Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.
geschrieben am 3. November 2026, gelesen Juni 2026
Eigentlich dürfte ich kaum Erinnerungen an Helmut Schmidt als Bundeskanzler haben – und ich habe auch keine großen eigenen Erinnerungen, abgesehen von Fetzen aus der Tagesschau. Die durfte ich damals schon regelmäßig gucken.1 Ich weiß allerdings auch nicht, ob selbst die nur geliehene Erinnerungen sind, weil ich in der Folge viel über Schmidt gelesen und auch viele Nachrichtensendungen aus jener Zeit gesehen habe.2
Dass ich lange Jahre SPD-Wähler war, hatte neben meinem Elternhaus auch viel mit Helmut Schmidt zu tun. Die Jahre unter Helmut Kohl empfand ich zunehmend als bleiern und erdrückend.3 Immerhin begleitete mich Letzterer als Bundeskanzler durch meine gesamte Jugend und darüber hinaus – von 9 bis 25.4
In Schmidt habe ich irgendwie immer eine Person gesehen, zu der man aufblicken konnte. Ein Vorbild, wenn man so will – wenngleich ich nie Lust hatte, mich aktiv politisch zu betätigen.5 Es war eher eine Reihe von Charaktereigenschaften, die mich beeindruckt hat.
Und um Vorbilder geht es auch in dem Buch. „Was ich noch sagen wollte“ war Helmut Schmidts letztes Buch. Er schreibt darin über die Frage, ob wir Vorbilder brauchen und an welchen Menschen er sich orientiert hat.
Helmut Schmidt war, wie jeder Mensch, eine vielschichtige Persönlichkeit. Ich denke, er wirft am Anfang des Buches eine interessante Frage auf. Wir wünschen uns Vorbilder, die in jeder Hinsicht nachahmenswert sind. Aber er schreibt auch: „Manche, die von der Geschichte groß genannt werden, erweisen sich bei näherer Betrachtung als ziemlich unangenehme Charaktere“ (S. 13).
Und das halte ich für einen wesentlichen Punkt: Wer bei seinen Vorbildern auf moralische Reinheit wartet, wird vermutlich ohne Vorbilder durch die Welt gehen. Mir fällt eigentlich keine moralisch reine Person ein, der ich gleichzeitig den Status eines Vorbilds zuerkennen würde.
Es ist dasselbe Problem, das ich mit so mancher absoluten Aussage im Netz habe: Muss ich das Werk eines Künstlers ablehnen, weil er eine ganz und gar unerfreuliche Person ist?
Ich habe das mal als das Kevin-Spacey-Problem bezeichnet. Ich finde „K-PAX“ als Film großartig, ich finde „Sieben“ hervorragend, nun weiß ich aber auch, dass Kevin Spaceys Ruf im Rahmen der #MeToo-Debatte schwer beschädigt wurde und dass man sein Werk nicht mehr ohne diese Diskussion sehen kann. Aber: Mindert oder löscht sein persönliches Verhalten seine Beiträge zur Kunst? Ich habe manchmal das Gefühl, dass die erwartete Antwort ein „Ja“ ist, insbesondere wenn man sich im Internet bewegt. Ich tue mich aber sowohl mit einem unumwundenen „Ja“ als auch mit einem unumwundenen „Nein“ schwer. Wagner war Antisemit, und doch gehören seine Werke zweifelsohne zum kulturellen Kanon Deutschlands. Ich finde J. K. Rowlings Aussagen zu Genderfragen mehr als fragwürdig, sehe aber auch, mit welcher Begeisterung Kinder und Erwachsene lesend in die von ihr geschaffene Welt eintauchen.
Was ist also die Lösung? Schmidt schreibt mehrfach von sich, dass er Eklektiker sei – dass er sich seine Anregungen von überall geholt habe.
Vielleicht braucht man bei Vorbildern denselben Eklektizismus: im Wissen, dass kein Mensch perfekt ist, sich an Fragmenten eines Menschen ein Vorbild zu nehmen.
Und das ist auch das, was ich aus dem Buch von Schmidt herauslese: Winston Churchill für einen großen Europäer zu halten, ihn aber zugleich in der Verantwortung für die Bombardierung deutscher Städte zu sehen – um ein Beispiel von Herrn Schmidt zu nutzen (S. 119 ff.). Ich möchte ein weiteres Beispiel hinzufügen: Obama ist einer der großen Präsidenten (meine Meinung als Außenstehender), hat aber den Drohnenkrieg nicht nur fortgeführt, sondern ausgeweitet.
Es braucht ein Abwägen, ob die negativen Taten eines Menschen seinen positiven Einfluss aufwiegen. Ich denke, dass es historisch bedeutsame Menschen gab, die so bar jeden positiven Einflusses waren und so viel Schrecken in die Welt gebracht haben, dass kein Mensch sie noch als Vorbild sehen kann – außer vielleicht die ganz Verblendeten.6
Bei den meisten Menschen ist diese Einschätzung kompliziert. Ich denke, dass es viele Menschen gibt, deren negative Eigenschaften die positiven so weit aufwiegen, dass sie nicht als Vorbild taugen – als jemand, zu dem man aufschauen und dem man nacheifern möchte. Und dann gibt es jene Menschen, bei denen man über die negativen Seiten hinwegsehen kann, weil sie die Person nicht dominieren.
Nach einem Vorbild zu suchen und es in einem Menschen zu sehen, bedeutet dann aber auch, dass man damit klarkommen muss, dass das Vorbild unschöne Seiten hat. Denn wie gesagt: Viele Personen, die Dinge vollbracht haben, die als Vorbild taugen, verdienen den Status eines Vorbilds nicht in jeder Hinsicht.
Ich hatte nach dem Lesen des Buchs den Eindruck, dass ich mit meiner Ambivalenz nicht alleine dastehe. Und diese Ambivalenz gilt auch für den Autor selbst. Er schreibt nicht über seine eigene Vorbildfunktion, und ich halte das für eine gute Entscheidung. Indem man seine eigene Vorbildfunktion diskutiert, erhebt man sich auch ein Stück weit selbst. Zum Vorbild erklärt man sich nicht selbst – das ist die Aufgabe anderer.
Man muss auch ihn ambivalent lesen. Dennoch halte ich ihn für einen der großen Bundeskanzler der Bundesrepublik, vielleicht sogar für den großen,7 und damit in weiten Teilen für ein sehr taugliches Vorbild.
Am Ende war das, was ich aus diesem Buch mitgenommen habe, nicht so sehr die Vorbilder Helmut Schmidts als vielmehr das Nachdenken über die eigenen Vorbilder. Und da sind wir dann wieder bei einem Kriterium für gute Sachbücher: Ich hatte nach dem Lesen mehr Fragen als vorher – vor allen Dingen aber neue Fragen.
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Ich war immerhin schon 9 und der Meinung, dass ich sowieso bald erwachsen sein würde und deshalb ja jetzt schon lange aufbleiben dürfte. Meine Eltern hatten dazu naturgemäß eine etwas andere Meinung. Ich glaube, 21 Uhr war damals unter der Woche das absolute Maximum. Aber nur, weil ich bereits als Kind Frühaufsteher war und man mich nicht mit dem Brecheisen aus dem Bett hebeln musste. ↩
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Die erste Erinnerung, die ich im Zusammenhang mit Helmut Schmidt habe, stammt allerdings aus „Rudis Tagesshow“.8 Nachdem Helmut Kohl Bundeskanzler geworden war, schüttelte Helmut Schmidt ihm gratulierend die Hand. In der Version aus Rudi Carrells Sendung wurde das mit dem Schlager „Ich wünsch dir die Hölle“ unterlegt. Ich meine mich erinnern zu können, dass ich darüber gelacht habe. Ja, ich war damals schon eigenartig. ↩
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Natürlich hatte ich mit 9 dazu noch keine wirkliche politische Meinung, die kam erst später. ↩
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Ich erinnere mich an ein Gespräch, als ich während eines Urlaubs in New York den Broadway entlanglief. Ich wunderte mich, wie dieses Land wieder George W. Bush wählen konnte, und meine Gesprächspartnerin antwortete darauf nur sinngemäß, dass wir Deutschen es immerhin geschafft hätten, 16 Jahre lang Kohl zu wählen. Ich wusste da noch nicht, dass wir es mit Merkel ebenso halten würden. Allerdings fand ich diese Zeit deutlich weniger erdrückend. Mag an der SPD als Korrektiv gelegen haben. ↩
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Meiner Beobachtung nach wurde Politik zunehmend mehr Karriere als Berufung – oder, mit Max Weber, auf den sich Schmidt im Buch auch ausführlich bezieht: Man lebte eher „von“ der Politik als „für“ die Politik. Dem wollte ich mich nicht aussetzen. ↩
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Einen Namen muss ich hier mit Sicherheit nicht nennen. Außerdem will ich nicht „Godwin’s Law“ triggern. ↩
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Hier gibt es wahrscheinlich mehr Meinungsschattierungen, als es Bundeskanzlerinnen und Bundeskanzler gab. Ihr seid also eingeladen, eine völlig andere Meinung zu haben. ↩
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Ja, die Sendung, die Ärger wegen Damenunterwäsche bekam. ↩