Gott und der tropfende Wasserhahn

Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.

geschrieben am 25. Oktober 2026, gelesen Juni 2010

Ich habe vor Kurzem für einen anderen Text über ein Buch von Carl Sagan auf YouTube nach einem Video gesucht. Ein Kommentar dort gefiel mir sehr: „Am Anfang jeder Katastrophe steht ein Wissenschaftler, der ignoriert wurde.“

Das ist ja auch ein immer wiederkehrender Topos in Filmen: Eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler wird von einem Politiker ignoriert, und der Politiker stirbt später genau an jener Katastrophe, vor der er gewarnt worden ist. Genauso wie die Bösen rauchen oder jeder sterben muss, der die inzwischen getrennt lebende Familie auseinandergebracht hat.

Der Satz vom ignorierten Wissenschaftler wäre ja noch ganz unterhaltsam, wenn er die Realität nicht so gut wiedergeben würde. Die warnende Wissenschaft gibt es in diesen Filmen wirklich immer – irgendjemand muss ja die Exposition übernehmen. Die ignorierende Politik wird auch gebraucht – irgendwer muss ja den Konflikt erzeugen. Und der Tod des Politikers ist Teil der Katharsis.

Und dann sieht man Carl Sagan vor dem Kongress über die Klimaerwärmung sprechen. Im Video sieht man auch einen jungen Al Gore. Sagan spricht über genau jene Probleme, die wir heute haben – und das Video ist von 1985.

Etwa 20 Jahre später wird Al Gore eine Oscar-prämierte Slideshow herausbringen, die dasselbe Problem noch einmal aufwirft. Viel ist seitdem nicht passiert.

Von Katastrophenfilmen gibt es eher selten einen zweiten Teil. Die Wissenschaft als akademischer Bruce Willis – der Mann, der zweimal zur falschen Zeit am falschen Ort war – kommt im Kino kaum vor. In der Realität bekommen wir das hin: Anstatt zu merken, dass die Wissenschaft vielleicht recht hat, greifen wir beim nächsten Mal zu denselben Ausreden, um nichts zu tun.

Beim Klima gab es sogar einen zweiten Teil über dieselbe Katastrophe: Al Gore brachte 2017 eine Fortsetzung heraus, und man kann sich berechtigt fragen, wie viel Exposition wir eigentlich noch brauchen. Die Zahl der Warnungen übersteigt die Zahl der Enden von „Die Rückkehr des Königs“ inzwischen bei Weitem.

Als ich Carl Sagans letztes Buch „Gott und der tropfende Wasserhahn“1 las, das er kurz vor seinem Tod schrieb, hatte ich genau dieses Gefühl. Er schreibt über die Gefahren von FCK/FCKW, die zunächst von einer Lobby mit wirtschaftlichen Interessen kleingeredet wurden. Dann richtet er den Blick auf die Klimaerwärmung und zeichnet dort das gleiche Bild.

Das Schlimme ist, dass wir mit den FCK/FCKW bewiesen haben, dass wir solche Probleme angehen können. Etwa 30 Jahre nach dem Buch erholt sich die Ozonschicht zusehends. Es wird noch viele Jahre dauern, bis sie sich vollständig regeneriert hat, aber sie ist auf dem Weg.2 Es lief so gut, dass manche Menschen das Ozonloch inzwischen sogar für einen Fake halten. Aber wir streiten uns in Deutschland über Technologieoffenheit und hocheffiziente Verbrenner. Man kann sich an dieser Stelle immer noch fragen, was Konservative eigentlich konservieren. Sagan stellt diese Frage auf Seite 129 seines Buches. Ich habe sie mir vor vielen Jahren mit Bleistift angestrichen. Es ist eine gute Frage.

Sagan berichtet, dass er einmal eine Glaskugel mit einer kleinen Garnelenwelt geschenkt bekam – bis auf das Sonnenlicht vollkommen autark. Ich halte das für ein schönes Bild: Wir sind Garnelen mit der Fähigkeit, das Innenleben unserer Glaskugel zu verändern. Aber wir nutzen sie gerade dazu, die Kugel so stark zu erwärmen, dass daraus Garnelensuppe wird.

Im Buch erzählt Sagan die Geschichte der Kassandra, der man ihre Prophezeiungen nicht glaubte. Würde Sagan heute noch leben, würde er wahrscheinlich eine große Seelenverwandtschaft mit ihr empfinden.

Ich will mit dem Gefühl schließen, das ich habe, jetzt, wo ich das Buch nach langer Zeit wieder in der Hand halte, um darüber zu schreiben: Wut. Das Buch ist bald 30 Jahre alt. Es steht alles drin. Getan haben wir wenig. Vor einigen Tagen habe ich Robert Habecks „Arctic Meltdown“ gelesen. Teile der „arktischen Amplifikation“, von der Habeck spricht, finden sich schon auf Seite 151 von Sagans Buch. Die Lüge, fossile Energien seien billiger als Erneuerbare: Seite 175. Das alles ist nicht neu. Steht alles drin.

Uns bringt nicht der Asteroid um, den wir nicht kommen sahen und gegen den wir nichts mehr tun konnten. Wir sind es selbst. Und das macht mich wütend.


  1. Ich mag diesen Titel nicht. Die englische Ausgabe heißt „Billions and Billions“. ↩

  2. Ich wusste bis zur Lektüre dieses Buchs nicht, dass Margaret Thatcher Chemikerin war, das Problem verstanden hatte und maßgeblich daran beteiligt war, dass das Montrealer Protokoll zustande kam (Seite 124 in Sagans Buch). Man mag von ihr halten, was man will. Ich kenne nicht wenige Leute, die ihr einen eigenen Kreis der Hölle einrichten würden, und ich kann dafür sogar ein gewisses Verständnis aufbringen. Aber es zeigt, dass es ganz nützlich sein kann, an dieser Stelle eine Wissenschaftlerin zu haben statt eines Hedgefonds-Mitarbeiters, wenn es darum geht, unsere Lebensgrundlagen zu sichern. ↩

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