Ich denke, in jeder Familie gibt es bestimmte Bräuche und Aberglauben: In die Zeit der meisten ersten Autos von uns Geschwistern fiel der Aberglaube, niemals ein Auto vollzutanken. Der Aberglaube war sogar durch Empirie belegt. Zwei unserer Autos hatten teure Defekte unmittelbar, nachdem sie vollgetankt worden waren. Wagenwaschen schien genauso tödlich für unsere Fahrzeuge zu sein.

An die nächste Generation weiterzugeben brauchen wir das wohl nicht. Ein vollgetanktes Auto ist heute wahrscheinlich genauso ruinös wie damals Besitz und Pflege einer SGI Indy. Und auch wohl genauso unerreichbar. Naja, fast. Und ich hoffe, dass die nächste Generation intelligenter ist als wir und gleich mit Elektroautos anfängt.1

Meine Autos haben heute nicht mehr die Neigung, beim Anblick eines vollen Tankanzeigers spontan zu zerfallen. Aber es gibt einen zweiten Aberglauben in meiner Familie. Ich halte mich sklavisch an diesen: Es ist der Osterapfel. Die Idee dahinter ist, dass, wenn man als Allererstes zu Ostern einen Apfel isst, man das ganze Jahr nicht krank wird. „An apple a day keeps the doctor away” wurde bei uns zu „An apple a year is the doctor’s biggest fear”. Das hat auch viele Jahre wirklich sehr gut funktioniert. Wobei momentan die Arbeitshypothese zur Wirkungsweise dieses Glaubens ist: Wer sich Ostersonntag vor dem ersten Kaffee einen Apfel reindrücken kann, muss über eine derartige Konstitution verfügen, dass jedwede Krankheit chancenlos ist.

Diesen Brauch hat meine Mutter uns beigebracht. Sie hat es von ihrer Mutter und so weiter. Meine Oma war keine gebürtige Ostfriesin, sondern kam aus Pommern (nicht dem Mecklenburgischen Pommern-Vorgeplänkel) und dort ist dieser Brauch wohl zu Hause. Sie wäre wahrscheinlich zufrieden, dass dieser Brauch immer noch bei uns lebt.

Seit letztem Jahr ist der Apfel allerdings ein wenig bei uns in Verruf. Die Erkrankung meiner Mutter, meine Aneurysma-OP. Ich entgegne darauf allerdings: „Weißt du, wie schlimm es gekommen wäre, wären da die Osteräpfel nicht im Spiel gewesen? Ich nicht!” Und so werde ich mich auch morgen wieder durch meinen Osterapfel kauen.

Ich werde das Risiko nicht eingehen. Ich will nicht auf irgendeiner Intensivstation liegen und denken „Hättest du deinen Osterapfel man gegessen”. Ich halte mich an das, was früher auf den Papiertüten im Fruchtfachvertrieb stand: „Esst mehr Obst!”


  1. Um sich dann an der Balkonsolaranlage der Verwandschaft gütlich zu tun. 

Written by

Joerg Moellenkamp

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