Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.
geschrieben am 8. November 2026, gelesen 2003
Ich habe dieses Buch schon einmal erwähnt: Wer meinen Text darüber gelesen hat, wie ich meine Flugangst verloren habe, kennt es bereits. Es ist ein wichtiges Buch für mich. Nicht, weil es gut wäre – in weiten Teilen ist es eigentlich nichts Besonderes, nicht einmal sonderlich gut geschrieben. Der Stil reißt einen nicht zu Begeisterungsstürmen hin. Gekauft habe ich es ausgerechnet am Frankfurter Flughafen. Geflogen bin ich damals allerdings nicht, das war noch zu meiner Flugangst-Zeit. Ich hatte in der Nähe des Flughafens beruflich zu tun, noch zwei Stunden Zeit bis zu meinem Zug und leider kein flexibles Bahnticket. Um die Zeit totzuschlagen1, ging ich ins Flughafengebäude und entdeckte dort eine Buchhandlung. Ich weiß, dass ich dort mehr als ein Buch kaufte, aber an der Kasse lag dieses: „Wie ich lernte, das Fliegen zu hassen“ von Henry Mintzberg.
Es mag komisch erscheinen, dass sich jemand mit Flugangst ein Buch kauft, in dem es darum geht, das Fliegen zu hassen. Ich mochte das Fliegen ohnehin nicht, dafür brauchte ich keine Anleitung. Aber vielleicht wollte ich es ja richtig hassen. Damit ich nicht mehr so wehmütig vor der Klackertafel im Frankfurter Flughafen stand, die die Abflüge anzeigte. Damit ich nicht wieder diesen fernen Blick bekam, wenn ich hörte, dass Freunde oder Kollegen in den USA gewesen waren.
Mintzberg beschreibt in seinem Buch viele Dinge, die wirklich hassenswert sind. Damals dachte ich: Fliegen ist eigentlich eine ganz und gar unerfreuliche Tätigkeit. Je nach Klasse bezahlt man unterschiedlich viel Geld dafür, von diesem zentralen Umstand abgelenkt zu werden. Als ich meine Flugangst überwunden hatte und beruflich wie privat richtig viel flog, merkte ich: Mintzberg hatte recht. Ich hatte recht. Es ist unerfreulich. Es nervt. Und niemand würde sich dem aussetzen, wenn er dabei nicht von A nach B käme. Sich in ein Flugzeug zu setzen, nur um in der Economy von A nach A gebracht zu werden, eingeklemmt in einen viel zu engen Sitz, aufgewärmtes Essen aus einer Schale löffelnd – das würden wohl nur ein paar ganz Verstrahlte freiwillig über sich ergehen lassen. Es sind die paar Stunden oder Tage zwischen Hin- und Rückflug, die das Ganze lohnenswert machen. Allerdings gab es in Corona-Zeiten tatsächlich Flüge ins „Nirgendwo“, weil man im „Irgendwo“ nicht landen durfte. Das macht die Verstrahlten nicht weniger verstrahlt, zeigt aber, dass es mehr von ihnen gibt, als man denken würde.
Ich glaube aber, Mintzberg hasst das Fliegen eigentlich genauso wenig wie ich. Und damit meine ich nicht das Aus-dem-Fenster-Gucken. Ja, das ist zuweilen atemberaubend schön. Mintzberg schreibt in seinem Buch von einer Flugbekanntschaft namens Anne. Und ich habe ein bisschen den Eindruck, dass diese Begegnung für ihn vieles, wenn nicht alles aufwiegt. Einer Anne bin ich auf meinen vielen Flügen nicht begegnet. Aber vielen anderen Menschen, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Dem riesengroßen Skandinavier neben mir, der noch mehr Flugangst hatte, als ich sie je hatte. Dem Typen mit dem hebräischen Playboy. Und vor allem der Frau mit ihrem Baby auf dem Flug von Boston nach Amsterdam 20012 – zwei Menschen, an die ich bis heute gelegentlich denke. 25 Jahre später. Das Baby dürfte mittlerweile mit dem Studium fertig sein. Es sind die interessanten Menschen, die man trifft. Denen man trotz aller Introvertiertheit manchmal nicht aus dem Weg gehen kann – und bei denen man am Ende der Reise froh ist, es nicht getan zu haben.
Ein Buch, das auszog, mich das Fliegen hassen zu lehren, brachte mir bei, dass Fliegen gar nicht so schlecht ist. Deshalb ist es mir so wichtig.
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Eigentlich ein wirklich blödes Wort. Zeit ist das Einzige, was man als Mensch hat und nie wieder zurückbekommt. Im Grunde schlägt man also nicht die Zeit tot, sondern sich selbst. ↩
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Vor 2000 bin ich nie geflogen. 2000 und 2001 flog ich mehrmals nach München, einmal nach Singapur und einmal nach San Francisco und Boston. Danach wurde die Flugangst so stark, dass ich bis 2006 gar nicht mehr flog. Die ganze Geschichte steht in „How I learned to stop worrying and love being a passenger“. ↩