Making It So

Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.

geschrieben am 31. Oktober 2026, gelesen November 2023

Mich erwischte die Nachricht letzte Woche auf dem falschen Fuß. Am 24.10. musste ich Henry gehen lassen, und ich war die ganze Woche ziemlich neben der Spur. Ich bin es immer noch.

Am 28.10. starb dann Patrick Stewart. Noch ne schlechte Nachricht in einer an schlechten Nachrichten reichen Zeit. Natürlich kannte ich den Schauspieler nicht näher. Und selbstverständlich trifft mich der Verlust von Henry persönlich. Er trifft mich ungleich direkter, unendlich härter. Aber Patrick Stewarts Jean-Luc Picard war ein sehr wesentlicher Bestandteil meines Aufwachsens. Ich habe viele Stunden in meinem Leben damit verbracht, Welten zuzusehen, denen unter anderem Patrick Stewart Leben eingehaucht und seinen Stempel aufgedrückt hat.

Es kommt gar nicht so sehr darauf an, ob jemand ein echter Mensch ist oder eine fiktionale Figur, solange diese Person die richtigen Fragen für das eigene Leben aufwirft. Dadurch gewinnt sie Bedeutung.

Mir ist natürlich völlig klar, dass Picard nicht Stewart ist. Picard ist ein Amalgam aus dem Schauspieler, den Autoren und den Regisseuren – aus allen Menschen, die diese Figur geformt haben. Aber Stewart ist nun mal das Gesicht. Und wenn dieses Gesicht geht, geht eben auch ein Stück der eigenen Jugend. Während man am Tod des Menschen Stewart Anteil nimmt, trauert man vielleicht vor allem dem nach, was er für das eigene Aufwachsen bedeutet hat. Man trauert einem Stück von sich selbst nach, und damit bekommt der Tod eines, realistisch betrachtet, fremden Menschen dann doch eine persönliche Dimension.

In der dritten Staffel von „Picard“ spricht Liam Shaw am Ende von einem großartigen Buch, das Seven of Nine in ihrem Leben schreiben wird. Er meint damit, dass sie anders als er selbst nicht „by the book“ ist und stattdessen ein großartiges eigenes schreiben wird.

Ich mag dieses Bild. Ich glaube, wir alle schreiben unsere Bücher, und viele davon sind einfach großartig, wenn wir es zulassen. Natürlich werden die meisten dieser Bücher später nicht zu Papier gebracht und ins Regal gestellt. Es sind die Geschichten, an die man sich erinnert, wenn man an einen Menschen denkt. Und manchmal trifft man Menschen, bei denen man weiß: Auch wenn man sie nur kurz kennt und nie das ganze Buch lesen wird, wäre es eine Lektüre, die man nicht aus der Hand legen würde.

Patrick Stewart gehört zu den Menschen, deren Leben so viele andere berührt hat, dass ihre Geschichte es in die Buchläden geschafft hat. Mit „Making It So“ hat er im Herbst 2023 seine Memoiren veröffentlicht. Das Buch seines Lebens, in seinen eigenen Worten. Ich habe es mir gleich gekauft, als es erschien.

Ich glaube, die größte Neuigkeit, die ich aus Patrick Stewarts Memoiren mitgenommen habe, waren Haare. Als ich ihn das erste Mal als Schauspieler in „Star Trek“ wahrgenommen habe, war ihm bereits jede Haarpracht abhandengekommen. Er war 46, als er die Rolle bekam, aber Haare hatte er wohl schon als junger Erwachsener nur noch rudimentär. Später1 sah ich die an vielen Stellen reichlich merkwürdige Verfilmung von „Dune“ aus dem Jahr 1984.2 Aber auch da fehlten ihm bereits sämtliche Haare. Irgendwie hatte sich ein mentales Bild festgesetzt, das darauf hinauslief, dass er bereits als Kind unter eklatantem Haarmangel litt. Aber es gibt in diesem Buch tatsächlich Bilder von Patrick Stewart, die ihn mit Haaren zeigen.

Wenn ich mir heute „Picard“ angucke, frage ich mich, ob die Staffeln nicht auch Ideen von Stewart enthielten: Staffel 3 war klar ein Dankeschön an uns als Fans dafür, dass sein Leben so war, wie es war. Er gab uns das, wonach sich viele gesehnt haben. Ich gebe zu: Ich hatte Gänsehaut, als die Enterprise-D ein letztes Mal aus dem Hangar der Gefahr entgegenflog. Diese Gänsehaut war ein tolles Geschenk an uns.

Habe ich das Buch in der Hand und gucke mir die zweite Staffel an, frage ich mich, ob es da nicht zum Teil auch um Stewarts Umgang mit seiner eigenen Vergangenheit ging. Ich zitiere hier gleich vom Anfang des Buches, Seite 18: „However, the truth is that all I want is to revisit the past. Perhaps I could have made things happier.“ Und genau das ist ja einer der wesentlichen Handlungsanker der zweiten Staffel: der Skelettschlüssel in der Wand.

Ich weiß, dass viele Leute „Picard“ nicht mögen. Dass vielen nur die dritte Staffel als akzeptabel gilt, sagt mehr über die Zuschauer als über die Serie: Ihnen ging es nicht um neue Geschichten, sondern darum, die Vergangenheit wieder hervorzuholen. Möglichst unverändert. Aber genau das wollte Stewart nicht. Wenn man bedenkt, dass viele Menschen „The Next Generation“ in ihrer Jugend gesehen haben, steckt darin vielleicht derselbe Wunsch, in die Vergangenheit zu reisen – nicht, um etwas besser zu machen, sondern um sich an eine Zeit zu erinnern, in der vieles einfacher erschien.

Staffel 3 also als Geschenk von Stewart an uns, Staffel 2 als Blick in seine Seele, Staffel 1 als das Verhandeln mit der eigenen Sterblichkeit und dem Verlust von Freunden.

Ich vertrete hier vielleicht eine Einzelmeinung, aber ich habe alle drei Staffeln von „Picard“ gerne geguckt. Auch die erste.

Ich habe den Eindruck, man muss „Picard“ und Stewarts Memoiren zumindest in Teilen parallel zueinander lesen. „Star Trek: Picard“ ist zu einem großen Teil eben auch „Star Trek: Stewart“. Und „Making It So“ ist zumindest teilweise ein Schlüssel zu „Picard“: eine Geschichte über das Leben, über die Wege, die man darin gegangen ist, mitsamt ihren Konsequenzen, über das Altwerden und den Verlust, aber auch über Freundschaften, die ein Leben lang halten – egal, was passiert, egal, wo man ist.

Das Buch, das Stewart geschrieben hat – sowohl das seines Lebens als auch das gedruckte –, ist weit mehr als Picard. Darin ist er auch ein profilierter Theaterdarsteller, er ist auch Professor X, er ist auch ein kleiner Junge aus einfachen Verhältnissen, dessen Vater gewalttätig war. Ein kleiner Junge mit Haaren.


  1. Lynchs „Dune“ sah ich erst lange nach „Star Trek: The Next Generation“. ↩

  2. Ja, die mit Jürgen Prochnow samt Mops, mit mehr unterschiedlichen Dialekten als in einem Zoom-Call eines multinationalen Unternehmens und – ja, da ist sie wieder – mit der Metallunterhose von Sting. Wobei ich denke, dass das nicht das Lächerlichste an Stings Auftritt war. Das war das Herumgehüpfe beim Kampf gegen Paul, das Drehen um die eigene Achse mit dem Messer in der Hand. Wie ein Kind. Wäre Paul ein so tödlicher Kämpfer gewesen wie der in Villeneuves Version, wäre der Kampf an dieser Stelle beendet gewesen. Zugegebenermaßen hätte allerdings der Feyd-Rautha aus dem neuen Film mit dem Paul des alten Films den Boden aufgewischt. Es sei denn, Paul hätte noch schnell „Hiha!“ in sein Kehlkopfkampfdingens rufen können. Wobei: Das brauchte er da ja schon nicht mehr. ↩

Simon + Schuster UK ISBN 978-1398512948 (Amazon)

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