Populismus für Anfänger

Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.

geschrieben am 6. November 2026, gelesen November 2026

Man lebt ja schon irgendwie in seiner Bubble. In meinem Bekanntenkreis gibt es meines Wissens niemanden, der mit der AfD sympathisiert. Zumindest zeigt es mir niemand offen. Das mag damit zusammenhängen, dass eine Bekanntschaft oder Freundschaft mit mir und das Wählen der AfD unvereinbar sind, mein Umfeld das auch weiß und man es mir deshalb einfach nicht sagt. Oder damit, dass die eigene Blase Bekanntschaften und Freundschaften so vorsortiert, dass sich das Problem gar nicht erst ergibt. Man sucht sich ja schon Menschen, die so ein wenig zu einem passen. So bleiben einem die Wähler der AfD irgendwie fern. Das funktioniert in beide Richtungen: Wer AfD wählt, wird meine politischen Präferenzen wahrscheinlich ebenso für absolut unvereinbar mit dem eigenen Weltbild halten und mich unbewusst meiden, sobald sie oder er genauso unbewusst merkt, wo ich politisch stehe. Damit kann ich gut leben. Aber genau so entstehen Bubbles und Echokammern.1

Nun war ich schon bei zwei Wahlen mit drei Wahlgängen Wahlhelfer. Ich habe Hunderte Menschen gesehen, freundlich begrüßt, Ausweise kontrolliert, ihre Namen in der Liste abgestrichen, ihnen die Stimmzettel gereicht. Und abends erfährt man, wie viele Leute die AfD gewählt haben. Und versucht, das mit den Gesichtern in Einklang zu bringen, die man den Tag über gesehen hat. Natürlich hat man seine Vermutungen, seine Vorurteile. Wer ohne Vorurteile ist, darf sich gern eine Tüte Kiesel kaufen. Ich bin es jedenfalls nicht. Man behält das aber schön für sich, lässt sich nicht eine Sekunde anmerken, was man denkt, und lässt die Augenbrauen dort, wo sie hingehören. Denn dafür ist auf dem Stuhl mit der Liste kein Platz. Zum politischen Wesen wird man erst wieder, wenn man abends nach dem Auszählen nach Hause geht.

Aber an dieser Stelle werden Stimmen zu Gesichtern. Zu möglichen Gesichtern. Man weiß es ja nicht. Wahlgeheimnis und so. In dem Wahlbezirk, in dem ich geholfen habe, haben 21,3 Prozent die AfD gewählt. Wer von ihnen nicht per Brief gewählt hat, könnte an jenem Tag vor mir gestanden haben. Die Wähler einer Partei, die so weit von allem entfernt ist, was man selbst denkt, sind nicht mehr nur ein Text im Netz oder eine Notiz in der Zeitung, sondern Menschen, denen man den Tag über begegnet ist.

Ich bin aber kein Mensch, der Dinge einfach hinnimmt, „Is halt so“ sagt und nicht weiter darüber nachdenkt. Die AfD ist eine rechtspopulistische Partei. Warum wählt man populistische Parteien? Wie funktioniert Populismus eigentlich? Und warum funktioniert er augenscheinlich so gut, dass so viele Menschen in meinem Wahlbezirk eine Partei wählen, deren Landesverband hier in Niedersachsen vom Verfassungsschutz als rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wird? Und das ist keine Information, nach der man lange suchen muss: Der Artikel, den ich eben verlinkt habe, stammt vom Norddeutschen Rundfunk.

Es geht mir nicht darum, dass jemand etwas anderes wählt oder glaubt, eine andere sexuelle Orientierung hat oder sein Leben anders gestaltet. Jeder möge nach seiner Façon selig werden, solange sie oder er sich ans Grundgesetz hält. Mach, was du willst, solange du mich machen lässt, was ich will, und der geschwungene Arm immer haarscharf vor meiner Nase stoppt. Und solange du auch andere machen lässt, was sie wollen, und vor deren Nase stoppst. Du darfst auch sagen, was du willst. Kann nur sein, dass ich dich für einen Torfkopp halte. Ich kann aber auch gut damit leben, dass du mich für einen Torfkopp hältst.

Es sind dieses „Verfassungsschutzprädikat“, unsere Vergangenheit und die Wahlerfolge, die ich nicht übereinandergelegt bekomme.

Wann immer ich etwas nicht verstehe, fange ich an zu lesen. Denn oft liegt die nächste Erkenntnis schon im nächsten Buch. Nach „Machttechnik Populismus“ habe ich kürzlich ein zweites Buch über Populismus gelesen: „Populismus für Anfänger“ von Walter Ötsch und Nina Horaczek. Die beiden Autoren bauen ihr Buch so auf, als würden sie einem aufstrebenden Populisten das nötige Instrumentarium an die Hand geben wollen. Und das funktioniert erstaunlich gut.

Das Instrumentarium fassen sie in Mustern zusammen, an die man sich halten soll, möchte man ein erfolgreicher Populist sein – beispielsweise „Muster 14: Erfinden Sie Sündenböcke“ (S. 46). Veranschaulicht werden die Muster oft mit Beispielen. Weil sowohl Horaczek als auch Ötsch Österreicher sind, haben diese Beispiele einen deutlichen Österreich-Bias. Aber die Ähnlichkeiten mit anderen Ländern sind frappierend. Teils zeigt das Buch sie selbst auf, an anderen Stellen legt man unwillkürlich die Eindrücke der letzten Jahre daneben.

Natürlich nutzen die beiden diesen Kunstgriff, um zu zeigen, wie man Populismus erkennt, sich dagegen feit und ihm gegebenenfalls Grenzen setzt. Das gesamte letzte Kapitel dreht sich darum, wie man mit Populismus umgeht – und ich halte es für das wichtigste des Buches.

Ich finde aber, dass diese Muster schön zeigen, wie einfach Populismus eigentlich ist und warum er verfängt: weil er auf einfachen Grundkonzepten basiert und die Welt vereinfacht. Eine Welt, die zunehmend komplizierter wird und zunehmend kompliziertere Probleme hat – und in der viele Menschen nach einfachen Erklärungen suchen, weil ihr eigenes Leben schon kompliziert genug ist. Eine Welt, in der ich mich sogar im eigenen kleinen Garten meines Fachgebiets immer öfter frage, wie lange mein mentales Schäufelchen da noch reicht, um mitzuhalten.2

Immer wieder verweisen die beiden Autoren auf Ähnlichkeiten zur NS-Zeit. Oft verbinden sie diese Hinweise mit der Klarstellung, dass die NS-Zeit für sich steht. Auf Seite 188 schreiben sie: „Ein Vergleich ist keine Gleichsetzung, eine Ähnlichkeit keine Gleichheit.“ Und das ist völlig richtig. Die NS-Zeit steht in jedweder Hinsicht für sich. Wer hier eine Gleichheit postuliert, verharmlost sie. Aber ich erkenne eine eingeseifte schiefe Ebene, wenn ich eine sehe – auch wenn ich nicht weiß, wohin sie führt. Wenn man sich das Instrumentarium des Populismus anschaut und dabei selbst ständig den Vergleich zur NS-Zeit zieht, denkt man sich: Erschreckend genug, dass sich vieles so sehr ähnelt, dass man diesen Satz überhaupt schreiben muss.

Die Zeit, in der das NS-Regime an die Macht kam, ist gerade einmal knapp 100 Jahre her. Auch wenn wir seither so viele Fortschritte gemacht haben – wir sind auf dem Mond gelandet, können über 800 Menschen in ein Flugzeug stopfen und haben Computer, die Katzenvideos generieren –, sind 100 Jahre praktisch nichts. In Carl Sagans kosmischem Kalender, der die Geschichte des Universums auf ein einziges Jahr verdichtet, läge 1933 in der allerletzten Sekunde vor Mitternacht. Wir unterscheiden uns nicht so sehr von den Menschen jener Zeit.3 Und darum funktionieren diese Mittel immer noch. Es braucht vermutlich nur den falschen Menschen, der sich dieses Instrumentariums bedient – zur falschen Zeit im falschen Land. Und das macht mir Angst. Denn ich fürchte, Fritz Bauer – der hessische Generalstaatsanwalt, der die Frankfurter Auschwitz-Prozesse auf den Weg brachte – hatte recht: „Ich glaube, es ist eine traurige Wahrheit, dass wir unserem Affenzustand noch sehr nahe sind und dass die Zivilisation nur eine sehr dünne Decke ist, die sehr schnell abblättert.“


  1. Im Beruf halte ich Politik völlig raus, sie hat dort einfach keinen Platz – vermutlich arbeite ich deshalb mit Menschen aller Couleur zusammen, ohne es zu wissen. ↩

  2. Und wann ich eigentlich so alt geworden bin, dass ich über so etwas nachdenke. ↩

  3. Und entgegen einer oft gehegten Vermutung waren die Menschen damals nicht alle schwarz-weiß. ↩

← Zurück zur Leseliste