Das Grundgesetz - Verständlich erklärt

Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.

geschrieben am 26. Oktober 2026, gelesen Oktober 2026

Ich gebe es ja zu: Ich bin ein Grundgesetz-Ultra. Unumwunden.

Nein, ich poche nicht ständig auf meine Grundrechte und schreie nicht jedem Polizisten entgegen, dass er oder sie dieses oder jenes nicht dürfe. Aber ich glaube, dass das Grundgesetz als Grundlage unseres Lebens seit der Gründung der Bundesrepublik wunderbar funktioniert hat – auch wenn es durch bestimmte Erweiterungen seinen Charme der wohlformulierten Stringenz verloren hat.1 Vielleicht wäre ein gelegentliches sprachliches Refactoring des Grundgesetzes nicht die schlechteste Idee, um diesen Zustand wiederherzustellen. Was zu kompliziert ist, um es in wenigen Sätzen auszudrücken, sollte in ein eigenes Verfassungsmodul ausgelagert werden.

Vor einigen Tagen bin ich dann über dieses Büchlein gestolpert: „Das Grundgesetz“, darunter „verständlich erklärt“. Es ist in Reclams Universal-Bibliothek erschienen. Und verständlich heißt hier nicht verständlich im Sinne eines Gesetzeskommentars, für den sehr viele Münzen den Besitzer wechseln und der dann in der Tat einiges Gewicht auf die Waage bringt. Sondern wirklich so, dass man es auch als Laie gut lesen und verstehen kann – als mittelbares Subjekt dieses Gesetzes, das sich bei der Wahl zwischen Grundgesetzlektüre und Wurzelspitzenresektion eher auf den Weg zum Kieferchirurgen macht.2

Ich hätte dieses Buch ja gerne in DIN A4, mit Hardcover-Einband und schön schwerem Papier. Denn jemandem „das Grundgesetz um die Ohren zu hauen“ hat mit einem Reclam-Heft in der Hand – auch wenn es etwas dicker ist – einfach nicht dieselbe Wirkung und sieht ein bisschen lächerlich aus. Mit dem Finger auf einen Wälzer zu pochen, der etwas Gewicht hat, hat da schon deutlich mehr Impact. Steintafeln wären auch okay, aber zum einen sind es mehr als zehn Artikel, und zum anderen wäre das doch enorm unpraktisch.3

Aber vielleicht nimmt auch der oberflächliche Leser leichter wahr, was da eigentlich drinsteht, wenn die Schrift ein wenig größer ist. Etwa wenn mal wieder jemand zu erklären versucht, warum die einen Grundrechtseingriffe völlig knorke sind, andere hingegen den Untergang der Zivilisation, wie wir sie kennen, bedeuten. Manchmal sogar beim selben Grundrecht – je nachdem, wer wem ins Grundrecht eingreift und wer wem gegenüber verpflichtet ist.

Und in letzter Zeit hat man so häufig das Gefühl, dass manche Menschen hier Nachhilfe vertragen könnten – selbst solche, die als Politiker unsere Geschicke leiten. Natürlich nicht mit dem gedruckten Grundgesetz als physischem Instrument der Überzeugungsübermittlung.4

Als Schüler hatte ich ein weißes Büchlein mit dem Grundgesetz (ich meine mich zu erinnern: mit einem schwarz-rot-goldenen5 Rand), ebenfalls etwa im Reclam-Format. Ich glaube, es war von der Bundeszentrale für politische Bildung. Unsere Sozialkundelehrerin hatte es zu Beginn des Schuljahres verteilt, und wir haben es dann im Unterricht verwendet. Allerdings war es meiner Erinnerung nach fast ohne Erläuterungen.

Ein Lesehinweis: Wegen der Art und Weise, wie der Autor auf die Artikel des Grundgesetzes verweist, lohnt es sich, parallel den Gesetzestext offen zu haben – als PDF oder in einer gedruckten Ausgabe. Beides gibt es kostenlos bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Dann entfällt das ständige Hin- und Herblättern.6

Das Schönste an diesem Büchlein ist allerdings vielleicht das Vorwort von Jagoda Marinić. Für viele von uns, die mit dem deutschen Pass geboren wurden, sind all diese Grundrechte selbstverständlich. Marinić beschreibt ihren Blick auf das Grundgesetz aus der Sicht eines Menschen, der nicht von Geburt an alle Rechte und Pflichten des Grundgesetzes hatte, sondern sie erst später im Leben mit dem deutschen Pass erhielt – und der sie deshalb eben nicht als „eh da“-Rechte ansieht.

Und dafür lohnt es sich, ein Grundgesetz-Ultra zu sein.


  1. Der Autor schreibt auch, dass sich beispielsweise der Asylartikel – den auch ich noch in seiner vier Worte langen Fassung kenne: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ – inzwischen eher wie eine Verwaltungsvorschrift lese (mit „knapp 280 Wörtern“) und „sprachlich verunglückt“ sei. ↩

  2. Ein offenbar weniger bekannter Fun Fact: Die Grundrechte binden den Staat, nicht die Einzelperson. Für Einzelpersonen gelten sie nur mittelbar – wie auch dieses Buch schön erläutert. ↩

  3. Und ich könnte mir wirklich weder Daniel Brühl noch Moritz Bleibtreu als Charlton-Heston-Ersatz in einer Verfilmung vorstellen. ↩

  4. Wobei … ich glaube schon, dass die das wissen. Aber wo kämen wir denn hin, wenn man sich ein so schönes Narrativ von der Verfassungsrealität ruinieren ließe … ↩

  5. Wobei das Gold wie üblich ein Gelb war. ↩

  6. Jetzt, wo ich die aktuelle Version als PDF sehe: Es könnte auch sein, dass es kein Rand war, sondern die Flagge unter dem Titel. ↩

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