Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.
geschrieben am 7. November 2026, gelesen November 2026
In meinem Text über die Trisolaris-Trilogie schrieb ich ja, dass meine Leselandkarte im asiatischen und afrikanischen Raum erhebliche weiße Flecken aufweist. Also habe ich einfach mal gegoogelt, was man an chinesischer Literatur unbedingt gelesen haben sollte. Dabei tauchten der Name Lu Xun und „Die wahre Geschichte des Ah Q“ häufiger auf. Es ist keine lange Geschichte – danach hatte ich auch gezielt gesucht. Ich habe noch so einige Bücher in der Inbox meines Regals, und ein weiterer Zweieinhalb-Kilo-Wälzer hätte mich doch arg zurückgeworfen.
Ich habe das Buch gebraucht gekauft. Eine Reihe von Bleistiftmarkierungen verrät, dass es irgendwem als Lernmaterial gedient hat.1 Auf dem Schnitt steht „Mängelexemplar“. Und doch ist es selbst nach 40 Jahren ein bemerkenswert mängelfreies Exemplar. Irgendjemand muss es aus einer Bücherkiste gerettet haben. Anscheinend sind selbst Werke, die in ihrem Land als besonders bedeutend gelten, hierzulande vor diesem Schicksal nicht sicher.
Ich möchte nicht viel über den Inhalt schreiben. Das Buch gilt als eines der wichtigsten Werke der modernen chinesischen Literatur (sagt Wikipedia) und dürfte von vielen Leuten rauf und runter bis ins kleinste Satzfragment analysiert worden sein. Da muss ich nicht noch meine eigene unbeholfene Interpretation hinzufügen. Nur so viel: Lu Xun kritisiert die Schwächen der damaligen chinesischen Gesellschaft anhand eines Tagelöhners, der jede reale Niederlage durch absurde Selbsttäuschung in einen Sieg umdeutet. Am Ende wird er unschuldig hingerichtet, ohne auch nur zu ahnen, warum.
Einen Punkt fand ich allerdings sehr interessant: „Die wahre Geschichte des Ah Q“ spielt während der Xinhai-Revolution2, die Trisolaris-Trilogie beginnt in der Kulturrevolution. Da greife ich mir zwei Bücher von zwei unterschiedlichen Autoren, und in beiden spielt eine Revolution eine zentrale Rolle. Vielleicht ist das aber weniger Zufall, als es scheint: Soweit ich es verstehe, war das 20. Jahrhundert in China eine Abfolge von Umbrüchen. Bücher, die über einen längeren Zeitraum in dieser Zeit spielen, kommen also fast zwangsläufig an einer Revolution vorbei.
Warm geworden bin ich mit dem Buch nicht. Es machte auf mich durchgängig den Eindruck, als spräche es mit einer zweiten Stimme: „Eigentlich will ich euch etwas ganz anderes sagen …“ Ja, sehr viel Literatur hat diese zweite Stimme, Satire sowieso. Aber hier erscheint sie mir sehr laut. Fast dominierend.
Ich weiß natürlich, dass das gewollt ist. Am Ende meiner Ausgabe steht auch ein Kommentar, der die Erzählung ein wenig einordnet. Und nach der Lektüre habe ich noch einige Texte über das Buch gelesen, die mehr erklärten – so nach dem Motto „Was soll mir das alles sagen?“. Sie haben meine eigene Interpretation deutlich erweitert, wohl auch, weil mein Wissen über das China jener Zeit nur sehr rudimentär ist.
Es ist eine Allegorie, eine Satire. Damit ist diese zweite Stimme der eigentliche Text, nicht das, was man an der Oberfläche liest. Aber ich bin ein großer Fan von Literatur, die leise einen Gedanken einpflanzt, der irgendwann später aufgeht – sodass man eines Morgens beim Frühstück sitzt, es einem plötzlich durchs Hirn schießt und man lächelnd sagt: „Ich hab’s!“ So, wie ich mittlerweile auch Musik bevorzuge, die wirkt, ohne dass man dafür die Lautstärke auf ein gehörgefährdendes Niveau aufdrehen muss.3 Diese Erzählung funktioniert völlig anders. Wobei – vielleicht kommt der Frühstücksmoment bei diesem Buch ja auch noch.
PS: Mit meinem zehentiefen Eintauchen in chinesische Literatur bin ich aber noch nicht am Ende: In der Inbox meines Bücherregals liegt auch noch „Die wandernde Erde“ von Liu Cixin. Es ist eine Sammlung von Geschichten, die ich gerne am Stück lesen würde. Damit ist es dann doch wieder ein kleiner Wälzer. Es muss warten.
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Ich werde sie nicht wegradieren, sie sind irgendwie Teil des Buches. ↩
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Musste ich nachschlagen. Wobei: Kann man bei Wikipedia eigentlich noch von „nachschlagen“ reden? Man schlägt ja nichts mehr auf. ↩
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Während ich das hier schrieb, mitten in der Nacht, hörte ich unter anderem Peter Gabriels „Secret World“. Nicht die Studioversion, sondern die Live-Version aus dem Big Room von 2003. Das Stück steht auf einer Playlist mit Musik, die ich in den Neunzigerjahren gern gehört habe und momentan recht häufig abspiele. Auf dem Konzertvideo zur „Us“-Tour sagt Peter Gabriel vor dem Stück: „Sometimes, when you look around, everything seems still and calm on the surface, but then you detect a little disturbance and you know for sure that underneath the surface lies some other secret world.“ Vielleicht fasst das meine heutigen Vorlieben ganz gut zusammen, egal ob Buch oder Musik. „Ah Q“ dagegen fühlt sich für mich eher an wie ein großer Findling, den jemand in den Teich wirft. ↩