Irgendwo, in längst vergessenen Schachteln liegen vielleicht immer noch MixCD, die ich zusammengestellt habe. Die ich an Menschen weitergegeben habe, die mir wichtig waren. Die Mixtapes dürften wahrscheinlich längst verschwunden sein. Irgendwann mit dem letzten Kassettendeck entsorgt. Oder sie schlummern noch in verstaubten Schubladen. Mehr Erinnerung als Tonträger.
Das waren wohlüberlegte Werke. Was sagt die Musikauswahl über mich? Was sagt die Auswahl darüber, was ich über den anderen Menschen denke? Kann man in der Musik einen sehr subtilen, vor allen Dingen aber dementierbaren Hinweis über die eigenen Gedanken verstecken, die man selber noch nicht offen aussprechen möchte?
Die Jahre waren noch nicht den zwei Nullen entwachsen, als ich die letzte dieser CD zusammenstellte. Nicht wissend, dass es die letzte werden würde.
An dieser Stelle hat uns die Weiterentwicklung wirklich etwas genommen. Ich finde die Weitergabe einer Playlist bei weitem nicht so schön, wie die Weitergabe eines Tonträgers, dessen Booklet man mit viel Mühe in seiner schönsten Schrift1 beschrieb.
„Ich habe etwas Musik für Dich zusammengestellt, vielleicht gefällt sie Dir” ist eben sehr viel schöner, wenn man eine Kassette oder eine CD weitergibt, nicht nur eine URL.
Ohnehin gab und gibt es zu viele Streamingdienste. Es ist schwierig, den richtigen Dienst davon zu treffen. Das Risiko, dass die Weitergabe an einem „Du hast gar kein <Streamingdienst einfügen>? Hmm, das ist ja doof” scheiterte, war immer da, war immer groß. Und der Musik gewordene Pfeil eines Engels flog weiträumig am Ziel vorbei. „Ich hab nur Apple Music.” „Oh, ich nur Spotify.” Und schon musste man dann doch zu den Worten greifen.
In Nick Hornbys High Fidelity nimmt das Zusammenstellen dieser Mixtapes eine sehr wichtige Rolle ein. Das Buch endet damit, dass er schon weiß, wie er das nächste Tape für seine wiedergefundene Liebe zusammenstellt.
Als ich das Buch vor vielen Jahren las, habe ich mich so sehr darin wiedergefunden. Ich. Mitte zwanzig. Der erste für viel Geld erstandene CD-Brenner. Mit dem Kopfhörer vor der Anlage. Später beim Brennen die größte Vorsicht. Rohlinge waren teuer. Der Vorgang mit der kleinsten Bewegung der Maus ruiniert.
Vorher kaufte man sich zu diesem Zweck die guten Kassetten. Die eigenen Gedanken sollten nicht in der Dumpfheit einer billigen Ferro-Kassette untergehen. Nein, es musste das gute Chromdioxid sein.2
Es war eine schwierige Aufgabe. Karajans Wunsch, die Neunte auf einen Tonträger bannen zu können, hatte uns 74 Minuten auf einer CD gegeben. Ich habe nie jemanden die Neunte übergeben. Aber dennoch musste ich damit auskommen, um all das zu sagen, was man in Musik packen wollte. Weil man noch keine Worte dafür gefunden hatte. Oder sie nicht direkt auszusprechen traute.
Joerg 2026
- Max Richter – Recomposed: Vivaldi, The Four Seasons: Spring 1
- Moderat – Therapy
- Kiasmos – Burst
- Peter Gabriel – Sky Blue (Martyn Bennett Remix)
- David Poe – Joy
- Zaz – Je veux
- Devin Townsend Project – Supercrush!
- Mike Oldfield – Five Miles Out
- Nine Inch Nails – Who Wants To Live Forever
- Collide – Tempted (Conjure One Mix)
- VOLA – Napalm (Re-Witnessed)
- Jan Blomqvist – The Space in Between
- Talvin Singh – Butterfly
- The Irrepressibles – In This Shirt (Röyksopp Remix)
1 Stunde, 13 Minuten
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Die dennoch eine Klaue in feinem Gewand blieb. ↩
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War ja, wie jeder damals durch die Werbung wusste, verdammt nah an der CD. ↩