(Ein wichtiger Hinweis: Ich bin medizinischer Laie. Ich habe nur lange mit meiner Krankheit gelebt. Ich kann alles medizinische hier falsch verstanden oder falsch wiedergegeben haben. Jede in diesem Text wiedergegebene Information ist potentiell aus dem Zusammenhang gerissen, falsch, unvollständig. Hört auf Euren Arzt! Fehler sind meine Fehler, nicht die meiner Ärzte.Meine Erfahrungen sind anekdotisch. Eure Erfahrungen können anders sein.)

Glückliche Unfügung

Es war natürlich grober Unfug, dass ich trotz allem mit dem Auto nach Koblenz gefahren bin. Und jeder vernünftige Mensch hätte mir wahrscheinlich gesagt: „Geh morgen in Lüneburg zum Doc“. Aber was hätte der machen können? Er hätte vermutlich keinen Ultraschall gemacht, der hohe Blutdruck wäre vielleicht vorbei gewesen, und ich wäre kein Stück weiser als davor.

Hindsight is 20/20. Ich kann aus heutiger Perspektive sagen: „Hätte der Hausarzt mal einen Ultraschall an einer Stelle gemacht, an der eigentlich Kardiologen arbeiten. Oder mich ins CT geschickt“. Wobei ich nicht einmal weiß, ob das mit jedem Ultraschallgerät, das ein Hausarzt so hat, so einfach geht. Aber aus heutiger Perspektive ist das alles einfach zu sagen. Aus der Perspektive von damals: Warum hätte er das tun sollen? Es gab wohl nie einen diagnostischen Hinweis, dass das in mir schlummerte.

Auf der Auskultation (mit einem Stethoskop abhören) war das vermutlich auch nicht zu hören, sodass mein Arzt wahrscheinlich keinen Grund für eine weitergehende Untersuchung gesehen hätte. Ich habe später gelernt, dass man wohl die turbulente Strömung eines Aneurysmas hören kann. Ich muss da Google glauben. Schließlich bin ich kein Arzt. Immerhin war ich wegen einer Erkältung vorher mehrfach mit dem Stethoskop abgehört worden. Oder wegen Vorsorgeuntersuchungen. Und er hat nichts Außergewöhnliches gehört. Ich vermute, weil mein Aneurysma so ausgeprägt war, dass es da schlicht keine turbulente Strömung gab. Anders kann ich mir das nicht erklären. Ich hatte auch nicht das übliche Alter für Aneurysmen.

Ich mache da meinem Hausarzt keinerlei Vorwürfe. Wenn man Hufgeklapper hört, sollte man an Pferde denken und nicht an Zebras. Und das ist nun mal aus meiner Sicht kein Aortenaneurysma. Und ich vermute, ein ausgewachsenes Aortenaneurysma mit 45 Jahren ist ein wirkliches Zebra, auf das man erst mal so nicht kommt.

Das, was ich hatte, ist recht selten. Das thorakale Aortenaneurysma (also das, was ich hatte, im Brustkorb) scheint laut Google eine Häufigkeit von 0,1 % bis 0,3 % über die Gesamtbevölkerung gesehen zu haben. Im Alter steigt die Häufigkeit deutlich. Aber damit sind so 70–80 Jahre gemeint. Nicht 45, die ich damals war. Teilweise wird sehr konservativ von 1:5000 geredet. Ein Aneurysma im Bauchraum ist da schon häufiger.

Das Pferd war an der Stelle, dass mein Arzt einen leicht verunsicherten, mehr als übergewichtigen Patienten vor sich hatte, der sich in vermutlich irgendwas reingesteigert hatte und ganz dringend abnehmen und Sport machen müsste. Und er hatte recht. Das Pferd war nicht eine Krankheit, für die die üblichen Anhalte fehlten. Die Aortenklappe scheint wohl ein deutlicher Hinweis zu sein, dass es da ein Problem mit der Aorta gibt. Die hat bei mir selbst bei der größten Ausdehnung des Aneurysmas wunderbar funktioniert, und es sind immer noch Originalteile – komme ich später noch mal drauf. Sie funktionieren auch jetzt gerade wunderbar. Haben erst diese Woche TÜV bekommen. Und ich hoffe, dass das noch eine Weile so bleibt. Dazu kam: Die Krankheit war in meiner damaligen Alterskohorte erst mal sehr unwahrscheinlich.

Ich habe es wirklich dem Entschluss zu verdanken, dass ich trotz allem nach Koblenz gefahren bin, dass ich zu dem Zeitpunkt davon erfuhr. Insofern war es keine glückliche Fügung, sondern glücklicher Unfug, dass ich gefahren bin.

Das ist vielleicht das Wesen einer Zufallsdiagnose. Es müssen schon einige Zufälle zusammenkommen, damit man die entsprechende Diagnostik zustande bringt. Oder es ist einfach Zufall, dass man ein anderes Problem hat, das untersucht werden soll, und dabei kommt dann die Diagnose „Aneurysma“ heraus. Und wenn ich so recht überlege: Ich bin in meiner Vergangenheit zwar mal geröntgt worden, ich bin auch im MRT gewesen. Aber es war nie der Brustkorbbereich dabei im Blick.

Ich bin da bei weitem kein Einzelfall, die Art und Weise betreffend, wie ich gelernt habe, dass ich diese Krankheit habe. Es ist eigentlich, wenn ich alles so lese, was ich habhaft werden konnte, der Normalfall. In einem Forum, das ich ganz gerne lese, wurde davon ziemlich oft berichtet.

Biologische Klempnerei

Okay, im letzten Teil habe ich es nun auch ohne Verklausulierung durch den ICD-Code offen gesagt. Es wurde bei mir ein Aortenaneurysma an der aufsteigenden Aorta gefunden. Was ist denn das?

Ich will vor dem restlichen Text eine Sache klarstellen: Ich bin kein Arzt. Es ist mein Laienwissen, das ich weitergebe. Mein gedankliches Modell der letzten Jahre. Es kann potenziell völlig falsch sein.

Vielleicht zur Erläuterung des Problems: Ich hatte damit ein Verrohrungsproblem in meinem Körper. Der Körper hat eine große Hauptversorgungsleitung, die vom Herzen ausgeht. Die Hauptschlagader. Auch Aorta genannt. Die Aorta ist so wichtig, dass sie seit 2024 als eigenes Organ zählt. Und das mit Recht, wie ich finde. Denn ohne die Aorta ist im Körper alles nichts.

Sie trägt das Blut vom Herzen zu allen weiteren Arterien. Wieder ein Organ mehr, das Schüler in Zukunft lernen müssen. Ich bin ja mal gespannt, wann das seinen Eingang in Schulbücher finden wird. Vielleicht bei den Kindern meiner jüngsten Nichte, sollte sie sich für eine entsprechende Lebensgestaltung entscheiden.

Also noch mal: Die Aorta geht vom Herzen aus. Dort ist am Anfang eine Art Rückschlagklappe eingebaut. Die Aortenklappe. Diese sorgt dafür, dass das Blut, nachdem es vom Herzen Richtung Körper ausgeworfen wurde, nicht gleich wieder ins Herz zurückfließt. Gleich danach versorgt sich das Herz selbst daraus mit den Koronararterien.

Bei der Gelegenheit ist mir auch aufgefallen, wie viel man eigentlich so an Schulwissen vergisst. Ich habe damals erst mal wieder nachschlagen müssen, wie sich das Herz eigentlich genau selbst mit Blut versorgt. Leistungskurs Biologie als P1? Jörg, schäm dich. Dabei erinnere ich mich bis heute an den Citratzyklus.

Dieses Fehlen war wahrscheinlich Resultat des mentalen Kompressionsalgorithmus, der über das Wissen, das man so hat, läuft, wenn man dieses lange nicht mehr braucht. Und bis 2018 hatte ich darüber nicht so richtig nachgedacht. Im Grunde genommen seit meinem Abitur. Seit 2018 hat mein Wissen über das Kreislaufsystem des Menschen rapide zugenommen. Eine für Laien relevante Lücke wird sich da mit Sicherheit bis an mein Lebensende nicht mehr auftun. Denn alles sollte so lange Teil meines Lebens bleiben, dass ich das alles nicht mehr vergessen werde.

Wobei es eine interessante Frage gibt: Warum ist dann der Citratzyklus immer noch unkomprimiert in meinem Kopf? Keine Ahnung. Dafür gibt es üblicherweise noch weniger Alltagsanwendungen.

Also: Selbst das Herz selber ist auf die Aorta angewiesen. Sie geht vom Herz ein Stück nach oben. Der Bereich nennt sich Aorta ascendens. Sie beschreibt einen Bogen; dort sind beispielsweise der Kopf und die Arme angeschlossen. Das wird sinnigerweise Aortenbogen genannt. Und dann biegt sie nach unten ab und wird zur Aorta descendens. Sie geht sehr weit nach unten. Sie teilt sich auf ihrem Weg durch den Körper. Sie versorgt beispielsweise die Nieren, die Leber. Alles ist da irgendwie angeschlossen. Na ja, außer die Lungen. Die haben ihren eigenen Blutkreislauf (Anmerkung: Ich bin kein Mediziner, mag sein, dass da noch etwas anderes nicht dranhängt. Wie gesagt, mein Bio-LK ist eine Weile her …).

Dafür, dass die Aorta so wichtig ist, weist sie keine nennenswerte Redundanz auf. Es gibt keine zweite Aorta. Ich finde den ganzen Körper sowieso erstaunlich wenig redundant. Keine zweite Leber. Kein zweiter Pankreas. Keine zweite Milz. Kein zweites Herz. Es gibt nur eine Aorta. Dafür haben wir aber zwei Lungen, zwei Nieren, zwei Augen, zwei Arme, zwei Beine. Das Architecture Review Board für den Menschen scheint da ein wenig inkonsistent gewesen zu sein. Wahrscheinlich waren zwei Designteams daran beteiligt. Eine Enterprise Human Group und die YOLOops Division …

Das Stück nach oben vom Herz aus wird, wie gesagt, Aorta ascendens genannt. Logisch. Steigt ja. Und dort war meine Aorta deutlich geweitet. Krankhaft geweitet. Nichts anderes bedeutet „Aneurysma“. Es ist die krankhafte Erweiterung eines Blutgefäßes. Das ist kein auf die Aorta beschränktes Phänomen. Ihr habt vielleicht schon mal von Aneurysmen im Kopf gehört. Kann es auch an anderen Orten geben.

Warum sie sich erweiterte? Vermutlich Blutdruck. So klassisches Ausleiern. Vielleicht Veranlagung. Ich hatte immer etwas hohen Blutdruck, aber nicht ungewöhnlich hohen Blutdruck, bis auf den Notfall. Es ist alles ein wenig verwunderlich. Es gibt genetische Dispositionen dafür, aber ich bin ein Einzelfall in meiner Familie. Daher gehe ich davon aus, dass ich nicht von dieser genetischen Problematik betroffen bin.

Ich hege auch die Vermutung, dass meine lange praktizierte Art zu heben oder beispielsweise im Drachenboot zu paddeln dazu beigetragen hat. Pressatmung. Das erhöht den Blutdruck nämlich auch. Und irgendwann ist das halt ausgeleiert.

Ich will es ehrlich gesagt auch gar nicht so genau wissen. Bis heute nicht. Was mich wundert. Ich betreibe Root-Cause-Analysis in einer Tiefe, die man fast „up to a fault“ bezeichnen könnte, aber ausgerechnet hier wollte ich nie zu tief nachfragen, mit weiteren Untersuchungen zu tief nachbohren.

Die Aorta hat einen Normbereich hinsichtlich ihres Durchmessers. Der liegt so irgendwo um und bei 2,5 bis 3,5 cm. Obwohl man mir zugutehalten muss, dass ich größer bin und die Aorta bei mir vielleicht etwas weiter sein darf, hatte ich mit 48 mm die zu erwartende Weite deutlich überschritten. Das war mehr als zwei Standardabweichungen von der Normalität entfernt. Damit war ich offiziell Träger eines Aneurysmas. Auch wenn meine Ärzte das wegen meiner Größe lange erst mal als Ektasie deklarierten (das ist eine Erweiterung, die noch kein Aneurysma ist). Egal, was es war, egal, wie es benannt wurde: Es war ein Problem.

Okay, die Aorta ist halt weiter als normal. Andere Menschen haben einen großen Kopf, abstehende Ohren oder große Füße. Worin besteht das Problem? Die Krankheit ist nicht ganz ungefährlich, und das hat mit den Gefäßwänden und den Kräften, die auf sie wirken, zu tun. Ein Typ namens Laplace und seine Erkenntnisse sind dafür wichtig.

Wie schreibt Wikipedia: „Bei gleich bleibendem Blutdruck steigt mit größer werdendem Radius die Spannung der Gefäßwand. Da die größere Spannung zu weiterer Dehnung führt, ergibt sich ein Circulus vitiosus, der in das Reißen der Gefäßwand mit lebensbedrohlicher Blutung münden kann.“

Lebensbedrohlich ist hier sehr ernst gemeint. Man stelle sich vor, die Hauptversorgungsleitung einer Stadt platzt. Nirgendwo kommt mehr Wasser an. Oder nur noch sehr wenig. Während man sich vielleicht in der Stadt mit einer Flasche Wasser behelfen kann, sieht das im Körper völlig anders aus. Der Körper kommt nicht lange damit zurecht, wenn das Blut fernbleibt. Beim Hirn etwa drei Minuten.

Irgendwann übersteigt die Spannung der Gefäßwand deren Fähigkeit, diese aufzunehmen. Es geht kaputt. Und das ist das Problem. Riss oder Dissektion. Tod an innerem Verbluten. Meistens. Oft. Sehr schnell.

Wobei der menschliche Körper hier manchmal gar wundersam ist, und Menschen Befunde überleben, die üblicherweise nur in der Pathologie zu sehen sind. Ich weiß von Fällen über einige Ecken, wo eine Ruptur überlebt wurde und rechtzeitig repariert werden konnte. Man sollte aber nicht darauf setzen, ein solcher Fall zu sein. Das ist gottverdammtes Glück mit einer völligen Auslöschung der gesamten Karmapunkte, die man je gesammelt hat und je sammeln wird. Jener Mensch sollte in seinem Leben nichts mehr tun, was irgendwie das Karmakonto belastet. Ich würde es zumindest so halten.

Wichtig ist aber: Das muss alles nicht passieren. Es finden auch Menschen den Weg in die Pathologie, die in gesegnetem Alter an etwas anderem verstorben sind, bei denen aber bei der Obduktion ein Aneurysma in „Was zur Hölle?!?“-Größe gefunden wird. Es gibt aber auch Menschen, bei denen das Aneurysma deutlich vor der Größe platzt, die mein Aneurysma 2018 hatte.

Es ist keine exakte Wissenschaft. Wie sagte der Radiologe, als ich auf die Messungenauigkeiten und Vergleichbarkeit der Methoden ansprach: „Das ist kein exakt zu messendes Stahlrohr. Und es verhält sich nicht immer gleich.“

Jedes Verfahren des Messens hat seine Vor- und Nachteile, was die Genauigkeit angeht. Wobei MRT und CT eigentlich schon recht genau sind. Ultraschall im Prinzip auch. Wie auch immer: Die Einflussfaktoren, wann die Aorta rupturiert oder eine Dissektion startet, sind mannigfaltig.

Die Wissenschaft wird da immer besser in der Prognose, wie hoch das Risiko ist, dass das Aneurysma platzen könnte. Von starren Durchmessergrenzwerten ist man wohl ein bisschen weg; mittlerweile ist man bei Verfahren angelangt, die das Risiko auf Basis von Körperoberfläche oder besser Körpergröße einschätzen. Denn man hat herausgefunden, dass 48 mm bei 1,92 m ein etwas anderes Risikoprofil aufweisen als bei 1,50 m Körpergröße.

Aber man ist meinem laienhaften Verständnis nach da immer noch auf der Suche, was letztlich für einen katastrophalen Ausgang entscheidend und von außen messbar ist, um sicherzustellen, dass alles, was da medizinisch folgt, nur bei jenen stattfindet, die es auch wirklich brauchen. Denn die Behandlung klingt einfach, ist aber nicht ganz ungefährlich.

Ich gehe davon aus, dass irgendwann Simulationen gerechnet werden, die die Wahrscheinlichkeit einer Ruptur anhand der gemessenen Strömungsverhältnisse, Wandstärken und was weiß ich errechnen können werden.

Was man dann macht?

Alles, was da medizinisch folgt, hieß bei mir 2018: wenig. Erst mal bleibt man konservativ. Strikte Blutdruckkontrolle. Wachsames Abwarten. Das ist so eine Diagnose, da macht man erst mal nichts Eingreifendes. Zumindest, wenn man noch nicht bei bestimmten Aortendurchmessern ist.

Denn die Lösung ist: Man operiert das irgendwann. Erinnert euch, was ich dazu schrieb, wo das Problem im Körper ist. Nicht gerade leicht erreichbar. Die Operation sehr komplex, weil hier Dinge stillgelegt werden müssen, die man zum Leben eigentlich dringend braucht.

Diese Operation macht man nicht einfach mal so, sondern hat Richtwerte dazu definiert, wann man zur OP schreitet. Damals war diese Grenze bei 55 mm. Sie liegt auch noch heute dort, wobei es aber anscheinend mittlerweile mehr Gründe gibt, auch vorher zu operieren.

Man wartet den Schnittpunkt aus Operationsrisiko und Rupturrisiko ab. Und der ist üblicherweise bei 55 mm, weil das Risiko der Ruptur über 55 mm rapide steigt. Es gibt in der Statistik dort wirklich einen sehr markanten Kipppunkt.

Jetzt heißt die Intervention in diesem Fall nicht unbedingt, dass man im offenen Oberkörper wühlt. Es gibt verschiedene Methoden, sich des Aneurysmas zu entledigen, je nachdem, wo sich das Aneurysma befindet. Aufschnippeln oder mit einem Katheter von innen. Katheter funktioniert mittlerweile ganz gut bei der absteigenden Aorta, wenn ich das richtig verstehe. Aber da war mein Aneurysma nicht.

An der Stelle, an der ich es hatte, wird bei Patienten meines Alters mit „Aufschnippeln“ gearbeitet, weil es enorme Herausforderungen bei der endovaskulären (also von innen mit einem Stent) Beseitigung dieses Problems an dieser Stelle gibt. Das mit dem Austauschen hatte mir so auch der Kardiologe in Koblenz erklärt. Natürlich in anderen Worten, als ich sie gewählt habe. Man forscht noch an der Versorgung mit Stents. Hätte ich das Aneurysma zu einer Zeit entdeckt, zu der man es üblicherweise entdeckt, so in zehn Jahren von heute in der Zukunft, hätte das vielleicht anders ausgesehen.

Aber so musste ich mit der Medizin meiner Zeit leben. Endovaskuläre Beseitigung an der Aorta ascendens heißt nämlich heute noch: Es geht, man kann das machen. So irgendwie. Mit Stents, die eigentlich für etwas anderes gedacht sind. Aber wegen der verbundenen Risiken macht man das nur bei Patienten, bei denen das Risiko einer offenen Operation noch höher ist. Inakzeptabel höher. Es ist momentan eher ein Mittel, um die 85-jährigen Großeltern zu retten, die bei einer offenen OP versterben würden. Nicht, um einem fünfzigjährigen Patienten in gutem Allgemeinzustand einige unangenehme Teile der Operation zu ersparen. Und es klappt auch nicht immer mit den Stents, wenn ich die Forschung richtig lese.

Die offene Operation, soweit ich das verstanden habe, ist Klempnerarbeit auf allerhöchstem Niveau. Es wird halt ein Stück Rohr ausgetauscht. Jenes Stück, das erweitert ist. Da kommt eine spezielle Prothese hin. Die nennt sich sogar Rohrprothese.

Aber so wie man das Wasser bei der zu brechen drohenden Hauptleitung abstellen muss, muss man bei dieser Operation das Herz lahmlegen. Da das der Körper nicht so toll findet, mehr als drei Minuten ohne Kreislauf zu leben, kommt man an eine Herz-Lungen-Maschine. Und das Ganze ist hinter Rippen, die auch erst mal aus dem Weg müssen. Also alles keine angenehme Angelegenheit. Eine Angelegenheit, in der Sachen schiefgehen können. Viele Sachen schiefgehen können.

Es gibt mittlerweile andere Ansätze, die die offene Operation insofern weniger invasiv machen, als dass beispielsweise auf die Herz-Lungen-Maschine verzichtet wird. Dabei wird die erweiterte Aorta nicht entfernt und ausgetauscht, sondern von außen mit einem Gewebe gestützt, sodass sie sich nicht weiter erweitern kann. Das Verfahren nennt sich PEARS und wird in Deutschland erst seit dem letzten Jahr angeboten, obwohl es eigentlich schon einige Jahre anderswo verwendet wird. Das Verfahren nimmt einige Risiken aus der Gleichung. Aber die Methode gab es in Deutschland 2018/2019 noch nicht. Sie ist wirklich erst seit 2024 in wenigen Kliniken hier verfügbar (von einer weiß ich, eine zweite ist auf einer Webseite des Herstellers der Ummantelung zu finden). Es wird dabei wirklich eine persönliche Ummantelung gewebt, die dann im OP um die Aorta gelegt und vernäht wird. Ohne HLM. Sehr interessante, sehr spannende Methode. Die leider aber nicht immer geht.

Zurück nach Hause

Zurück ins Jahr 2018: Davon war ich an jenem Tag in Koblenz noch 7 mm entfernt. Also kein Fall für ein dramatisches In-den-OP-Schieben, mich in die nächste Herzklinik fliegen oder mich gleich in der Notaufnahme aufzumachen. So, wie man es zuweilen in „Emergency Room“ sah. Es gibt ja die Szene, wo die Rezeptionskraft sich als Gefäßchirurgin aus Polen – die nicht als Ärztin in den USA arbeiten durfte – entpuppt, die im ER den Brustkorb öffnet und ein rupturiertes Aneurysma so flickt, dass der Patient eine Chance hatte. Leider sah man diese Person nie wieder in der Serie.

Mein Messwert war noch nicht operationswürdig. Und da man unmittelbar nichts machen kann und es mir ja im Grunde genommen wieder gut ging (mein Blutdruck war bereits am nächsten Tag so, dass man sich fragen konnte, ob das alles nur ein böser Traum war – nicht normal, aber okay), wurde ich am frühen Nachmittag aus dem Krankenhaus entlassen. Ich verabschiedete mich von den Krankenschwestern und Pflegern der Station und verließ das Krankenhaus. Und das Erste, was passierte, war ein kleines bisschen Verzweiflung. Ich erinnere mich noch sehr gut daran.

Warum ich mich ein kleines bisschen verzweifelt fühlte? Ich mochte noch 7 mm von einer sehr heftigen OP entfernt sein, an jenem Tag war ich aber 500 km von zu Hause weg. Ich stand übernächtigt vor einem Krankenhaus. Mein Auto in einem Parkhaus etwa einen Kilometer weit weg. Ich zog meinen Rollkoffer hinter mir her. Er klackerte auf dem Pflaster. Und nervte wahrscheinlich die Anwohner. Mein ganzes Unterstützungssystem war genannte Hunderte Kilometer weit weg. Und ich musste erst mal mit einer ganz schlechten Nachricht klarkommen.

Ich habe ganz gute Freunde in der Gegend, aber die wollte ich damit nicht belästigen. Es war keine voll ausgewachsene Verzweiflung. Ich tränte ein bisschen vor mich hin. Wie sollte man auch anders reagieren in einer solchen Situation. Auch wenn man sich so hartgesotten gibt.

Ich habe gelernt, dass es da hilfreich ist, erst mal die Emotionen aus dem System zu bekommen und dann das Problem in Angriff zu nehmen. Und das Unauffälligste war für mich ein kurzes Tränenvergießen in diesem Moment, um das Gefühl der Ohnmächtigkeit aus dem System zu bekommen. Ich konnte ja nicht die Welt zusammenschreien da vorm Krankenhaus. Auch wenn es mir auf der Zunge lag, ein laut schallendes „Scheiße“ in die Welt zu schreien. Gerne auch mehrfach. Hätte ich das rausgeschrien, was mir damals durch den Kopf ging, wären Vögel wahrscheinlich vor Schreck tot aus den Bäumen gefallen und Mütter hätten ihren Kindern panisch die Ohren zugehalten. Und diese hätten trotzdem eine exquisite Auswahl neuer Schimpfwörter gelernt.

Irgendein Ventil brauchte ich, also habe ich das unauffälligste auf meinem Rückweg zum Auto gewählt.

Ich schrieb ja schon: Das Aneurysma ist in vielen Arztserien ein gern genommenes spannungsbildendes Element. Wenn das kommt, sind in der Folge gerade Fäkalien in Richtung Ventilator geflogen und haben diesen getroffen. Das ist dann wirklich ganz großer Mist. Und nun wusste ich, dass in meinem Brustkorb ein solches schlummerte. Ich wollte kein spannungsgebendes Drehbuchkonstrukt in meiner Brust haben. Oder anders ausgedrückt: Das Drehbuch meines Lebens hatte plötzlich stark an Spannung gewonnen.

Dabei ist das so unkreativ. Wie häufig das Aneurysma von unkreativen Kreativen in der Drehbuchabteilung verwendet wird, fällt einem erst auf, wenn man es selber hat. Denn man zuckt bei diesem Wort regelmäßig zusammen. Es scheint zu gelten: Wir brauchen drängende, zeitkritische Spannung – nehmen wir doch ein Aneurysma. Egal wo. Im MCU würde man wahrscheinlich ein Hirnaneurysma nehmen, das Dr. Strange mit ein wenig Klingeldraht und einer Hilti repariert. Bei Grey’s Anatomy gestehen sich beim Herz wahrscheinlich zwei Ärzte ihre Liebe, während die Chirurgin gerade handtief im Brustkorb des Patienten steckt und im Hintergrund „Chasing Cars“ von Snow Patrol gespielt wird. Bei House M.D. ist es wahrscheinlich ein Aneurysma, das an eine spezielle Stelle drückt, aber nur, wenn man bei Mondschein auf einem Trampolin hüpft und dann zur Ohnmacht führt. House zeigt den Effekt dann mit seinem Gehstock.

Das mit dem plötzlichen Auffallen ist so wie mit blauen Citroëns, alten Citroën HY oder auch toffeebraunen (ich bezeichnete die Farbe anders) Tourans, die auch erst auffallen, wenn man selbst damit zu tun hat. Man fragt sich, warum die erst jetzt ins Hirn diffundieren. Oder warum man erst dann Autokennzeichen vom anderen Ende der Republik in Hamburg bemerkt, wenn man selbst dort gewesen ist (und nicht so verpeilt ist und denkt: „Oh, ein Auto mit Münchener Kennzeichen. Ist vielleicht ein Firmenwagen“ … in München. Zu meiner Entschuldigung: Ich probte meinen Vortrag da noch im Kopf, den ich in etwa 20 Minuten halten müsste).

Die Rückkehr nach Lüneburg war nicht ganz unproblematisch. Ich hatte ja nicht geschlafen. Einfach ins Auto steigen und 500 km fahren war also nicht drin. Mir fiel als Allererstes ein: Familienverteiler. Und mein Bruder hat mir ohne Nachzudenken angeboten, mich zusammen mit seiner Lebenspartnerin aus Koblenz abzuholen, um das Problem zu lösen, wie ich und mein Auto aus Koblenz wegkommen. Deswegen fiel die Bahn für mich weg. Fliegen wollte ich so auch nicht, aber mein Flug für diesen Tag war ja eh storniert. Ich hätte zudem irgendwie den Wagen dort wegbekommen müssen. Und ich ging nicht davon aus, dass ich innerhalb weniger Tage noch mal nach Koblenz gefahren wäre.

Wie auch immer: Es klappte alles gut. Aber es zeigt auch, wie meine Geschwister in solchen Fällen ticken. Kein „Das passt gerade gar nicht“ oder „Das mag ich jetzt nicht“. Sondern einfach ein „Wir machen das möglich“. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Meine Familie ist so. Ich würde das auch jederzeit für meine Geschwister machen.

Irgendwann war ich am späten Abend des 26.11.2018 dann in Lüneburg. Am Ende meiner mentalen Kräfte, emotional völlig nach den Geschehnissen der letzten 24 Stunden ausgelaugt. Aber zu Hause. Von dort aus ging ich erst mal zu meinen Eltern und berichtete von dieser Nacht und diesem Tag. Denn schlafen wollte ich noch nicht. Schlafen konnte ich auch nicht. Trotz der weitestgehend durchwachten Nacht. Ich wollte den Menschen um mich herum erst einmal mitteilen, was vorgefallen war. Die wussten bisher auch nur, dass ich im Krankenhaus war und dass ich ein Problem hatte. Das ich auch erst mal erklären musste.

Morgen werde ich im Blog aber erst mal erklären, wie die Situation danach zunächst ganz merkwürdig wurde, bevor eine gewisse Normalität einkehrte. Und warum ich eigentlich bis heute nicht so recht weiß, warum alles zunächst seitwärts ging.

Written by

Joerg Moellenkamp

Personal opinions, observations, and thoughts