Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.
geschrieben am 28. Oktober 2026, gelesen Juni 2012
„Failure Is Not an Option“ ist das Buch von Gene Kranz. Die meisten werden den Namen aus seiner Rolle als Flight Director bei Apollo 13 kennen, aber seine Karriere reicht weit darüber hinaus – sowohl davor als auch danach. Und sie enthält Situationen, die nicht deswegen weniger bedeutsam sind, weil sich darüber schlechter ein Film machen lässt. Die Apollo-1-Katastrophe beispielsweise.1
Apropos Film: Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass Gene Kranz auf dem Cover seines Buches zu sehen ist. Ansonsten würden sich vermutlich selbst jene, die sein Buch lesen, ihn als Ed Harris vorstellen. Und trotzdem hat mein mentales Bild immer noch Anklänge von Ed Harris. Mit Chesley Sullenberger geht es mir genauso: Da muss ich Tom Hanks laufend aus dem mentalen Bild werfen.
Ich habe an einigen Stellen gelesen, dass „Failure is not an option“ keine gute Managementtaktik sei, weil es die Mitarbeiter zu sehr unter Druck setze.
Ich habe mich an der Stelle gefragt, ob es überhaupt mehr Druck geben kann als den, dass da Menschen an der Spitze der Rakete sitzen. „Failure is not an option“ ist da eigentlich nur die Beschreibung des Offensichtlichen. Und wenn man davon abweicht, wenn andere Überlegungen plötzlich wichtiger werden als die, dass da Menschen in diesem Stück Technik sitzen – mit enormen Mengen an Chemikalien als Treibstoff, die in Kombination hochexplosiv sind –, dann passiert der 28. Januar 1986 – der Tag der Challenger-Katastrophe.
Ein Fehlschlag kann unvermeidlich sein. Aber eine Option ist laut Duden eine Wahlmöglichkeit – also etwas, wofür man sich aktiv entscheidet. Und ich finde es nicht schlecht, genau die Option „Fehlschlag“ vom Tisch zu nehmen und einen Fehlschlag als reine Konsequenz zu sehen – als eine Konsequenz, für die man wiederum Optionen braucht, um ihre Folgen einzuhegen.
Ich denke, man muss dafür nicht mal Raketen bis zum Mond schießen. In meinem Text über meine Aortenaneurysma-Operation schrieb ich, ich hoffe, dass mein Chirurg mit genau dieser Denke in die Operation geht. Man mag das als Druck sehen, aber nur so traut man sich als Patient an so etwas heran. Nur dann setzen sich Leute an die Spitze einer Mondrakete. Oder in ein Flugzeug nach Malle. Und wenn man es auf die kleinen Dinge im Leben herunterbricht: Kein Kunde investiert Millionen in Hardware, wenn man mit der Haltung „Ah … passt scho … und wenn nicht, is auch nicht schlimm“ an die Sache herangeht.
Es gibt Situationen, in denen ein Fehlschlag keine besonderen Konsequenzen hat. Aber oft eben schon.
Ebenso wichtig fand ich die Lehren, die aus dem Apollo-1-Unglück gezogen worden sind und die zum Leitspruch „Tough and Competent“ geführt haben: nichts zu akzeptieren, was ein Risiko für die Menschen da oben darstellen könnte. Auch da gilt: Wenn man davon abweicht, passiert der 28. Januar 1986.
Ich habe das Buch gern gelesen. Was ich bis heute schade finde: Wenn ich mich recht erinnere, war Gene Kranz, kurz nachdem ich zu Sun kam, Keynote-Sprecher auf einer großen internen Sun-Konferenz2 in den USA. Da wäre ich gerne dabei gewesen.3
PS: Und ja, „Failure is not an option“ stammt nicht von Gene Kranz. Ed Harris4 sagt es im Film. Und Kranz fand es so gut, dass er es übernommen hat. Das ist schon irgendwie ironisch, wenn man bedenkt, dass sich bei mir laufend Ed Harris ins Bild schleicht.
-
Die Katastrophe kommt beispielsweise in „First Man“ (mit Ryan Gosling als Neil Armstrong) vor. Aber eine Geschichte mit Happy End lässt sich daraus nun mal nicht machen – es sei denn, man will die erfolgreichen Mondlandungen als ein solches sehen, die letztlich auch auf den Lehren aus diesem Unglück basierten. Und genau so ist die Katastrophe in „First Man“ ja auch eingebunden. ↩
-
Ich denke, es war die CEC 2003. Ich selbst war erst bei der CEC 2006 in San Francisco dabei – der Konferenz mit dem legendär schlechten Kaffee. ↩
-
Mir stand damals noch meine Flugangst im Weg. Und ein paar Meriten musste ich mir vorher schon noch verdienen. ↩
-
Natürlich ist das nicht von ihm, sondern letztlich von einem Mitarbeiter von Kranz – dem erst im Dezember 2025 verstorbenen Jerry Bostick, der es in einem Interview mit den Filmleuten gesagt hat, die es dann ins Drehbuch eingebaut haben. ↩