Ich benutze seit einigen Jahren eine Keychron Q6. Ich bin eigentlich auch mehr oder minder zufrieden damit gewesen. Die Tastatur fühlte sich ganz gut an, sah irgendwie auch brauchbar aus. Quasi mechanisches Keyboard für Leute, die keinen Bock haben, selbst zu bauen, wie ich es mittlerweile verstanden habe.
Eigentlich hätte ich ewig bei dieser Tastatur bleiben können. Vielleicht irgendwann mit neuen Schaltern versehen, neue Keycaps vielleicht. Einen vernünftigen, zwingenden Grund für eine neue Tastatur gab es nicht.
Ich hatte nur ein Problem damit: Sie war nicht wireless. Die Wirelessvariante kam einige Wochen, nachdem ich meine Q6 erwarb, auf den Markt. So wurde damals aus meinem eigentlich als kabellos geplanten Schreibtisch wieder ein Schreibtisch mit Kabeln.
Wie bei allem, was nur ein bisschen nervt: Man lässt es, redet sich ein, dass es nicht nervt – bis es irgendwann genug nervt.
Und dann kam der Tag, an dem die Flasche kippte. Als es so heiß war. Mit Wasser. Ich habe mein Notebook gerettet, aber binnen Sekunden war ich im Markt für neue Tastaturen. Ein Reparaturversuch mit reichlich Isopropanol führte nur zu einer teilweise funktionierenden Tastatur. Ich erinnerte mich an einen kürzlichen Blogartikel in meinem RSS-Reader und schritt zur Tat.
Für mich ging es danach erst mal für eine Zeit durch das Purgatorium einer Tastatur, die so anders war, als meine Haupttastatur es war, bevor sie ertrank. Keine schlechte Tastatur. Eine Apple-Tastatur, die ich um des TouchID-Buttons willen habe. Aber hinreichend anders, um ungewohnt zu sein. Anders genug, um mich zu bremsen. Anders genug, um mich zu nerven.
Kontakt
Unser Kontakt mit dem Digitalen ist sehr von Auge und Ohr geprägt. Die Interaktion ist wenig körperlich. Bis auf die Hände, die Finger. Die Finger sind unser Weg, diese Welt zu manipulieren. Irgendetwas in diese Welt zu bringen. Ja, klar gibt es Spracheingabe, aber am Ende muss man dort auch mit der Tastatur die Fehler beseitigen, die Ähms auffiltern und die ganzen Flüche entfernen, weil das System wieder etwas falsch verstanden hat.1
Die Tastatur ist eines unserer Gateways vom achten in den siebten Kreis der Hölle … äh … des OSI-Modells. Für mich ist sie das wesentliche Arbeitswerkzeug. Und damit stand für mich fest, dass eine neue Tastatur her musste, die noch mal ein Sprung gegenüber der Q6 sein sollte.
Das neue Keyboard
Wofür habe ich mich entschieden? Das Gehäuse und das PCB2 sind eine Neo Code 98 ISO Tri-Mode. Also eine “fast fullsize”. Die Switches sind Gateron Oil Kings. Es sind relativ schwere Linears. Also kein Druckpunkt. Stabilisatoren3 sind AEboard Stabies. Ich wollte TX AP Stabies, aber die waren nicht lieferbar. So wie alles, was mit Custom-Tastaturen zu tun hat, irgendwie daraus besteht, sich um “nicht lieferbar” herumzuarbeiten. “Hey, die sehen ja gut aus.” – “Zonk. Nicht lieferbar.”
Aber das Internet meinte, die AEboard Stabies sind praktisch genauso gut. Keycaps sind Black on Grey von Monacokeys mit Esc, Enter und Cursor in Schwarz auf – so eine Art – Rot. Layout ist ISO.
ANSI führt regelmäßig zum Wunsch, das Keyboard aus dem Fenster zu werfen. Ich schlage die gegenüber einem ANSI-Enter deutlich größere ISO-Enter-Taste recht hoch an. Da ist bei ANSI schon zur Hälfte eine andere Taste. Ich hab’s mal versucht, als ich zu einer Sun Workstation eine ANSI-Tastatur hatte. Nie wieder.
Sie hat sowohl wired als auch 2,4 GHz als auch BT4. Sie blinkt nicht. Meine Q6 sah zuweilen aus wie eine Dorfgroßraumdiskothek. Und aus irgendeinem Grunde schaltete sich die Dorfdiskothek gelegentlich wieder ein, egal wie oft man diese ausschaltete. Die neue Tastatur kann nicht Diskothek. Sie ist leuchtbenachteiligt. Ihr fehlen die LEDs. Und das empfinde ich als sehr angenehm.
Lektionen in Demut
Ich habe vor einiger Zeit eine Revision eines Fahrradteils durchgeführt. Auseinandergenommen, gründlich gesäubert, wieder zusammengebaut, bemerkt, dass ein Teil falsch montiert ist, wieder auseinandergenommen, korrigiert, wieder montiert. Eigentlich ist das Teil non-serviceable und wird im Ganzen getauscht. Aber “non-serviceable” stieß auf meinen Trotz.
Insgesamt eine Lektion in Demut. Demut, dass die Augen doch die Jahre auf dem Buckel haben, die man gelebt hat. Demut, dass meine Finger doch nicht wirklich geeignet sind, kleinste Schrauben zu montieren, Demut, dass dem Menschen doch kein dritter Arm nebst dazugehöriger Hand vergönnt ist. Am Ende funktioniert alles tadellos. Non-serviceable? Pah!
Das Leben dachte anscheinend, ich bräuchte eine weitere Lektion. Ich könnte aus der Fahrradteil-Odyssee die falschen Schlüsse ziehen. Und so wiederholte sich alles. Das Zusammenbauen der Stabilisatoren war eine Probe für die Geduld und die Angemessenheit der Brillenstärke. Und auch hier schlich sich ein Fehler ein. Ich hielt mich streng an die Anleitung. Baute Stabilisatoren ein, wo die Anleitung es gebot. Auch an der Stelle, wo die linke Shift-Taste später ihren Platz haben würde. Und dachte nicht richtig darüber nach.
Der geneigte Leser wird meinen Fehler bereits jetzt erkennen: Auf einer ISO-Tastatur hat man meist ein “split left shift”. Also eine kleine Shifttaste und daneben “<>”. Zum einen brauchen diese kleinen Tasten keinen Stabilisator. Zum anderen: Die Stelle hat drei Einbaupositionen für Mikroschalter. Links, Mitte, rechts. Mit Stabilisator ist nur die mittlere Position zugänglich, die anderen sind von diesem überdeckt. Und nun ratet, welche Positionen für “split left shift” benötigt werden. Jaaaa, richtig.
Wanderer, kommst du an meinen Schreibtisch, verkündige dorten, du habest mich dort fluchen gehört, wie es die Mehrarbeit befahl.
An sich ist der Fehler leicht zu korrigieren. Halt einfach den Stabilisator abschrauben. Allein, das geht nicht im eingebauten Zustand. Stabies schraubt man gleich als Erstes auf die Platine, und eigentlich müsste man alles auf diesen Stand zurückbauen. Was bei einer Hundertschaft Tasten einer Bestrafung für Menschen gleicht, die für ihre Eltern Gandalfs grauen Vorhang verschoben haben. Ohne dass diese es wollten. Weil sich die Taste am Rand befand, konnte ich die leicht flexiblen Eigenschaften der PE-Plate ausnutzen und den Stabie herausfummeln, ohne die Tastatur vollständig zu demontieren. So wurde daraus nur eine Strafmaßnahme für Menschen, die letztes Wochenende ihre Eltern nicht angerufen haben.
Es ist halt nicht nur “Read the fine manual”. Es ist auch “Think about the fine manual”.
Die ersten Wochen
Wie fühlt sich also diese neue Tastatur an? Es ist nun kein orgiastisches Tippgefühl, das bei jedem Tastendruck ein Hoch der Gefühle durch den Körper treibt. Das wäre auch ein wenig viel verlangt. Es ist auch kein Handschmeichler. Als würde man seine Hände darin baden. Es ist immer noch nur eine Tastatur.
Was es realistisch ist: Sie erfüllt ihre Aufgabe stets zu meiner vollsten Zufriedenheit. Sie ist besser als die Q6. Deutlich. Und die Q6 war schon keine schlechte Tastatur. Das habe ich mit einer gewissen Überraschung wahrgenommen.
Ich muss mich noch an die relativ stark gefederten Linears gewöhnen. Ich merke das durchaus an den Fingern. Die Keychron hat meinen Fingern deutlich weniger Widerstand geleistet. Es fühlt sich aber gut an. Wie die Keychron Q6 ist die neue Tastatur recht schwer. Etwa 3 kg. Ich mag schwere Tastaturen. Aus einer Vielzahl von Gründen. Unverrutschbarkeit. Einsatzmöglichkeiten während einer Zombieapokalypse. Wertigkeit. Ich habe die Neigung, beim Tippen die Tasten so anzuschlagen, als würde ich sie durch das Holz des Tisches treiben wollen. Stabilität ist für meine Tastaturzwecke ein Muss. Das hatte ich schon bei der alten Tastatur, das wollte ich auch bei der neuen Tastatur. Und diesen Wunsch erfüllt die Tastatur, ohne ins Übertriebene abzugleiten.
Und der Klang? Ein tiefer, wohlgefälliger Klang ohne Klappern. Thock nennt man das in den Gefilden der Tastatur-Aficionados. “Sie klingt gut” nenne ich das.
Ist die Tastatur nun perfekt? Nein. Ich bin mir unsicher, ob die Keycaps auf Dauer bleiben werden. Schwarz auf Grau sieht gut aus. Diese subjektive Schönheit geht aber auf Kosten der objektiven Sichtbarkeit. Momentan gefällt mir die Optik noch zu gut, um tätig zu werden. Aber das mag sich ändern.
Bubble
Auf meiner Reise zur neuen Tastatur bin ich durch allerlei Lande gezogen. Während ich zur Keychron durch meine damalige Bubble schlicht geinfluenced wurde, musste ich mich hier selbst informieren.
Und die Menschen, die diese Lande bewohnen, sind schon etwas seltsam. Wie man die Schalter korrekt nachölt, wird episch diskutiert. Die Wahl des richtigen Tastaturfetts5 und der richtigen Fettungsstellen füllt seitenweise Forenbeiträge.6 Es gibt Leute, die sogar die Federn in den Schaltern tauschen. Bei anderen habe ich das Gefühl, sie kaufen sich Keycaps, die von einem finnischen Keller-Underground-Laden stammen, weil sie … nun ja … eben aus einem finnischen Keller-Underground-Laden sind. Die Videos, in denen Leute Tastaturen anschlagen und mit einem Mikrofon aufnehmen, sind Legion.
Es scheint so, als würde jeder menschlichen Tätigkeit, jedem Hobby auch der Exzess innewohnen. In jene Tiefen des Kaninchenbaus bin ich jedoch nicht vorgedrungen.
Aber was sag ich … ich habe mich vor einigen Jahren für einige Wochen mit Tubelessklebeband und den passenden Ventilen beschäftigt. Von meiner wochenlangen Recherche, was für meinen “Urlaub 2025”-Plan die beste Hinterradnabe wäre, möchte ich gar nicht anfangen. Ich sag ja … Exzess.
Trotzdem haben meine Kollegen mit einer gewissen Verwunderung wahrgenommen, dass ich eine Tastatur selbst zusammengebaut habe. Scheint wohl Stage 4 Nerddom zu sein …
Postscriptum
Was ich daraus gelernt habe? Wieder einmal, warum am Eingang des Computerraums an meiner Schule das Schild stand: “Essen und Trinken verboten”. 40 Jahre später hab ich’s aber immer noch nicht verinnerlicht. Dabei ist an meinem Schreibtisch sogar ein Tassenhalter vom schwedischen Tinnefladen mit angeschlossenem Möbelhaus befestigt. Dieser Halter hätte das Kippen zuverlässig verhindert. Aber dann hätte ich jetzt auch keine neue Tastatur.
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Ich bin froh, dass es keine direkten Hirn-Rechner-Interfaces gibt. Ich müsste jeden Text hinsichtlich “Damit verbleibe ich mit freundlichen oh guck ein Eichhörnchen Grüßen”-Fehlern überprüfen. ↩
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Die Platine im Gehäuse, auf der die Tastatur elektrisch aufbaut. ↩
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Eine Shifttaste ist ziemlich lang. Ist diese nur in der Mitte vom Schalter unterstützt, wackelt das ziemlich. Oder geht nur auf einer Seite nach unten. In geringerem Maße trifft das auf jede etwas größere Taste zu (also Enter, Backspace etc.). Darum baut man ein Dingsbums unter die Taste, das die Taste stabilisiert. Eben den Stabilisator. ↩
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Daher Tri-Mode. ↩
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Ist den Leuten eigentlich klar, wie sehr das Wort nach einem Hazing-Ritual für Neuankömmlinge in einer Gruppe klingt? Nach dem berühmten Diskettenschmierfett. Ich bin mir sicher, würde man heute noch Disketten auf breiter Front verwenden, so hätte sich das längst von einem Scherz zu einer validen Frage gewandelt. Mit der unvermeidlichen Gegenfrage: “Willst Du eher mehr Wobble?” ↩
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Ich hege die Vermutung, es würde hier auch über Anleitungen diskutiert werden, die das Mischen von Schlangenaugen und Froschzungen in einem Topf um Mitternacht beinhalten, wenn es nur dem ultimativen Thock dient. ↩