Wen rette ich - und wenn ja, wie viele?

geschrieben am 19. Oktober 2026, gelesen Oktober 2026

Nein, leichte Sonntagabend-bei-Tee-auf-dem-Sofa-Kost war dieses Buch wahrlich nicht. Ich hatte es vor Kurzem im Rahmen eines Kaufs eines Stapels der schon angesprochenen Reclam-Bücher erworben. Immerhin sind diese oft höchstens 200 Seiten lang. Also recht schnell gelesen. Snack-Packung, aber in diesem Fall ganz sicher kein Fast-Food.

Dieses Buch behandelt das Thema Triage. Also die Frage „Wen rette ich – und wie viele?”, um den Titel des Buches etwas verkürzt zu wiederholen. Das Thema Triage halte ich für ein sehr interessantes Thema. So gelangte das Buch ja eben auch in den Stapel.

Die Frage kam in Deutschland verstärkt auf, als wir im Rahmen der Corona-Pandemie mit den Bildern aus Italien (die mich schwer erschütterten) vor die Frage gestellt wurden, wie wir mit solchen Situationen umgehen würden.

Die von mir sehr begeistert gesehene Fernsehserie The Pitt wirft diese Frage ja gleich an zwei Stellen auf: zum einen beim Mass Casualty Event1 in Staffel 1, das selbst mir als Laien viele Fragen der Triage in der Praxis vor Augen führt, zum anderen aber auch bei den Entscheidungen, die Dr. Robinavitch in der Zeit vor der ersten Staffel während der Corona-Pandemie in Bezug auf seinen Mentor treffen musste.2

Leider finde ich gerade die Behandlung des Themas Corona in diesem Buch etwas schwach. Es ist viel „hätte-müssen-sollen” in diesem letzten Abschnitt enthalten, der aus meiner Sicht auch manche Dinge verkürzt darstellt und, wie ich finde, seine eigenen Überlegungen aus dem Fokus lässt.

Ich möchte das an einem Beispiel aufzeigen: Der Autor argumentiert, dass es eigentlich geboten wäre, die Testung des Impfstoffes zu beschleunigen, um mehr Menschen zu retten. Dazu spricht der Autor über die Human Challenge Trials, also die absichtliche Gefährdung von Testpersonen3, um möglichst schnell zu einem Impfstoff zu kommen.

Das ist durchaus eine Argumentation, die man vertreten kann. Der Autor nimmt an einer Stelle aber die Sicherheit eines Impfstoffes nach den ersten beiden Stufen der Erprobung zu sehr als gegeben an. Dabei wissen wir zu diesem Zeitpunkt nur, dass der Impfstoff die meisten Menschen nicht sofort umbringt. Oder anders und korrekter formuliert: Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits erste Sicherheitsdaten vor. Sie reichten aber noch nicht aus, um seltene oder erst später erkennbare Nebenwirkungen zuverlässig auszuschließen. Das Zitat von David Wallace-Wells, das der Autor hier nutzt, wir hätten die ganze Zeit einen Impfstoff gehabt, da uns die Gensequenz jenes Impfstoffes bekannt war, der später genutzt wurde, ist hier falsch. Einen Impfstoff „haben” ist mehr als das bloße Wissen, wie er aufgebaut ist, sondern umfasst alles, was daran hängt: Themen wie Sicherheit, Logistik, Produktion. Wir hatten einen Baustein, wir hatten aber keinen Impfstoff.

Viel schwerwiegender finde ich allerdings, dass das Buch hier seine eigenen Überlegungen vergisst: Triage wird ja ein Stück weit als Abwägung der Interessen von Kranken oder Verletzten mit unterschiedlichen Anforderungen gesehen. Aber ist letztlich nicht auch die Abwägung zwischen den Schäden, die Gesunde durch die Impfung möglicherweise erleiden, und den Schäden, die die Krankheit anrichtet, in ihren Grundüberlegungen eine Art Triage?

Nur damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Ich bin kein Corona-Schwurbler. Ich habe mich jedes Jahr (bis auf das Jahr 2025, in dem ich selbst Corona bekam) neu impfen lassen. Ich gehöre immer noch zu den Menschen, die Corona für eine weiterhin nicht zu unterschätzende Gefahr halten, auch wenn die Risiken nicht mehr ganz so groß sind. Meine persönliche Abwägung „Impfrisiken versus Schutz meiner mittlerweile doch recht alt gewordenen Eltern” war da sehr eindeutig. Ich finde nur, man kann nicht 75 Seiten lang sehr gut über die Feinheiten und Komplexitäten der Triage argumentieren, um dann auf den letzten 25 Seiten mit dem sehr groben Pinsel zu arbeiten. Das Buch hätte aus meiner Sicht weitere 75 Seiten verdient gehabt, um mit dem gleichen feinen Bleistift die Probleme der Corona-Situation zu erläutern.

Man muss allerdings zur Ehrenrettung sagen: Das Buch erschien meines Wissens 2021, ist also vermutlich im Winter 2020/2021 entstanden – vor dem Bekanntwerden der Hirnvenenthrombosen und der Myokarditisfälle nach Impfungen. Andererseits war es durchaus naheliegend anzunehmen, dass ein Impfstoff auch Nebenwirkungen haben würde, die schwerwiegend sein könnten, so wie bei jedem Medikament, Aspirin eingeschlossen. Oder um beim Impfen zu bleiben: Dass es keine Spekulation war, dass es auch Risiken gibt, die nicht so leicht zu beobachten sind, wusste man spätestens seit Pandemrix. Auch wenn der grobe Pinsel verständlich ist, halte ich ihn in diesem aus meiner Sicht ansonsten sehr guten Text für argumentativ problematisch.

PS: Ich finde den Titel des Buchs sprachlich etwas komisch. „Wen rette ich?” ist eine Frage, auf die man nicht mit „Ja” antworten kann. Ich habe aber eine Ahnung, von wem er sich diese Formulierung geliehen hat. Und genau aus diesem Grund verzichte ich auf einen Verweis.


  1. Oder, wie es auf Deutsch so ‚schön’ heißt: „Massenanfall von Verletzten”. ↩

  2. Ich bewege mich hier schon haarscharf an der Grenze zum Spoiler. Man möge mir das verzeihen. ↩

  3. Die ja zum Wirksamkeitsnachweis zum Teil mit einem Placebo geimpft werden würden. Daher weiß man wegen der Doppelverblindung nicht, wen man auf welche Weise gefährdet, man weiß nur, dass man sie gefährdet. Ein Test, der darauf wartet, dass die Natur „ihr Ding tut”, dauert vielleicht länger, vermeidet aber dieses spezielle moralische Dilemma, erzeugt dafür jedoch das moralische Dilemma, das durch die längere Wartezeit entsteht. Aber an dieser Stelle sind wir wieder bei dem im Buch mehrfach angemerkten Unterschied zwischen „Unterlassen” und „Tun”, den auch der Autor für bedeutsam hält. ↩

← Zurück zur Leseliste

Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.