Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.
geschrieben am 21. Oktober 2026, gelesen Oktober 2024
Höre ich von Neil deGrasse Tyson, denke ich sofort an Carl Sagan. Dabei unterscheiden sich die beiden zumindest in der Öffentlichkeit sehr stark. Beide sind – oder waren – großartige Wissenschaftskommunikatoren. Aber jeder von ihnen ist auch ein Produkt seiner Zeit.
Ich habe Carl Sagan eher als den ruhigen, leisen Gelehrten gesehen, der eine unheimliche Gabe hatte, Dinge zu erklären, während deGrasse Tyson – bei allem wissenschaftlichen Hintergrund (der Mann hat zwei Master-Abschlüsse und einen PhD) – neben seiner Forschung manchmal auch ein etwas lauter Entertainer zu sein scheint.
Ist das schlecht? Vermutlich nicht. Wenn ich so darüber nachdenke – nein, sicher nicht. Die Wissenschaft braucht heute vielleicht eher einen Neil deGrasse Tyson, der auch die forscheren und lauteren Töne beherrscht, als einen Carl Sagan, um zu den Menschen durchzudringen. Man muss sich wahrscheinlich lauter präsentieren, um in einer Welt voller Lärm noch gehört zu werden.
Die Ironie an der Geschichte ist, dass Carl Sagan zu seiner Zeit als der Laute galt. Leise wirkt er erst im Rückblick. Damals wurde er Opfer des später nach ihm benannten Sagan-Effekts: der Vorstellung1, wer Wissenschaft gut vermitteln könne, könne kein guter Wissenschaftler sein. Überspitzt könnte man sagen: Er war dem wissenschaftlichen Establishment zu laut.
Ich habe vor einigen Tagen über „Unser Kosmos“ geschrieben. Neil deGrasse Tyson ist später mit der Neuauflage der Serie in Sagans Fußstapfen getreten. Zudem gibt es ein schönes Video, in dem er beschreibt, wie Carl Sagan ihn beeinflusst hat.
Ich habe nun nicht nur einige Bücher von Carl Sagan, sondern auch eine ganze Reihe von deGrasse Tyson. Bisher habe ich viel über die beiden im Vergleich geschrieben, aber noch nicht über das Buch, um das es eigentlich gehen sollte. Das letzte Buch, das ich von deGrasse Tyson gelesen habe, war „Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter“.
Worum geht es in diesem Buch? Eigentlich um alles – zumindest astronomisch betrachtet. Von der Erde mit ihrer Atmosphäre bis an den äußersten Rand des Universums. Und um alles, was dazwischen liegt: Planeten, Sterne, Gravitation, Licht. Um unseren Weg durch dieses Dazwischen. Und eben auch darüber hinaus.
Der Unterschied, von dem ich eingangs schrieb, beginnt schon beim Titel: Jeder, an dem die letzten 30 Jahre nicht völlig vorbeigegangen sind, erkennt natürlich sofort Buzz Lightyears Catchphrase. Ich glaube nicht, dass Carl Sagan einen solchen Titel gewählt hätte. Seine Bücher hatten weitaus poetischere Titel wie „Die Drachen von Eden“ oder „Blauer Punkt im All“.2
Im Lesefluss finde ich das Buch deutlich schwieriger als andere – etwa Sagans „Unser Kosmos“, aber auch als andere Bücher von deGrasse Tyson. An vielen Stellen gibt es Kästen mit Informationen, die durchaus interessant sind. Sie sind aber nicht Teil des Textes, sondern abgeschlossene Exkurse, die einen aus dem Lesefluss reißen.
Gleichzeitig sind sie so prominent gesetzt, dass man sie kaum ignorieren kann. Ich habe es mir im Laufe der Lektüre angewöhnt, zuerst das ganze Kapitel zu lesen, um dann zu den Exkursen zurückzukehren. Sonst hatte ich zu oft den Gedanken „Okay, wo war ich gerade noch mal stehen geblieben?“ im Kopf.
Das ist allerdings nicht dem Autor anzulasten. Wie sagt man so schön: Er kann auch ganz anders. Denn sein Buch „Accessory to War“ ist komplett anders aufgebaut. Ich denke, hier hat er eine eigene Zielgruppe im Blick. „Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter“ scheint mir eher eine Art Coffee-Table-Book zu sein, nur mit mehr Text – eher ein Magazin als ein Buch. Eines, das man in die Hand nimmt, kurz darin liest und kurze Zeit später mit etwas mehr Wissen wieder weglegt. Und das passt in unsere Zeit, insbesondere wenn man das Ziel hat, Wissen an so viele Menschen wie möglich weiterzugeben.3 Dafür hat er aus meiner Sicht ein sehr passendes Format gefunden.
Als ersten Einstieg würde ich jemandem, der sich neu für all diese Themen interessiert, nicht mehr Sagans „Unser Kosmos“ empfehlen. Dazu hat sich die Erde seit dem Erscheinen zu oft um die Sonne gedreht. Aber ich glaube, dass ein Jugendlicher heute deGrasse Tysons Buch mit der gleichen Neugier lesen würde, wie ich sie damals hatte.
Ich habe nur einen Wunsch an zukünftige Nachfolger von Sagan und deGrasse Tyson: In einem Buch über das Universum müssen nicht unbedingt Spekulationen über überlichtschnelles Reisen und Zeitreisen stehen – auch dann nicht, wenn es sich an ein breites Publikum richtet. Ich konnte daher mit dem letzten Kapitel nicht so viel anfangen. Nach so viel Wissen ist es irgendwie schade, ins Spekulative abzugleiten. Allerdings hat auch Sagan schon in „Unser Kosmos“ darüber geschrieben – und mit „Contact“ sogar einen ganzen Roman daraus gemacht. Und ich weiß, dass genau an diesen Stellen die Fantasie eines jugendlichen Jörg hängen geblieben wäre.
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Oder dem Vorurteil. ↩
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Wobei ihm etwas ‚catchigere‘ Titel auch nicht fremd waren: „Billions and Billions“ – der Titel seines letzten Buches – geht auf Johnny Carson zurück, der Sagan den Satz in seinen Parodien in den Mund legte.4 So wie auch Gene Kranz „Failure is not an option“ nicht selbst geprägt hat – der Satz stammt aus dem Drehbuch zum Film „Apollo 13“ –, sondern ihn erst später nutzte, als Titel seiner Autobiografie. ↩
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Ich habe nachgesehen: Die englische Ausgabe ist bei National Geographic erschienen. Zudem ist Lindsey Nyx Walker Mitautorin. Sie ist verantwortlich für „StarTalk“, das ebenfalls bei National Geographic lief. Das könnte den Aufbau erklären. ↩
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Merkt man, dass ich ein absoluter Sagan-Fanboi bin? ↩