Mein Vater ist schon etwas älter. Er eilt nicht mehr so wie früher durch den Supermarkt. Den schnellen Schritt habe ich von ihm. Er mag Einkaufen wohl genauso wenig wie ich. Manchmal überwinden wir gemeinsam unsere Abneigung und wir gehen zusammen Einkaufen. Insbesondere wenn meine Mutter gerade noch die Wohnung meiner Eltern für Besuch auf Vordermann bringt. Hunde machen Wohnungen halt wartungsintensiv. Und auch wenn der Hund meiner Eltern nicht mehr den Elan früherer Jahre hat und den weitaus größten Teil der Hundefutterdose des Lebens schon hatte, schafft er es immer noch die gleiche Menge Dreck in die Wohnung zu schleppen.1

Ich geh manchmal meinem Vater etwas voraus. Ich will ihn nicht unter Druck setzen, sich zu beeilen. Zumal er die unbestechliche Fähigkeit hat, in der Gemüseauslage jene Exemplare zu finden, die es wert sind, mit nach Hause genommen zu werden. Aber das braucht Zeit. Er muss das Obst dafür nicht anfassen, er guckt nur. Ich glaube, die Befriedigung des pantagruelischen Appetits von pubertierenden Teenagern hat ihm diese Fähigkeit gegeben.

Vor den Kühlschränken, in denen Fleisch in Plastikbehälten aufgebahrt und in Schutzatmosphäre erstickt zum Verkauf feilgeboten wird, finden sich meine Ziele.

Diese haben sich in den letzten 40 Jahren interessanterweise kaum geändert. Linker Hand ist das Spielzeug. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich da ganz gerne gucke, was der Markt für Klemmbausteine Neues bietet. Ich wüsste sonst nicht, dass es Blumen von Lego gibt. Ganz zu schweigen von Harry Ninjago. Ich fasse nichts an, ich gucke nur. Ein flüchtiger Blick, während ich warte.

Auf der anderen Seite sind die Druckerzeugnisse. Zeitungen. Die Bild-Zeitung schreit wie üblich in lauten Lettern heraus, was oder wen sie diese Woche für verachtenswürdig hält. Wo früher noch Zeitungen aus ganz Deutschland lagen, findet sich heute der Playboy neben der Cosmopolitan2. Es ist nur noch ein Rest verblieben. Und es ist ein kläglicher.

Jede Menge Zeitschriften. Aus der Zeit gefallene Hefte, die über das Programm der nächsten Wochen informieren neben den üblichen ganz heißen News aus Adel und Prominenz. Gleich neben der Käsetheke. Meist sind es Frauen auf den Umschlägen. Sie wirken künstlich. Maskenhaft. Leblos. Ist mal ein Mann dort zu sehen, ist es oft noch schlimmer. Die Furchen des Lebens sind allen völlig abhanden gekommen. Der Makeup-Firma Adobe sei Dank.

Meist in einer Ecke findet sich dann die seltsamste Ecke: Bücher. Bücher im Supermarkt. Zwischen Noname-Longlife-Motorenöl in 5W40 und der frischen Zubereitung von Hirtenkäse mit Olivenöl in Pikant.

In dieser Ecke stimmt nichts. Die Bücher leben hier nicht artgerecht. Cover nach vorn. Stehend. Leicht zurückgelehnt. Ob Mangold oder Mankell. Die Präsentation ist gleich. Weder liegen sie gemeinsam mit ihren Artgenossen übereinander geschichtet, noch sind sie Rücken an Rücken im Regal aneinander gereiht. Das ist wahrscheinlich ein noch schlimmeres Schicksal, als im Drogeriemarkt zwischen Photostation und Trockenobst auf einen Käufer zu warten.

Dabei haben es die Bücher hier noch gut. Der Abstieg ist noch nicht zu Ende. Es ist die Bücherfundkiste. Bewohnt von Mängelexemplaren. Ausschuss. Abgestempelt um der Buchpreisbindung zu entgehen. Nächste Station Papiercontainer. Dem Schredder entgegen.

Ich rette hier selten ein Buch. Die meisten Bücher würden nur ungelesen und ungeliebt das Regal wechseln. Ich gucke trotzdem. Ich fasse sie auch an. Blättere in ihnen.

Einfach haben es diese Bücher nie. Ein Buch über 99 Ideen, die ein Adventsfest genussvoll werden lassen, wirkt im April aus der Zeit gefallen. Und 111 Gründe, Mainz 05 zu lieben, wirkt kaum 60 Kilometer von Volkspark und Millerntor deplatziert. Am falschen Ort. Zur falschen Zeit. Und ganz am Ende: 300 Seiten Herzschmerz zwischen angeknickten Pappdeckeln aus der Autorenbodenhaltung.

Unbemerkt ist mein Vater an mir vorbeigegangen. Zeit sich von der Bücherkiste zu lösen und ihm zur Fleischaufbahrung zu folgen.


  1. Erst gestern musste ich ihn vor einem Roboterangriff retten. Der Staubsauger verfing sich auf dem Weg durch die Wohnung in seinem Fell. Mit ebenso überraschtem wie klagendem Blick zog er den Staubsauger hinter sich her zu uns, während wir Tee tranken. So fängt sie an. Die Rebellion der Maschinen. Noch können wir sie mit Leckerlis und einer Schere niederschlagen. Noch. 

  2. Zeitschriften die sich in ihrer Art wahrscheinlich ähnlicher sind als man denkt (dazu auch “Boxing Helena and Corseting Eunice: Sexual Rhetoric in Cosmopolitan and Playboy Magazines”, 2001, Krassas et al): “We conclude that both magazines converge on a single construction of sexuality for women.” 

Mastodon · Comments
No comments yet.
Be the first to reply! ↗
Written by

Joerg Moellenkamp

Personal opinions, observations, and thoughts