Wieder der lange Gang in der Radiologie. Ich habe hier schon so häufig gesessen. Ganz hinten. Wartebereich 3. Es ist nicht das erste Wartezimmer dieses Jahres. Es wird nicht das letzte sein. Aber diesmal warte ich hier, für mich. Nicht nur mit.

Auf dem Boden sind Aufkleber, die die Richtung zur Notaufnahme weisen. Sie sind neu. Der eigentliche Eingang wird umgebaut. Durch diesen Gang müssen momentan die Menschen kommen, die nicht vom Krankenwagen gebracht werden.

Es ist wieder mal eine Erinnerung daran, wie viel schlechter alles sein könnte. Ich muss lange warten. Es wird eine Stunde vergehen, bis ich meinen Pullover ausziehe.

Notfälle werden vor mir in den Raum geschoben. Sie sehen alle so aus, als wäre das gerade die schlechteste Zeit ihres Lebens. Den großen Notfall sehe ich gar nicht. Vielleicht auch besser so.

Andere warten in ihren Betten darauf, dass ihr Name aufgerufen wird. Auch sie reihen sich hinter den Notfällen ein.

Vor etwas mehr als einem halben Jahr lag ich auf der Seite des Ganges. Oder hätte dort gelegen. Ich hatte ja Corona. Man wollte mich da nicht warten lassen. Schnell hin, schnell wieder zurück. Ob ich auch so aussah? Oder ausgesehen hätte?

Und heute sitze ich da. Warte. Operationsnachsorge. Ich bin kein eiliger Patient, nur ein Patient, der es ein wenig eilig hat, weil zuhause noch Arbeit wartet. Eile ist hier aber fehl am Platz. Man folgt dem Takt des Ortes. Ich fädle halt für eine Zeit wieder in diesen Takt ein, um nachher wieder auszubrechen.

Zugang wird gelegt, das Kontrastmittel fühlt sich wie immer so an, als wäre der Weg zur Toilette zu weit gewesen. Ich werde das nie nicht unangenehm finden.

Aufnahmen werden gefertigt. Zum nächsten Arzt – dem, der mich damals operiert hat. Der Arzt ist zufrieden. Erzählt mir, dass die Sache in den 80er Jahren mit gleicher Wahrscheinlichkeit anders hätte ausgehen können. Ich bin nicht nur ebenfalls zufrieden, sondern auch dankbar.

Und noch viel besser: Ich darf wieder alles machen, was ich möchte. Endlich. In einem Jahr wieder zur nächsten Untersuchung. Ich will bei der nächsten Untersuchung wieder zu meinem alten körperlichen Ich zurückgekehrt sein. Jetzt, wo die letzte Last, der Zweifel der letzten Monate, weg ist, fühlt sich das erreichbar an. Ich habe das schon mal geschafft, ich werde das wieder schaffen. Aber einmal werde ich noch sündigen: Es wird Jubelfranzbrötchen geben.

Ich verlasse das Krankenhaus glücklich. Aber geerdet, wie jedes Mal in den letzten Jahren. Das glücklich ist neu. Und ich erlaube es mir heute. Es wird sich schon nicht an anderer Stelle rächen.1


  1. Ich weiß … famous last words … 

Mastodon · 1 comment
Thorsten Heit @t_heit@social.saarland
@c0t0d0s0 Danke fürs teilen und berichten von all dem. Freut mich zu hören/zu lesen, dass am Ende alles doch recht gut überstanden wurde. Glück im Unglück gehabt…?
Wie auch immer, für mich ein eindringlicher Hinweis, regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen (was ich eh mache).
0 0 0
2 toots from 2 people in this thread
Written by

Joerg Moellenkamp

Personal opinions, observations, and thoughts