Ich habe Dinge gesehen, die ihr Nicht-ITler niemals glauben würdet. Gigantische Server, die Core Dumps warfen, kurz vor Weihnachten. Ich habe Lastspitzen gesehen, glitzernd in Grafana, nahe dem Ende der Nacht. All diese Momente werden irgendwann verloren sein in der Zeit, so wie verwaiste Tickets im Jira. Zeit, sich eine Bildschirmarbeitsplatzbrille verschreiben zu lassen.

25 Jahre. Es sind wirklich schon 25 Jahre. Auch wenn ich hoffe, dass noch “30” und “35” dazukommen1, fühlen sich 25 Jahre irgendwie besonders an. Dieser Eintrag ist ein Ausdruck der Verwunderung über diese lange Zeit. Geschrieben in einem Blog, das mich fast genauso lang begleitet.2 Dabei lief eigentlich alles anders, als ich es 2001 für mich ausgemalt habe.

Die beste Freundin meiner besten Freundin erwähnte mal eine Regel beruflichen Aufstiegs: „Nach drei Jahren kann man gehen, nach fünf Jahren sollte man gehen, nach sieben Jahren muss man gehen.” Diese Frau hatte in großen Unternehmen Karriere gemacht, und irgendwie erschien mir diese Regel am Ende des letzten Jahrtausends sinnvoll.

Und das war auch mein Plan, als ich 2001 bei Sun anfing. Ein paar Jahre dabei bleiben, Sun im Lebenslauf stehen haben und mir dann etwas anderes suchen. Vielleicht sogar wieder als Manager. Möglicherweise in einer anderen Stadt? Eventuell sogar ins Ausland gehen? Ein guter Plan. Fand ich.

In Hamburg war ich wegen einer abendlichen Vorbeifahrt3 an der Binnenalster gelandet. Dies war wahrscheinlich der Moment, in dem ich mich in die Stadt verliebte. Es war kein großer Plan, sondern ein Zufall, der mein Leben tiefgreifend beeinflussen sollte. In jenem Moment wusste ich, dass ich in Hamburg und damit bei Sun unterschreiben würde.

Binnenalster

Sieben Jahre sind lange vorbei. Es ist 2026. Ich habe mich zum dritten Mal dem ‚muss’ verweigert. Viel ist passiert. Sun wurde längst von Oracle übernommen. Ich bin immer noch dabei. Mittlerweile länger bei Oracle als bei Sun. Aber: Meine Aufgaben unterscheiden sich sehr von jenen, die mir mein damaliger Manager in jenem Sommer vor 25 Jahren – kurz bevor sich die Welt an einem Morgen im September grundlegend änderte – gab. Ich fand mein Wachstum nicht im Sprung von Firma zu Firma. Ich unterscheide mich sehr von dem Menschen, der damals 2001 den Eingang zur Sun-Geschäftsstelle in der Eiffestraße gesucht und nicht sofort gefunden hat.4

Warum ich geblieben bin? Es war und ist mit Sicherheit nicht alles „Ponyhof”.5 Nichts ist das so lange. Nichts ist das immer. Wer das über eine Zeit von 25 Jahren sagt, nutzt die Gnade des selektiven Erinnerns. Aber man wächst nicht an einem Ort, wenn man an diesem nicht jeden Tag etwas lernen kann. Man gewinnt nicht, wenn man nicht jeden Tag etwas an jemanden weitergeben kann. Man geht nicht voran, wenn die Neugier irgendwann verkümmert. In den 25 Jahren konnte ich jeden Tag lernen, lehren, neugierig sein. Jeden einzelnen Tag.

Viele besondere Menschen kreuzten meinen Weg: Von jenem Herrn am Empfang der Frankfurter Geschäftsstelle, der ein phänomenales Gedächtnis für Namen und Gesichter hatte, bis hin zu der Frau, die den verdammten Spanning Tree erfunden hat. Wenn ich durch eine Stadt laufe, kann ich sehen, wo ich überall ein kleines bisschen beigetragen habe.

Und schlussendlich: Man ist nicht 25 Jahre in einer Firma, ohne dass die Linie zwischen Kollegen und Freunden in Teilen bis zur Unkenntlichkeit verwischt wird. Oder dass man zu manchen Menschen Respekt und Vertrauen aufbaut, das weit über das im professionellen Leben gebotene Maß hinausgeht.

SunOracle

Wenn Du das Universum lachen hören willst, mache einen Plan. Wenn ich auf das letzte Vierteljahrhundert zurückblicke, muss dieses Lachen nicht notwendigerweise etwas Schlechtes sein.6


  1. Ja, ich weiß, das fordert das Schicksal in einer Vielzahl von Richtungen heraus. Aber nach 2025 sehe ich das mit einer gewissen Nonchalance. 

  2. Und dessen zwanzigsten Geburtstag ich vor zwei Jahren schlicht übersehen habe. Vielleicht ist dieser Text auch ein bisschen Ausgleich dafür. 

  3. Ich konnte mich nicht entscheiden, welches Angebot ich damals annehmen sollte. Ich fuhr durch Berlin7, ich fuhr durch Frankfurt8. Und dann war da diese Fontäne9

  4. Weil ich in der Aufregung nicht um die Ecke guckte, wo dieser sich unübersehbar befand. 

  5. Nicht so schlimm, denn ich find Ponies doof … 

  6. Meinetwegen kann das Universum gerne bis zu meiner Rente weiterlachen. 

  7. Jeder wollte um die Jahrtausendwende in Berlin sein, ich irgendwie nicht … 

  8. Frankfurt mag schöne Stellen haben, doch allein ich fand sie nicht … 

  9. Hach … 

Written by

Joerg Moellenkamp

Grey-haired, sometimes grey-bearded Windows dismissing Unix guy.