Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.
geschrieben am 22. Oktober 2026, gelesen 1986
Bei meinen Großeltern väterlicherseits gab es ein Gästezimmer. Das Zimmer war etwas merkwürdig. Der Raum war niedriger als alle anderen – für sich genommen relativ hohen – Zimmer im Haus. Über drei Stufen ging es hoch in den Raum. Darin standen ein Bett, ein Sofa. Und viele, viele Bücher. Vieles davon war nicht mein Metier: Simmel (nein, wirklich Simmel, nicht Schimmel) in allen Farben und Formen. Viele wirklich alte Bücher. Die Erklärung für die Stufen und die Höhe des Raums war einfach: Unter dem Zimmer lag der Vorratskeller. Er hatte eine höhere Decke als der Rest des Untergeschosses, das kaum mehr als ein Kriechkeller war – und stahl so dem Zimmer darüber ein wenig von seiner Höhe. Der Keller war mir immer ein bisschen unheimlich. Aber dort standen die Einmachgläser mit den leckeren Birnen und den Kürbissen mit Stangenkaneel. Wo die Bücher später gelandet sind, als meine Oma (mein Opa war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben) ins Altenzentrum umzog, weiß ich gar nicht so genau. Teilweise gehörten sie auch meinem Vater, der sie nie mitgenommen hatte.
Wenn ich in den Ferien bei meinen Großeltern war, habe ich in diesem Raum viel Zeit verbracht. Ab und an durfte ich sogar ein Buch mitnehmen, wenn ich es bis zum Ende der Ferien nicht geschafft hatte, es zu Ende zu lesen. Weil das meist die Bücher meines Vaters waren, blieben sie dann auch bei mir. Um ein solches Buch soll es heute gehen. Ich muss so um die 12 oder 13 gewesen sein, als ich es im Regal meiner Großeltern fand.
Es ist „Heller als tausend Sonnen“ von Robert Jungk. Es geht um die Forschung, die am Ende zur Entwicklung der Atom- und der Wasserstoffbombe geführt hat, und um das Manhattan-Projekt – den Bau der Atombombe in den USA. Es geht aber auch um die moralischen Konflikte, in denen die beteiligten Forscher standen, allen voran Oppenheimer.
Auch Geschichten, die es – aus ganz unterschiedlichen Gründen – in letzter Zeit bis in die sozialen Medien geschafft haben, finden sich in diesem Buch, etwa der Kritikalitätsunfall von 1946 mit dem sogenannten „Demon Core“. Bei einem Experiment wurden mehrere Menschen verstrahlt. Louis Slotin, der den Versuch selbst durchführte und durch sein schnelles Handeln mehreren Anwesenden das Leben rettete,1 starb kurz darauf. Neun Monate zuvor hatte es einen ähnlichen Unfall gegeben, bei dem Harry Daghlian2 starb. Im Buch wird dieser Unfall meiner Erinnerung nach aber nicht mit dem Demon Core in Verbindung gebracht.
Ja, ich weiß, dass das ziemlich heftige Kost für einen Teenager war. Aber ich war damals schon ziemlich verkopft, um es sehr vorsichtig auszudrücken.
Wie ich erst viel später erfuhr, ist dieses Buch nicht unumstritten: Es entstand in einer Zeit, in der vieles, was in Deutschland während des Krieges geschehen war, noch relativiert wurde. Die deutschen Versuche, eine Atomwaffe zu bauen, und ihr – angeblich von den Forschern beabsichtigtes – Scheitern werden daher recht wohlwollend dargestellt. Beteiligte wie Werner Heisenberg3 haben sich schließlich selbst von dieser Darstellung distanziert.4
Die Ausgabe, die ich heute besitze, ist nicht mehr jene, die ich damals mit nach Hause nahm. Trotz des Themas habe ich das Buch immer wieder gelesen. Mit der Zeit zerfledderte es, der Einband ging kaputt. Mit etwa 20 verlor sich die Spur der kläglichen Reste.
Viele Jahre später war ich mit meiner damaligen Partnerin in einem Antiquariat in Heidelberg. Als ich im Erdgeschoss meinen Blick schweifen ließ, fiel mir ein senfgelber Umschlag auf. Und es war genau jenes Buch (das gleiche, nicht dasselbe), das ich vor vielen Jahren von meinen Großeltern mit nach Hause genommen hatte. Ich kaufte es für meinen Vater, aber anscheinend hatte ich mehr Erinnerungen daran als er. Das Buch steht heute in meinem Regal.
Als ich es 2022 noch einmal las, hatte es eine völlig andere Wirkung auf mich. Als Jugendlicher hatte ich es eher aus naturwissenschaftlicher Neugier gelesen; jetzt wurden mir die inneren Konflikte der Wissenschaftler deutlich wichtiger. Ich las das Buch aus einer ganz neuen Perspektive.
So ist dieses Buch – auch hier wieder trotz des Themas – mit schönen Erinnerungen verknüpft: an den Raum mit den Büchern bei meinen Großeltern und an einen wunderbaren Tag in Heidelberg. Der Gegensatz zwischen den Erinnerungen an das gemeinsame Stöbern in Büchern und den Gedanken über die Atombombe könnte eigentlich kaum größer sein.
PS: Wie das Exemplar, das ich damals hatte, ist auch das in meinem Regal eine Ausgabe des Bertelsmann Leserings. Eine ISBN hat sie nicht5; ISBN, Verlag und Links verweisen auf moderne Ausgaben. Meine Ausgabe dürfte von 1962 sein – sicher weiß ich aber auch das nicht, denn auch diese Angabe fehlt im Buch. 2020 ist das Buch bei Rowohlt neu erschienen, mit einem Vorwort von Robert Habeck.
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Siehe Seite 187 f. ↩
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Im Buch „Dagnian“ geschrieben, siehe Seite 218. ↩
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Dessen Namen heute wahrscheinlich mehr Menschen mit fiktionalen Anstrengungen in der Crystal-Meth-Produktion verbinden als mit der wissenschaftlichen Arbeit seines eigentlichen Trägers. ↩
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Die ganze Geschichte um die Korrektheit der Darstellung des deutschen Atomwaffenprogramms ist kompliziert. Darin tauchen Namen wie Niels Bohr oder von Weizsäcker (Carl Friedrich, nicht Richard) auf. Hier würde sie auf jeden Fall den Rahmen sprengen. ↩
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Im Erscheinungsjahr gab es die ISBN noch nicht. Und nein, ich meine nicht nur die ISBN für dieses Buch – die ISBN gab es überhaupt noch nicht. ↩