Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.

geschrieben am 5. November 2026, gelesen 1993

Es ist das Buch von Stephen King, das ich am längsten besitze: „Es“. Hmm. Das klingt jetzt irgendwie komisch. „Es“ – das funktioniert hier auch wieder doppelt – ist auch das Buch, das mir beim erneuten In-die-Hand-Nehmen am deutlichsten gezeigt hat, dass ich mir dringend Glastüren für mein Regal kaufen und diese dann mit UV-Schutzfolie bekleben muss. Aus dem einst tiefroten Buchrücken ist inzwischen ein blasses Rosa geworden, wie ich schon einmal schrieb. Bevor hier alle Bücher einen weißen Rücken bekommen, werde ich sie wohl schützen müssen.

Ich spreche hier übrigens von der kürzeren deutschen Übersetzung mit 860 Seiten, nicht von der deutlich längeren von 2011 mit etwa anderthalbtausend Seiten. Die spätere Ausgabe habe ich mir nie gekauft – als ich sie in einem Buchladen in der Hand hielt, reizten mich die zusätzlichen Seiten dann doch nicht genug. Allerdings weiß ich mittlerweile, dass sich ein erneutes Lesen in dieser Fassung wohl lohnt. Irgendwann werde ich also doch zu dieser Ausgabe greifen.

Das Buch ist so ein klassischer Roman der achtziger Jahre. Ich kenne einige, die genauso wie ich über dieses Buch zu King gefunden haben. Donnie Darkos Mutter liest es übrigens im Film. Ich weiß nicht, warum mir das aufgefallen ist.

Ich fand das Buch wirklich gut geschrieben: die Erzählung auf zwei Zeitebenen. Der Kampf in der Kindheit, die Rückkehr als Erwachsene. Es ist ebenso ein Buch über den Horror in einer Kleinstadt wie eines über Erinnerungen. Ich finde den Aufbau der Charaktere sehr gelungen, auch wenn sich dort natürlich ein Stück weit die üblichen Archetypen finden.1 Wenn man das Buch am Ende seiner Jugend liest und in seiner Kindheit selbst eher Außenseiter war, hofft man natürlich, dass es einem selbst einmal so ergehen wird wie Ben Hanscom. Und dann natürlich Pennywise als Bösewicht.2 Der Clown gewordene Raum 101.3 Die Manifestation der größten Ängste. Maßgeschneidert für jeden. Ich mag dieses Buch. Ich halte es für einen beinahe perfekten Roman seines Genres. Beinahe.

Denn nach all dem Lob muss ich zu einem Punkt kommen, den ich äußerst kritikwürdig finde: die Sexszene unter Kindern, die King dort geschrieben hat. Sie ist für mich mehr als problematisch. Es geht mir nicht darum, dass im Buch Sex vorkommt. Sex ist Teil des Lebens und damit auch Teil der Literatur – ein notwendiger gar.4

Aber die Beteiligten sind Kinder, und damit habe ich meine Schwierigkeiten. Keine Verfilmung hat diese Szene übernommen, und es fehlte nichts. Die Filme haben gezeigt, dass es dafür keine literarische Notwendigkeit gab und sich das gewünschte Ziel auch anders erreichen lässt.

Stephen King hat selbst gesagt, dass diese Szene den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter symbolisieren soll. Ja, das kann man so sehen und auch so schreiben. Aber die Protagonisten sind zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 11 Jahre alt. Bis zu diesem Übergang sind es, glaube ich, noch mindestens drei bis vier Jahre. Man vergisst das leicht, wenn ein 13-Jähriger einem schon auf den Kopf gucken kann und einen mit 16 dann vollends überragt.5 Mit 11 Jahren, da bin ich mir sehr sicher, ist man noch ein Kind.

Man bedenke zudem, dass Beverly aus einem Haushalt mit einem gewalttätigen Vater kommt. Das macht die Szene für mich noch ein wenig fragwürdiger.

Ich denke, heute würde man das so nicht mehr schreiben. Ein Lektor würde dem Autor die Szene wohl um die Ohren hauen – oder zumindest eine längere Diskussion darüber anstoßen. Würde ich die Szene aber heute, 40 Jahre nach Erscheinen, aus dem Buch nehmen? Nein. Keinesfalls. Aus Prinzip nicht. Finge man damit an, müsste man bald sämtliche Bücher umschreiben. Das Buch ist so entstanden, die Szene ist in der Welt. Damit verhält es sich wie mit Zahnpasta: Einmal aus der Tube, bekommt man sie nicht mehr zurück. Und es dennoch zu versuchen, würde einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen.6

Die Szene ist eine missglückte und deplatzierte Passage in einem sonst wunderbaren Buch. Dieses Dilemma muss man als Leser aushalten.


  1. Trotz gewisser entfernter Ähnlichkeiten (ein Anführer, ein Kind mit einem Gewichtsproblem, ein Mädchen) ist es zum Glück nicht so holzschnittartig, dass „Es“/es ein „TKKG und der Killerklown aus dem Gully“ wäre. Deren Publikum ist ja auch nicht Kings Zielgruppe. Und es ist Welten besser geschrieben. „Es“/es ist nicht dasselbe Stadion, es ist nicht dieselbe Liga, es ist nicht mal derselbe verdammte Sport! ↩

  2. Als ich „Es“ das erste Mal gelesen habe, habe ich mich gefragt, wie das mit den Gullys funktionieren soll, da ich nur die deutschen mit ihren schweren gusseisernen Deckeln kannte. Bis ich dann einige Jahre später in den USA vor einem Gully stand und dachte: „Okay, ja klar. So.“ ↩

  3. Dieser Raum in George Orwells „1984“ hat mich als Erster mit der Frage konfrontiert, was da wohl für mich zu finden gewesen wäre. „Es“ hat mir die Frage später ein zweites Mal gestellt. ↩

  4. Es geht mir hier also nicht um Prüderie nach dem Motto „Iiih, Sex!“. ↩

  5. Ich finde es jedes Mal verstörend, dass mein Neffe größer ist als ich. Und ich bin mit 1,92 m schon recht lang. ↩

  6. Dazu kommt, dass rein rechtlich gegen die Szene beispielsweise in Deutschland wohl nichts einzuwenden ist. Vor vielen Jahren hatte ich dazu auf einer Party eine Diskussion mit einem Anwalt. Rechtsanwälte sind gar nicht soooo schlimm. ↩

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