(Ein wichtiger Hinweis: Ich bin medizinischer Laie. Ich habe nur lange mit meiner Krankheit gelebt. Ich kann alles medizinische hier falsch verstanden oder falsch wiedergegeben haben. Jede in diesem Text wiedergegebene Information ist potentiell aus dem Zusammenhang gerissen, falsch, unvollständig. Hört auf Euren Arzt! Fehler sind meine Fehler, nicht die meiner Ärzte.Meine Erfahrungen sind anekdotisch. Eure Erfahrungen können anders sein.)
Im letzten Teil berichtete ich über meine MRT-Erfahrungen und Briefe, die das Leben verändern. Im Folgenden möchte ich erklären, warum die Vorgeschichte erklärt, warum „Vorstellung in der Chirurgie empfohlen“ eine so bedeutende Nachricht war.
Ich möchte hier an dieser Stelle einmal darauf hinweisen, dass selbst wenn ich im Text die wörtliche Rede als sprachliches Konstrukt benutze, das nicht unbedingt heißt, dass die Person auch genauso gesagt hat. Ich habe das zusammengefasst, ggf. pointiert und ansonsten ist das sowieso alles von meiner Erinnerung abhängig.
Es war im Jahr 2018
Vielleicht sollte ich diese Geschichte von Anfang an erzählen. Ich habe über viele Jahre ziemlichen Raubbau an mir getrieben. Nicht auf mich geachtet. Stress. Ungesund gelebt. Sport? Was ist das? Viel zu viel gefressen. Weil eben zu viel Stress. Wobei, eigentlich bin ich ein Stress- und Langeweilefresser. Wenn ich abgelenkt bin oder eben keine Langeweile habe, dann esse ich teilweise auch sehr lange Zeit nichts. Das irritiert manche Menschen sehr. Ich hatte immer die damit verbundenen gesundheitlichen Probleme. Übergewicht. Hoher Blutdruck. Und was da noch so alles mit verbunden ist.
Ich habe wenigstens nie geraucht und bis auf das Anstandsnippen bei irgendwelchen gesellschaftlichen Anlässen (okay, ein oder zwei Mal kann auch das ganze Glas gewesen sein, ist aber schon echt lange her, auch so 30 Jahre, ansonsten sehe ich das Anstandsnippen als Äquivalent zum Backen mit Alkohol an. Oder vergleichbar überreifer Bananen, die ungefähr den Alkoholgehalt alkoholfreien Biers haben. Der nebenbeigesagt nicht 0% ist, sondern nur relativ niedrig. Etwa 0,6%.) nie etwas getrunken.
Das hat wahrscheinlich weitere gesundheitliche Probleme verhindert. Dennoch habe ich meine Grenzen erkannt, die zunehmend näherkamen. Ich erinnere mich an einen Ausflug zum Lick Observatory auf dem Mt. Hamilton in der Bay Area, bei dem ich doch ziemlich kurzatmig war. Ich schob das auf die Höhe. Möglicherweise aber auch schon ein Hinweis für alles, was kommen sollte.
Eingeholt im Sinne, dass ich von manifesten Folgen erfuhr, hat mich das alles im November 2018. Genauer am 26.11.2018. Etwa ein Jahr später sollte eine Pandemie alles durcheinanderbringen. Aber an jenem Tag im Jahr 2018 passierte nur meine persönliche Katastrophe. Wenn man genau hinguckt, ist die Welt bis heute durcheinander. Ich hab’s am eigenen Leib erfahren. Die Zeit seit 2018 fühlt sich deswegen für mich länger an, als sie es wirklich war.
Auch wenn man eine Situation gerne mit einem singulären Zeitpunkt in Verbindung bringt - eben jenem Tag, an dem man die Diagnose bekommt - so ist vieles im Körper ein lang andauernder Prozess. Selbst Krebs ist ein Prozess, der mit einer Zelle beginnt, die sich eines Tages anschickt, das Leben von Menschen zu beenden oder zumindest zu verändern. Lange bevor man etwas merkt. Lange bevor man etwas weiß. Und nicht nur das eigene Leben verändert sich, sondern auch das Leben der Leute, die man liebt, ist schlagartig ein anderes.
Egal, welche Diagnose es ist: Man verbindet alles mit jenem Tag, an dem man niedergeschmettert wird. Und für mich war das eben der 26.11.2018.
Eingeholt hatte mich demnach mein Leben schon vorher. Ich wusste nur nichts davon. Denn das, was in mir war und ich nun nach der OP nicht mehr habe, entsteht nicht von jetzt auf gleich. Na ja, manchmal schon, aber nicht in diesem Maß. Ich hatte mir das Problem wahrscheinlich über Jahre herangezogen. Es war die Quittung für all das, was ich vorher getan habe. Aber bis zu diesem November war ich herrlich unbefleckt von dem Wissen, dass ich ein Problem hatte. Und so habe ich auch gelebt. Nicht viel Rücksicht auf meine Gesundheit genommen. Ich war auch erst 45. Ich fühlte mich noch zu jung.
Ich schrieb schon, dass ich ein Größenproblem hatte, genau genommen ein Durchmesserproblem. Ich hatte sicherlich schon einen Vorsprung bei all dem durch genetische Veranlagung. Ich bin recht groß. 1,92cm. Und das bedeutet an sich schon das Potenzial für Normvarianten von Organen, die an der größeren Seite der Norm sind. Leider bedeutet das auch etwas weniger Reserve zu Grenzen, die die Physik auch den Innereien des Menschen stellt. Den Raubbau kann dies nicht entschuldigen, der mich an und über die Grenze geschubst hat. An dieser Stelle war ich selber schuld. Ich konnte es nicht auf irgendeine unglückliche Fügung schieben. Pech. Oder mieses Karma.
Koblenz
Die Erkenntnis, dass ich etwas ändern musste, das Problembewusstsein, dass es so nicht weitergehen konnte, kam mit einem Krankenhausbesuch. Nicht in Lüneburg. Sondern in Koblenz. Einer Stadt, die für mich untrennbar mit der Situation verbunden ist, die sich in den nächsten sieben Jahren entfalten sollte. Es gab für mich die Zeit vor Koblenz und nach Koblenz. Tut mir furchtbar leid, liebe Bewohner von Koblenz, dass ich keine positive Erinnerung an eure Stadt habe. Es wird vermutlich immer wieder die Erinnerung an jene Nacht hochkommen, wenn ich irgendwo Koblenz lese.
Es war November 2018. Ich war auf Dienstreise. Ich hatte einen Termin so grobe Richtung Koblenz, sodass es zielführend war, in Koblenz unterzukommen. Auch weil ich keine Lust hatte, wieder in irgendeinem Romantikhotel am Rhein unterzukommen. Das vielleicht näher dran gewesen, aber eben dann eben auch etwas merkwürdig gewesen wäre.
Der ganze Tag war komisch. Für meine Verhältnisse hoher Puls. Ein wenig kurzatmig. Ich fühlte mich irgendwie wie aufgedreht. Ich habe normalerweise einen Puls von etwa 55, wenn ich plötzlich durchgängig auf über 80 bin, dann zieht das bei mir die Augenbrauen in die Höhe.
Ich erwähnte schon, dass ich eine Flugangst-Historie habe. Und darauf schob ich all die Symptome. Einfach ein Fall von Flugangst. Hätte auch gepasst. Das passiert mir manchmal. So ohne Vorwarnung. Und bis zum Tag bin ich in 100 % aller Fälle, seitdem ich die Flugangst unter Kontrolle hatte, trotzdem eingestiegen.
Und nach der Vorgabe: Vermute kein Zebra, wenn das Hufgeklapper genauso gut von Pferden erklärt werden kann, ging ich davon aus, dass es einfach eine unterschwellige Unsicherheit gegenüber dem Fliegen war. Große Sorgen habe ich mir da nicht wirklich gemacht an jenem 25.11.2018.
Anderthalb Jahre später hätte ich mir wahrscheinlich mehr Sorgen gemacht. Ich hätte mich vermutlich schon auf dem Bauch liegend in einem Krankenhaus gewähnt. Ja, mir haben die Bilder sehr viel Angst gemacht, die damals in den Nachrichten kamen. Wie vielen anderen Menschen in der Zeit auch, glaube ich.
Aber im November 2018 wollte ich mich von einer zeitweiligen Episode „Schiss vorm Fliegen“ nicht davon abhalten lassen, meinen Job zu machen. Ich wollte eigentlich fliegen. Von Hamburg nach Köln. Von dort aus weiter mit dem Leihwagen nach Koblenz. Nichts Besonderes. Etwas, das ich so oft gemacht habe. Flug von Hamburg bis zum nächsten Flughafen. Leihwagen bis zum Ziel.
Ich fuhr also nach Fuhlsbüttel. Ging durch die Sicherheitskontrolle. Stand am Gate an. Ärgerte mich wie immer über die IchBinWichtig-Meute. Trat durchs Gate. Aber bevor ich das Flugzeug erreichte, ging es nicht mehr. Ich fühlte mich nicht wohl. Irgendwas sagte mir, dass ich nicht fliegen sollte. Hielt es für eine ausgesprochen miese Idee, einzusteigen.
Ich bin aus dem Flugzeug (genau genommen aus dem Finger, ich habe das Flugzeug nicht betreten) wieder ausgestiegen. Und als ich dann wieder im Parkhaus vor dem Flughafen in meinem Auto saß, kam ich mir total blöd vor. So wie damals, als ich wegen Flugangst das letzte Mal nicht ins Flugzeug gestiegen bin. Ich dachte schon „Neee, bitte nicht wieder“. Ich war sehr stolz darauf, dass ich meine Flugangst etwa zehn Jahre vorher für alle praktischen Belange überwunden hatte.
Ich hatte dann einen Anflug von „Ich muss doch noch verdammt nochmal schnell die Welt retten“ und „Ich habe versprochen, dass ich mich darum kümmere“. Es war Sonntag, ich war ausgeruht und habe das nahtliegende getan: Ich bin mit dem Auto zum Hotel in Koblenz gefahren. Direkt vom Flughafen in Hamburg nach Koblenz.
Koblenz ist eine Stadt, die aus irgendeinem Grunde immer wieder in meinem Leben auftaucht, beginnend mit einem Training für ein damals sehr weit verbreitetes Betriebssystem in eben jener oben erwähnten Bundeswehrzeit. In einer Kaserne in Lahnstein. Liegt im Grunde genommen direkt bei Koblenz. Bisher endend damit, dass ich letztes oder vorletztes Jahr mit meinem Bruder dort einen Campingbus abgeholt habe. Wobei Bus ein großes Wort für dieses Fahrzeug ist. Es war eine Piaggio Ape. Umgebaut zum Micro-Camper. Wobei ich dieses Präfix nicht wählen würde. Pico- oder Attocamper erscheinen treffender. Mein teures Rennrad kam auch aus Koblenz. Schon wieder Koblenz.
Es war sehr spät an diesem Tag - ich kann mich noch an die Lichter links und rechts des Rheins erinnern - als ich in der Nähe von Koblenz über eine Rheinbrücke fuhr. Straßenlaternen, vermutlich. Oder das Licht aus Häusern und Wohnungen, das von Leben in diesen zeugte.
Es klingt vielleicht total doof, aber wenn man auf die Lichter der Dörfer und Städte aus einem Flugzeug herabsieht oder im Auto an sich vorbeiziehen sieht, hat man mehr das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein. Licht bedeutet hier Leben. Und die sonst tote Bausubstanz wirkt dadurch lebendig. Tagsüber ist die Welt beim Vorbeifahren etwas langweilig. Des Nachts faszinierend. Und mal selbst fügt mit den eigenen Scheinwerfern ein Licht (naja, genaugenommen zwei) dazu.
Als ich in Koblenz eintraf, muss es irgendwo so zwischen 22 und 24 Uhr gewesen sein. Ich kam im Parkhaus bei meiner Unterkunft an, checkte im Hotel ein. Ich war nicht geflogen, ich war im Hotel. Mein Puls war aber immer noch hoch, ich war immer noch kurzatmig, ich war immer noch aufgedreht. Hmm. Flugangst kann nicht sein. Ich stand mit beiden Beinen im Hotel. Ohne Flug. Es kehrte eine gewisse Beruhigung ein. „Puuuuh, keine Flugangst“. Zum anderen beunruhigte mich das: „Was zum Henker ist es denn dann?“.
Ich legte mich ins Bett. Ich dachte, Schlaf würde mir nach diesem Tag guttun. Hätte er wahrscheinlich auch. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Mit meinem Bett im Bett rollen hätte man vermutlich einen Generator antreiben können. Im Gegenteil, es wurde immer schlimmer. Gegen 2 Uhr in der Nacht habe ich aufgegeben. Das Gefühl, dass irgendwas so ganz und gar nicht in Ordnung war, wurde übermächtig. Ich musste etwas tun.
Ich ging in ein Krankenhaus, das sich in der Nähe des Hotels befand. Notaufnahme. Und bereits die erste Messung offenbarte den Grund der ganzen Malaise: Absurd hoher Blutdruck. Zwei ganz vorne beim systolischen Druck. Großer Mist. Gar nicht gut. Man nannte es zunächst „hypertensive Krise“. Im Arztbericht steht „hypertensiver Notfall“.
Mir wurde Blut abgenommen. Die Analyse kam aber mit völlig normalen Werten zurück. Die Assistenzärztin hörte sich mein Problem mitten in der Nacht an. Und fand auch recht schnell nach ein wenig Recherche den wahrscheinlichen Grund für diesen nächtlichen Besuch und diese Blutdruck-Messwerte heraus. Der Grund war so simpel, dass mir das schon fast ein wenig peinlich war, dafür ins Krankenhaus zu gehen. Aber der hohe Blutdruck war nun einmal da und bedurfte einer Behandlung.
Trotz des gefundenen Grundes überredete man mich erstmal damals dazu, im Krankenhaus zu bleiben, zumindest für die Nacht. Ich musste aber erst von der Notwendigkeit überzeugt werden. Denn in der Nacht sah ich das alles erst mal anders. „Ich hab doch einen Kundentermin“, ging mir durch den Kopf. Ich kann hier nicht bleiben. „Mein Koffer ist noch im Hotel“. Jede Menge Ausreden. Ich dachte: „Der Kunde wartet doch“. Ich bin da komisch. Ich weiß das.
Ich bin den beiden Mitarbeitern des Krankenhauses, die mich in jener Nacht davon überzeugten, im Krankenhaus zu bleiben, zu Dank verpflichtet. Denn genau das Bleiben sollte mein Leben für die nächsten Jahre verändern und hat zu allem geführt, was seitdem und besonders in 2025 passiert ist.
Wie man mich überzeugt? Eine ältere Krankenschwester erzählte mir, dass sie ihren Mann an eine ähnliche Dummheit verloren hatte. Eben noch schnell die Welt retten kann, eben auch mit dem Zusammenbruch oder Ende der Welt für sich selbst und/oder andere enden. Auf jeden Fall verfing das bei mir. Ich blieb im Krankenhaus.
Ich möchte eines hier klarstellen: Das ich da unbedingt zu meinem Termin wollte war nichts, das die Firma mir vorgab. Das ist so ein Jörg-Ding. Wahrscheinlich von meinen Eltern geerbt. Die sind auch so. Im Normalfall finde ich das eine sehr gute Eigenschaft. Manchmal ist sie aber echt störend.
Mein Chef hätte mich sicherlich aber damals gefragt, ob ich noch alle Tassen im Schrank und alle Latten am Zaun habe (sicherlich deutlich höflicher, aber es dürfte den Sinn wieder geben), wenn er das alles in der Nacht mitbekommen hätte und ich immer noch gesagt hätte, dass ich zum Kunden will. Vermute ich mal mit einem hohen Grad von Vertrauen in meine Vermutung.
Hatte er aber nicht, weil es ja mitten in der Nacht war. Außerdem wollte ich eigentlich schlafen und nicht Leute aus dem Bett telefonieren oder Mails schreiben, die sowieso erst am nächsten Morgen gelesen werden würden.
Ich teilte erst am Morgen allen Beteiligten mit, dass ich im Krankenhaus weilen würde und den Termin nicht wahrnehmen konnte. Es hatten auch alle volles Verständnis dafür. Kunden, Kollegen, Manager. Als ich meinem Manager am Morgen mitgeteilt habe, waren da keine Fragen, sondern nur ein „Wir kümmern uns um alles und werden wieder gesund“. Sinngemäß. Und ich kam mir ziemlich dämlich vor (ja, schon wieder), dass man mich erst überreden musste, im Krankenhaus zu bleiben.
Vielleicht hier mal ein Hinweis: Wenn dich Krankenschwestern mitten in der Nacht davon überzeugen wollen, dass du vielleicht da bleiben solltest … dann hat das meist einen guten Grund! Sie legen dir das nicht ohne Grund nahe. Sie haben auch ohne dich keine Langeweile in ihrem Job. Wenn es keinen Grund gäbe, würden sie dich da ganz sicher darauf hinweisen. Sie werden einen sehr guten Grund haben. Also vergiss dein Ego, vergiss deine krude Version von Verantwortungsbewusstsein. Und bleib einfach da. Und lass dir helfen. Eine Professorin sagte mal in einer Vorlesung: „Frauen gehen zum Arzt. Männer sterben“. Und wenn ich mir insbesondere die Generation vor mir angucke, stimmt das auch.
So ein völlig normaler Krankenhausaufenthalt war das allerdings nicht. Ich kam schließlich mitten in der Nacht. Es waren nur noch wenige Stunden bis zum Sonnenaufgang und nicht so, als hätte man nur auf mich gewartet. Vor die Wahl gestellt, ob ich mit in ein Zimmer mit einem vor sich hin stöhnenden älteren Patienten oder auf dem Flur die weitere Nacht verbringen würde, entschied ich mich für den Krankenhausflur. So lag ich da. Das Licht war abgedunkelt, aber hell genug, um mich vom Schlafen abzuhalten. Die Krankenschwestern schirmten den Bereich so gut es ging ab. Und ich bin ihnen da sehr dankbar. Bis heute. Auch wenn sie sich wahrscheinlich nicht mehr dran erinnern, dass ich da auf dem Krankenhausflur lag. Ich kann mich aber erinnern. Und aus dieser Erinnerung entsteht immer noch Dankbarkeit. Danke fürs Überreden, dazubleiben! Danke für den Versuch, den Flur in der Ecke so habitabel zu machen, wie es eben ging!
Die Mühen halfen allerdings nicht wirklich. Man kann einen Krankenhausflur halt nicht völlig abdunkeln. Ich schlief vielleicht eine halbe Stunde, maximal eine Stunde. Oder ich kann mich nicht mehr daran erinnern, dass ich länger schlief. Ich brauche geradezu Antilicht, um einschlafen zu können. Ja, okay, eine lichtdichte Verdunkelung reicht auch. Sonst wache ich mit dem Sonnenaufgang auf. Egal wann das ist. Was mich beim Einschlafen noch mehr stört, sind Geräusche. Wenn ich erst mal eingeschlafen bin, kann eine Marschkapelle an mir vorbeilaufen, aber zum Einschlafen brauche ich Ruhe. Es war also sozusagen eine Entscheidung für das vermutete kleinere Übel.
Das Problem, das mich ins Krankenhaus führte, war sehr einfach zu lösen. Es handelte sich um eine Unverträglichkeit gegen ein Medikament, das ich aus anderen Gründen am Freitag vorher verschrieben bekam. Yup. So einfach war das. Ich sag ja: Peinlich einfacher Grund.
Ich war ja auch gewissermaßen dämlich. Ich sage immer bei Performanceanalysen: Was hat sich geändert, zwischen „Es lief brauchbar“ und „Problem“. Hätte ich auch bei mir machen sollen: Was hat sich geändert? Und das war nun mal das Medikament.
Medikament nicht mehr genommen. Wenige Tage später war der Blutdruck auch ohne Medikamente wieder normal. Anderes Medikament. Kein Problem mehr. Die Nebenwirkung stand sogar im Beipackzettel. Den hatte ich natürlich nicht mit nach Koblenz genommen. Böser Fehler.
Wahrscheinlich hätte ich das im Verdacht stehende Medikament nicht mal so wirklich gebraucht. Es gibt ja so Krankheiten, die behandelt 2 Wochen und unbehandelt 14 Tage dauern. Die Situation war bei mir leicht anders, aber nicht viel. Ich wollte einfach schneller wieder fit werden, oder zumindest das Gefühl haben, dass ich schneller gesund werden würde. Weil ich in der Woche einige für mich sehr wichtige private Verabredungen hatte. Die ich nach der Situation in Koblenz allesamt absagen musste und auch wollte, weil meine Gedanken woanders waren. Ich hatte also letztlich nichts gewonnen.
Wahrscheinlich wollte mir aber mein Karma einfach nur mit Anlauf in den Hintern treten und mich auf etwas hinweisen, das dringend meiner Aufmerksamkeit bedurfte. Und es bedurfte dieses Medikaments, um für diesen Tritt die Bühne zu schaffen. Vielleicht wollte da Karma einfach mir sagen: „Kümmere dich darum.“
Und so holte der Fuß aus und der folgende Vormittag sollte die Frage beantworten, worum ich mich kümmern sollte.
Zufallsbefund
Mein Karma meinte damit nämlich nicht meinen Blutdruck. Das war, wie ich einige Stunden später herausfinden sollte, nicht mein größtes Problem. Die Ärzte in Koblenz haben mir noch etwas anderes mit auf den Weg in die Heimat gegeben. So neben der Anweisung „Das Medikament nehmen Sie aber erstmal nicht mehr. Das ist schon klar, oder? Sprechen Sie darüber mit Ihrem Hausarzt“.
Das deutlich größere Problem war ein Zufallsbefund. Wie eigentlich diese Diagnose fast immer ein Zufallsbefund ist. Denn sie tut nicht weh. Man ist nicht eingeschränkt. Man fühlt sich eigentlich wie immer. Wenn man nicht danach sucht, findet man sie meist nicht. Und wenn etwas keine Beschwerden verursacht, dann sucht man nicht danach.
Es gibt kein Screening nach dieser Krankheit wie beispielsweise bei Brustkrebs. Es fällt meistens auf, wenn man ohnehin das Herz schallt oder aus irgendeinem Grund einen CT oder eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs macht. Eben zufällig im Rahmen einer anderen Diagnostik. Es gibt ein einmaliges Screening für die Krankheit, wenn sie im Bauchraum stattfindet. Ab 65 steht einem das zu, und ich empfehle wirklich, das kontrollieren zu lassen. An den Ort, wo ich mein Problem hatte, wird in der Regel nicht geguckt.
Noch schlimmer, wenn man Beschwerden hat, dann hat man ein richtig großes Problem. Denn dann ist da möglicherweise ein Prozess im Gange, der einen irgendwann zeitnah binnen 3 Minuten umbringen kann. So aus dem vollen Leben heraus. Zu jedem verdammten Zeitpunkt. Dann ist üblicherweise Holland in Not, Polen offen und etwas dampft ganz kräftig wenig wohlriechend vor sich hin. Nachdem es einen Ventilator getroffen hat.
Aufgefallen ist es wegen einer Regel, die im Krankenhaus gilt, in das ich gegangen bin: In jenem Krankenhaus in Koblenz ist es - wenn ich das richtig verstanden habe - Vorgabe, dass jeder Patient, der so einen hypertensiven Notfall erlebt, eine kurze Ultraschalluntersuchung erhält. Es wird dann geguckt, ob alles in Ordnung ist. Nicht, dass der hohe Blutdruck etwas kaputt gemacht hat, das sofortige Behandlung bedarf.
„Sie sollten einen haben…“
Ich erinnere mich bis heute an diesen leicht abgedunkelten Raum. Ich konnte trotzdem durch das Fenster die gegenüberliegende Häuserwand sehen. Mir war in der Nacht nicht so richtig bewusst, dass das Krankenhaus so richtig in der Stadt lag. Allseitig von Häusern umgeben. „Haben Sie einen Kardiologen?“ fragte der Arzt.
Ich glaube, er wollte gar nicht wissen, ob ich wirklich schon kardiologisch angebunden war. Ich glaube heute, er wollte wissen, ob er mir gleich als Erster eine miese Nachricht überbringen musste. Oder ob ich möglicherweise schon davon wusste, was er gleich sagen würde und dann nur abwinken würde: „Ja, weiß ich. Ist Mist, aber weiß ich.“
Denn ein anderer Kardiologe hätte das wahrscheinlich schon vorher mal überprüft und mir das Problem mitgeteilt. Wobei ich mir der Vermutung auch falsch liegen kann, ich interpretiere in vielen Dingen viel zu viel hinein. Auch so ein Nebeneffekt des Korken im Gedankenstrudels.
Doch mein letzter Kardiologenbesuch war zu jenem Zeitpunkt etwa 20 oder 25 Jahre her. Wahrscheinlich lebt jener Kardiologe schon gar nicht mehr oder weilt in seinem wohlverdienten Ruhestand.
Mit dem heutigen Wissen, was er im Moment gleich sagen würde, verstand ich später seinen Gesichtsausdruck. Wobei auch hier wieder gilt: Vermutlich war es nur sein Standardgesichtsausdruck und ich interpretiere heute zu viel in diese Situation hinein. Weil für mich der Tag ziemlich wichtig erschien, weil er ziemlich mies begann, weil der Vortag schon mies war, und auch nicht besser zu werden versprach. Um einen wirklich schlechten Actionfilm mit Vin Diesel zu zitieren, den ich aber trotzdem zu meiner Schande gerne gucke (ich kann ihn empfehlen, wenn ihr keine intelligente Unterhaltung erwartet). Er läuft darauf hinaus, dass der Protagonist sagt, dass es schlechte Tage gibt und dass es dann noch legendär schlechte Tage gibt. Und dieser Tag wurde für mich gerade legendär schlecht. Für den Arzt wahrscheinlich einfach nur ein Montag.
„Nein, habe ich nicht“, antwortete ich. „Sie sollten einen haben!“ entgegnete er mir und deutete auf den Bildschirm, zeigte mir die Diagnose auf dem Bildschirm.
Im Arztbrief, den man mir gab und dessen primären Inhalt ich - nebst unmittelbaren Folgen - im morgigen Teil beschreiben werde, sollte stehen: „Erstdiagnose eines Aneurysmas der Aorta ascendens von circa 48mm“. Shit. Ganz großer Shit.