wieder die Gebrüder Blattschuss im Kopf hatte: „Und morgen erklären wir Ihnen, wie Sie diesen Knoten wieder auflösen“.
Vor dem Sport erst einmal Vitalparameter aufnehmen. Man machte das in der AHB selber. Ich habe irgendwann darauf verzichtet, mich in die Schlange für die Blutdruckgeräte zu stellen, sondern brachte mein eigenes Blutdruckgerät mit. Aufschreiben. Fieber messen. Aufschreiben. Wiegen. Aufschreiben. Frühstücken. Wenn man Pech hatte, Blutabnahme. Behandlungen. Sport. Schulungen. Mittagessen. Behandlungen. Sport. Schulungen. Abendessen. Nach dem Abendessen gab es kulturelle Veranstaltungen. Meine persönlichen kulturellen Veranstaltungen bestanden mehr oder minder aus Netflix gucken, Bücher lesen und in meinem Zimmer rumhängen. Familie besuchen.
Dass ich nicht so ganz die Zielgruppe für die offiziellen Abendveranstaltungen war, wurde mir spätestens klar, als ich eines Abends nichts ahnend zum Abendessen ging. Eine junge Frau sang im Foyer. „Amsterdam“. Wem das nichts sagt: Das ist aus dem Jahr 1984. Von einer Gruppe, die sich Cora nennt. Musik, die man in der Hitparade häufig gehört hat. Als ich vom Abendessen zurückkehrte, sang dieselbe Dame „Backe backe Kuchen“. Ich bin mir sehr sicher, dass einer der anwesenden Personen sich mit einem Wunsch einen sehr üblen Streich mit der jungen Frau geleistet hat. Anders kann ich mir die Musikzusammenstellung nicht erklären.
Ich habe mich ehrlich gesagt von Mahlzeit zu Mahlzeit gehangelt. Aber damit hatte ich gleichzeitig auch ein größeres Problem, das aus meiner langen Isolation entstand. Es ging um den Umgang mit der Enge.
Enge
Man muss dazu wissen, dass es in Bad Bevensen ein Patientenrestaurant gibt. Man bekommt das Essen nicht auf dem Zimmer. Stattdessen geht man – wenn man nicht erwiesenermaßen eine ansteckende Krankheit hat – in einem großen Patientenrestaurant essen. Das ist Teil deren Behandlungsphilosophie. In diesem Restaurant sitzen viele Leute recht eng beieinander.
Man ist sich anscheinend der Herausforderungen bewusst, die es mit sich bringt, so viele Leute so eng nebeneinander zu setzen. Es gab hier noch die Plexiglasabgrenzungen zwischen den Plätzen, die während Corona in Mode gekommen sind. Man muss sich das als so eine Art Plus vorstellen, das einen nahezu quadratischen Tisch in vier Segmente unterteilt. Warum man allerdings dann zwei Tische aneinandergestellt hat, damit beispielsweise das Segment rechts unten von Tisch A direkt ohne Abgrenzung neben dem Segment links unten von Tisch B saß, keine Ahnung. Da hätte man sich auch diese Abgrenzungen sparen können.
Maske
Ich habe in der Reha praktisch ständig Maske getragen. Wann immer ich in einem abgeschlossenen Raum war … Maske auf. Es war zwar unwahrscheinlich, dass ich gleich noch einmal Corona bekommen würde, aber ich hatte auch noch keine Grippeimpfung zu diesem Zeitpunkt. Und ich hatte keine Lust darauf, eine Grippe zu bekommen. Aus vielen Gründen. In der Hauptsache aber: keine Lust auf Isolation.
Ich aß sogar mit Maske. Maske kurz runterziehen. Ein paar Bissen essen. Atmen sollte man dann eh nicht. Sonst nennt sich das Verschlucken. Maske wieder hochziehen. Das funktionierte sogar ganz gut. Ich hatte halt sehr gute Gründe anzunehmen, dass ich mir ohne Maske irgendwas einfangen würde.
Ich bekam während der Reha so einige merkwürdige Blicke dafür zugeworfen. Aber wenn man so viele Leute um sich herum produktiv husten hört, einem das Geräusch hochziehender Nasen entgegenschallt, wird man vorsichtig. Ja, ich weiß, that’s life. Man muss nur in den ÖPNV oder in einen üblichen Supermarkt gehen, um das Gleiche zu hören.
Und ja, vielleicht bin ich da supervorsichtig. Ich trug in der Zeit auch bei meinen Verwandten Maske, um nichts aus dem Krankenhaus heraus einzuschleppen. Ich habe dafür mehrere sehr gute Gründe, zuvorderst, dass meine Eltern eben auch schon einen Tacken älter sind.
Nachdem ich mir in der Akutklinik Corona eingefangen hatte, wollte ich hier nicht noch einmal etwas anderes draufsetzen. Ich wollte mir nichts einfangen, das mich noch einmal für mehrere Tage in Isolation werfen würde. Und ich wollte nicht im Bett mit irgendeinem Infekt liegen, vielleicht sogar deswegen die AHB abbrechen. Das hätte ich schlicht mental nicht ausgehalten. Ich wollte meine drei Wochen in der AHB absitzen und mich dann auf meine mentale Rekonvaleszenz zu Hause konzentrieren.
Ich wäre wahrscheinlich irgendwann einfach nackt über den Krankenhausflur gerannt, hätte „Hascht mich!“ geschrien. Mit Pflegern, die mich zu fangen versucht hätten, im Gefolge. Und dann wäre ich wahrscheinlich in Lüneburg in ein drittes Krankenhaus gekommen. Mit jenen netten Menschen, die eine Jacke mitbringen, die hinten geschlossen wird. Oder wie sie eine mir immer noch nahestehende Person nennt: die Hab-mich-lieb-Jacke.
Risikoabschätzung
Mir ist dabei wieder aufgefallen, wie schlecht Menschen eigentlich in der Abschätzung eines Risikos sind und, noch schlimmer, das Risiko korrekt zu lokalisieren.
Wie auch immer: Mir schräg gegenüber saß ein Patient, der sehr genau darauf achtete, dass die Abgrenzungen zwischen den Plätzen mir gegenüber völlig geschlossen waren. Für ihn war ich einer der Reiter der Apokalypse. Als hätte ich mich für das vierte Pferd als Assistenztier entschieden.
Gleichzeitig hörte man dann an vielen Stellen eben das erwähnte Schnäuzen, das Husten, das so verdächtig danach klang, als würde die gesamte Lunge mit herauskommen, das Hochziehen der Nase. All die Zeichen eines wirklich gesunden Atemwegs.
Aber in den Augen meiner Mitpatienten war ich das Problem. Weil ich eine Maske trug. Ich musste also etwas haben. Derjenige, von dem wahrscheinlich das geringste Risiko ausging. Und das hat mir wieder gezeigt, wie schlecht Menschen eigentlich in der Einschätzung von Risiken sind. Das ist der Grund, warum es nie wieder möglich sein wird, irgendwann einmal die Gesellschaft in einen gemeinsamen Kampf gegen eine neue Pandemie zu führen. Wer Risiken nicht richtig einschätzen kann, kann dagegen auch nicht vorgehen.
Wechsel
Es ist schon etwas seltsam. Das HGZ scheint ständig Leute aufzunehmen und zu entlassen. Die meisten bleiben drei Wochen. Und gehen dann wieder. Das bedeutet, dass ein ständiger Wechsel um einen herum ist. Gesichter, die man einige Tage gesehen hat, verschwinden, während man selbst noch einige Tage vor sich hat. Währenddessen sieht man neue Gesichter, die noch da sind, während man selbst schon wieder zu Hause ist. Irgendwie geht aber alles in diesem Wechsel unter.
So richtig an die Menschen erinnern kann ich mich ehrlich gesagt nicht mehr. Ich erinnere mich an ein Band-Hoodie eines Sitznachbarn im Patientenrestaurant, das ich korrekterweise als Merchandise einer rechtsradikalen Band einschätzte. Ich war ein wenig erschrocken, wie offen er dieses trug. Er trug das Hoodie auch nur einmal. Muss also nicht nur mir aufgefallen sein.
Ich erinnere mich an eine Patientin, aber da auch nur an die knallroten Sportschuhe. „Rote Sportschuhe“ war gebildet. Die wenigen Worte, die man wechselte, ließen den Schluss zu. Dieser Mensch war der erste, der fragte, warum ich die Maske trage. Ich erinnere mich an die Sportschuhe.
Oder an die Patientin mit dem niedlichsten Assistenzhund, der mir bisher über den Weg gelaufen ist. Wer seinen oder ihren Hund für wohlerzogen hält, hätte dort einen Hund gefunden, von dem sich viele Hunde eine Scheibe hätten abschneiden können. Ich erinnere mich gern an den Hund.
Oder an den Patienten, der aus seiner beruflichen Praxis viele interessante Geschichten zu erzählen wusste, den es aber richtig übel erwischt hatte. Ich erinnere mich an die Veranstaltung zum Thema Stressmanagement. Auch wenn die Menschen unterschiedlichste Hintergründe hatten und unterschiedliche Krankheiten sie ins HGZ führten, so erschienen mir die grundlegenden Probleme in Bezug auf Stress ähnlich und so bekannt.
Ich fragte mich am Ende (und ich sprach diese Vermutung am Ende der letzten Veranstaltung der Stress-Reihe aus), ob der Stress uns quasi getroffen hat und wir daran erkrankt sind, oder ob wir den Stress haben, weil wir so sind, wie wir sind. Und die Krankheiten damit eine Konsequenz dessen sind, wie wir sind.
Aber an die Menschen? Das ist alles ein wenig an mir vorbeigelaufen. Ich habe mich um meine Rekonvaleszenz gekümmert, und das war es dann auch. Ich bin dort ja nicht hingefahren, um Menschen kennenzulernen, sondern um gesund zu werden. Die Menschen waren mir nicht wirklich wichtig in diesem Moment. Ich war zu sehr auf meine Krankheit fokussiert. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass während dieser AHB meine soziale Batterie zur Kontaktaufnahme mit neuen Menschen durch die Ereignisse des Jahres einfach leer war. Mir fällt das sogar mit halbwegs geladener Batterie schwer. Während jener Zeit war daran nicht zu denken.

Ich war in der AHB mit meiner Krankheit und meiner Operation ein wenig in der Minderzahl. Ich erkannte das bei der Frage in der Gymnastik, wer einen Brustschnitt hatte. Das ist die Sternotomie, die Eröffnung des Brustkorbs, von der ich schon schrieb. Manche gymnastischen Übungen belasten das Brustbein einfach zu sehr, sodass man die Übungen nur eingeschränkt oder gar nicht mitmachen durfte. Aber es meldeten sich jeweils recht wenige Leute.
Die weitaus meisten Menschen schienen mir nach Herzinfarkten und ähnlichen Ereignissen in der AHB zu sein. Manche Menschen erschienen mir so jung und sportlich, dass ich mich fragte, wie dieser Mensch zu seinem oder ihrem Problem gekommen ist. Ich fragte mich, warum diese Menschen in der AHB waren. Ich kann hier nur jede Leserin und jeden Leser dazu auffordern, sich um sich und sein Herz zu kümmern. Zu schnell ist man Patient in Bad Bevensen oder vergleichbaren Einrichtungen.
Ich habe den Eindruck, dass das ein zunehmendes Problem ist. Während meines Aufenthalts in Bad Bevensen war der Rettungshubschrauber ein regelmäßiger Gast am Krankenhaus. Mir sagte das zwar zum einen, dass ich mit dem Rehakrankenhaus die richtige Wahl getroffen hatte, da offensichtlich Notfälle hierher transportiert wurden. Meine Idee, das HGZ wegen des angeschlossenen Akutkrankenhauses zu wählen, war also doch nicht so doof. Ich wäre bei Problemen vermutlich ohnehin dorthin geflogen worden. Die Häufigkeit, wie oft der Rettungshubschrauber erschien, hat mich trotzdem ein wenig erschreckt.
Abschliessend kann man sich höchstens fragen, warum ich so sehr auf der negativen Seite geplant habe. Und das ist eine sehr berechtigte Frage. Warum ich nach Bevensen gegangen bin.
Gleichgewicht
Was macht man sonst so in der Anschlussheilbehandlung? Primär seinen Hintern bewegen. Ich machte unter anderem Gymnastik – das erste Mal seit meiner Schulzeit – und merkte erst hier, wie schlecht mein Gleichgewichtsgefühl für ein Kind vom Land über die Jahre überhaupt geworden war.
Ich meine, als Kind war ich beim In-Bäume-Klettern darauf angewiesen, dass das so einigermaßen mit dem Gleichgewicht funktioniert. Und ich bin als Kind viel in Bäume geklettert. Oder beim Balancieren über Bäume, die über Bäche ragten. Ich kann auch noch eine Rolle vorwärts und eine Rolle rückwärts. Meine weißhaarige Sportlehrerin aus Grundschulzeiten hat dafür gesorgt. Aber zumindest vom Landkind-Gleichgewicht ist kaum mehr etwas übrig. Wobei ich zugeben muss, dass ich mehr als einmal in meiner Kindheit nass nach Hause gekommen bin, weil das mit dem Balancieren nicht so gut funktioniert hat. Oder mit Schrammen, weil ich übermütig wurde.
Ich hatte Atementspannungstraining. Doch mit dem Ausschalten des Lichts schaltete sich meine Gedankenmaschine in den Modus „Jetzt können wir noch mal alle Gedanken nachholen, um aufzuarbeiten, was die letzten Wochen passiert ist“. Ruhe ist bei mir irgendwie wie Benzin aufs gedankliche Feuer zu schütten. Das Atmen hat da auch nicht viel geholfen, irgendwie Ruhe in den Schädel zu bringen. Aber ich musste wenigstens in dieser Zeit nicht auf irgendwelchen Dingen balancieren. Und das war schon ziemlich klasse.
Was mir gutgetan hat, war das schnelle Gehen während einiger Übungen. Ich habe zwar immer gesagt, dass ich manchen Nordic-Walking-Gruppen am liebsten ihre Stöcke um den Hals binden möchte. Aber davon muss ich jetzt Abstand nehmen. Ich lief mehr als einmal im Rahmen von für mich eingeplanten Übungen mit eben solchen Stöcken in der Gruppe ums Rehakrankenhaus. Das hat mich nach der OP vorangebracht. Man braucht das nach der OP wirklich. Klingt nicht nach viel. Aber in der ersten Woche nach der Entlassung will man auch nicht wirklich viel mehr. Am Ende der AHB bin ich sogar wieder gelaufen. Nicht viel. Mit Unterbrechungen. Aber ich merkte daran: Das bringt ja wirklich etwas.
Den meisten Spaß gemacht hat das Ergometertraining in der AHB. Tägliches Ergometertraining. Aber nur 100 Watt. Mehr wurde mir nicht zugestanden. War auch okay, nur auf der Borgskala bin ich damit nicht über 7 bis 8 hinausgekommen. Die Borgskala ist schon interessant: Anstatt einfach nur irgendwelche Messwerte aufzunehmen, fragt diese Skala, wie man sich mit der Belastung fühlt. Ist es sehr anstrengend? Ist es eher sehr leicht? Die Skala beantwortet also die Frage, was die Belastung mit einem macht. 7 bis 8 deutete schon auf eher geringe Belastung hin.
Aber all das zeigte mir, dass ich mich mit der Operation nicht völlig schonen musste. Dass mir die Nähte im Körper nicht auseinanderfliegen würden, nur weil ich mich ausbelaste.
Blut
In meiner Zeit im Akutkrankenhaus und in der AHB musste ich etwas relativ häufig abgeben: Blut. Ich habe damit kein Problem. Ich war Blutspender, bis mir das DRK schrieb, dass man aufgrund des Aneurysmas von mir als Spender absehen würde. Ich weiß zwar nicht so recht, was da das Problem war, aber das DRK entschied nun mal so. Trotzdem hinzugehen war aber keine Option. Man hätte gesehen, dass ich gesperrt gewesen wäre, ich hätte zudem ankreuzen müssen, dass mir die Blutspende schon einmal verweigert wurde. Und man hätte mich ohne Möglichkeit zur Spende wieder nach Hause geschickt.
Wenn jemand das Blutabnehmen richtig gut kann, merke ich das eigentlich noch nicht einmal so richtig, dass mir da gerade jemand ans Blut will. Diese Menschen sagen kurz „Es wird jetzt kalt“ (muss man da eine Schulung besuchen, die man ohne diesen Satz nicht besteht? Ich höre diesen Satz wirklich immer …), und dann läuft eigentlich auch schon fast das Blut.
Das eigentliche Problem entsteht dann, wenn das jemand nicht kann. Und das ist leider nicht nur eine Randerscheinung im Medizinwesen.
Blut abnehmen ist anscheinend etwas, das man entweder kann oder nicht kann. Es scheint irgendwie kein Zwischending zu geben. Entweder hat man einen Pfleger oder eine Pflegerin, der oder die in einem herumstochert, es nicht hinbekommt und irgendwann zu den gemeinen Stellen übergeht, weil es dort scheinbar einfacher ist. Es stellt sich dann meist bei mir heraus, dass es nicht einfacher ist. Es tut nur mehr weh. Ich habe schon mit zusammengebissenen Zähnen beim Blutabnehmen gesessen, weil mir jemand das Blut am Handrücken entnehmen wollte. Das Ganze gibt sehr interessante Blutergüsse. Insbesondere mit Blutverdünnung. Beispielsweise bei mir einmal einen gefühlt flächendeckenden grüngelben Handrücken.
Oder man hat jemanden, der oder die die Nadel ansetzt, sticht, trifft und die Blutabnahme in Nullkommanix abschließt. No big deal.
Es gibt hier keine Glockenkurve. Keine große Gruppe von Menschen, die das ganz gut hinbekommt. Sondern nur Extremwerte. Okay, Experten der Blutabnahme mögen da auch eine Glockenkurve erkennen. Ich vermag es nicht.
Mag vielleicht auch damit zusammenhängen, dass ich die Leute aufteile in „Ein Stich, ein Treffer“ und „Nadelkissen“. Es war aber auch bisher so, dass ich nie jemandem bei Blutabnahmen begegnet bin, der vielleicht zwei Versuche gebraucht hat. Nein. Es waren immer die Extremwerte.
Das Ganze war nicht so sehr ein Problem im Akutkrankenhaus. Da hatte ich einen Zugang, aus dem sie auch das Blut für die Proben entnommen haben. In der Anschlussheilbehandlung war das eine Herausforderung. Die meisten Mitarbeiter, mit denen ich da zur Blutabnahme Kontakt hatte, konnten das sehr gut. Aber eben manche auch nicht.
Ich habe dicke Haut. Ich weiß, dass ich es den Leuten damit beim Blutabnehmen nicht einfach mache. Aber einige der Blutabnahmen sind mir sehr negativ im Bewusstsein geblieben. Wobei ich erst spät gesagt habe, dass nun Schluss sei und jemand anderes vielleicht versuchen sollte, mir das Blut abzunehmen. Man will ja kein Aufheben machen. Wenn aber beim vierten Versuch (mittlerweile am Handrücken, unter deutlichem Zusammenbeißen der Zähne) kein vernünftiger Blutfluss zustande kommt, hat man, glaube ich, alles Recht dazu, jemanden zu bitten, der auf der anderen Extremwertseite steht. Mit einem gewissen Flehen im Blick. Und mit mehreren Pflastern auf dem Weg aus dem Raum zur Blutabnahme.
Körperliches Zurechtfinden
Körperlich ging es in der AHB schnell aufwärts. Ich fühlte mich schnell nicht so richtig ausgelastet. Ich hatte gehofft, dass ich in der Reha an meine momentanen Grenzen gebracht werde. Von dieser Grenze hätte ich dann zehn oder 25 Prozent abgezogen, und das wäre für die nächste Zeit mein körperliches Limit gewesen. Aber das funktioniert so nicht. Die Reha und alles, was folgt, nähert sich dieser Grenze von unten an und verschiebt diese Grenze immer weiter nach oben.
Ich habe früher 250 bis 300 Watt über 20 Minuten getreten. Diesen Sommer waren es immerhin noch 220 bis 250 Watt. Diese Fitness ist nicht mehr da. Bei weitem nicht mehr. Daran werde ich noch weiter arbeiten müssen.
Zudem hat man einen Limiter im Kopf. Beim Belastungs-EKG hätte ich noch deutlich mehr gekonnt als 175 Watt über zwei Minuten. Meine Beine erinnern sich an das viele Radfahren, was mir das Treten hoher Wattzahlen recht einfach macht. 175 Watt sind laut Arzt schon sehr viel. Es ist okay. Normalerweise gehen wohl die Leute mit typischerweise 100 Watt nach Hause.
Aber ich merkte auch: Ich traute mich nicht mehr zu treten. Ich überlegte: Ich habe da Nähte im Körper. Wo die Prothese an die verbleibende Aorta angeschlossen wurde. Wie viel halten die eigentlich aus? Und dann die ganzen Überlegungen zum Thema Blutdruck. Nur weil man das hat operieren lassen, heißt das noch lange nicht, dass man diesen Mindset verloren hat. Wie viel darf man jetzt eigentlich genau? Dutzende Gedanken, die dann irgendwann eine mentale Begrenzung bedeuten.
In meinem Abschlussarztbericht steht beim Belastungs-EKG Dyspnoe als Abbruchgrund. Aber das stimmt so nicht. Es war Schiss. Und ich muss ja niemandem etwas beweisen. Es war ja ohnehin ohne Belang für mich, wo ich da rauskomme. Also bin ich meinem Kopf gefolgt, der mir sagte: „Hör mal lieber auf.“ Und das kann man wahrscheinlich so nicht in einen Arztbericht schreiben: „Patient Moellenkamp hat das Belastungs-EKG bei 175 Watt wegen Schiss beendet.“ Wobei: Schiss ist mit Dyspnoe vergesellschaftet. Passt vielleicht dann doch.
Mentales Klarkommen
Körperlich ging es nach der AHB erstaunlich gut. Ich hatte aber unterschätzt, wie sehr mich mein Kopf danach noch beschäftigen sollte. Darum soll es morgen im fünfzehnten Kapitel gehen.