Kate Bush ist zwar großartig, aber an vielen Stellen schwierig zu hören. Nicht weil die Künstlerin schwierig wäre um der Schwierigkeit willen. Sie erfordert eine andere Aufmerksamkeit. Man muss sich drauf einlassen. Es ist meistenteils keine Musik, die man so nebenher hören kann.1
Und dennoch ist sie Teil eines der für mich definierenden Lieder der 80er Jahre, als sie mit Peter Gabriel zusammen „Don’t give up” gesungen hat. Das Lied war auf “So” enthalten, veröffentlicht 1986. Entstanden als Echo auf den Thatcherismus zu seiner Hochzeit — mit all seinen Folgen. Ich glaube, in meiner Alterskohorte haben wenige nicht das Video vor Augen, in dem Kate Bush und Peter Gabriel sich umarmend im Duett sangen.2
In den folgenden Jahren bis heute gab es viele Duette. Aber meiner Beobachtung nach keines, das die Wucht von “Don’t give up” besessen hätte. Oder die Zeit und die Umstände seiner Entstehung so gut in einer Umarmung beschrieb.
Ich dachte schon öfters, dass es im Grunde genommen 40 Jahre nach „Don’t give up” dringend geboten ist, dass Peter Gabriel und Kate Bush sich noch einmal umarmen. Eine Klammer um 40 Jahre ihres Schaffens legen. Aber auch um 40 Jahre Geschichte. Dargestellt in der Umarmung von zwei von der Zeit geprägten Künstlern im engsten Sinn des Wortes.
In einer Zeit, in der Hoffnung sofort in Streit zerfällt3, anstatt sie einfach stehen zu lassen. In der nichts zu absurd ist, um nicht doch zu geschehen. In einer Zeit, in der unser Thatcher keine Föhnfrisur, sondern einen leichter zu handhabenden Haarkranz besitzt, aber vermutlich ebenso beliebt ist.4
So weit ist es leider nicht gekommen. Wir haben keine Umarmung bekommen. Es ist nicht so großartig wie das Duett. Es ist nicht mal ein Duett. Muss es aber auch nicht. Sollte es vielleicht auch nicht sein. “Won’t Stand Down” sagt auch so genug: „But we won’t stand down — Until there’s something better showing on the ground”. Dass es kein Duett ist, ist vielleicht die wichtigste Fortschreibung der Aussage in die Gegenwart: Wir können unsere Last nicht auf einen anderen Menschen legen, sondern müssen selber stehen. Die Wirkung kommt dann aus der Masse jener Menschen, die stehen bleiben. Und nicht der Resignation, es würde schon alles über sie wegziehen, anheimfallen.
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Running Up That Hill ist wahrscheinlich die große Ausnahme. Ein halbwegs zugängliches Lied in einem Werk, das großartig ist, aber in einer Welt, in der wir in der Auswahl von Millionen Titeln schnellen Zugang zu einfacherer Kost haben, aus der Zeit gefallen wirkt. ↩
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Das aus meiner Sicht gleichzeitig das Dilemma weiblicher Care-Arbeit zeigt. Peter Gabriel versinkt im Leid “Got to walk out of here I can’t take anymore”, Kate Bush spricht Peter Gabriel Mut zu “Rest your head You worry too much”. Dabei hat Kate Bush vermutlich genug eigene Sorgen. ↩
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Es hat nur einen Tag gebraucht, bis das Bild des Blas eines Wals, der nach Wochen des Strandens vor Poel den Weg in die Nordsee und in die Freiheit wiedergefunden hat, im Fegefeuer von Befindlichkeit verbrannte. Einen. Verdammten. Tag. In dieser einzelnen Wassernebelwolke über dem Skagerak war mehr Hoffnung als in 4 Monaten Nachrichten.5 ↩
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Und nein, ich meine hier nicht einen allgegenwärtigen amerikanischen Menschen. ↩
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Das Bild des Wals ist nicht vom bei Poel gestrandeten Wal. Es entstand 2018 an Point Pinos. Es ist meine Hoffnung, dass irgendwann ein Bild von “Timmy” oder “Hope” irgendwo erscheinen wird, das ihn ähnlich zeigt. ↩