geschrieben am 16. Oktober 2026, gelesen Januar 1995
Ich weiß noch genau, wo ich dieses Buch gekauft habe: Münster. In einem Buchladen in der Stadt.1 Die Bundeswehr hatte mich an diesen Ort verschlagen, und die Kaserne war recht stadtnah. Also viele Gelegenheiten, um Bücher zu kaufen. Es muss Winter gewesen sein, denn ich habe einen erleuchteten Buchladen vor Augen, während es draußen schon dämmerte.
Eine meiner größeren Papier-Investitionen jener Zeit war ein gebundenes Buch von Frederick Forsyth: „Die Faust Gottes“. Von der doch recht spärlichen Alimentierung durch den Staat konnte ich mir meinen heutigen Snobismus, am liebsten nur gebundene Bücher zu kaufen, eigentlich noch nicht leisten.
Ich habe das Buch damals verschlungen. Lange hat die Investition nicht gehalten. Ich glaube, ich hatte das Buch schon wenige Tage später durchgelesen. Forsyth hat in diesem Buch die fiktive Geschichte, den Einsatz einer irakischen Atombombe zu verhindern, sehr geschickt in die Situation rund um den 2. Golfkrieg (Desert Shield/Desert Storm) eingewoben. Das war ja auch eine von Forsyths Stärken: seine Geschichten durch diese Anbindung hinreichend plausibel, vor allen Dingen aber sehr spannend zu machen.
Mich erinnert aber etwas anderes noch mehr an dieses Buch: Eine Freundin hatte mir damals eine Kassette mitgegeben. Auf dieser war das „Semantic Spaces“-Album von Delerium. Ich las das Buch, während ich diese Musik hörte. Als ich einige Zeit später das Buch ein zweites Mal las, war gerade „Karma“ von der gleichen Band herausgekommen. Ich weiß nicht, ob das Zufall war oder ob ich mir das Buch zum erneuten Lesen griff, weil mich die Musik an das Buch erinnerte.
Ich höre heute kaum mehr Delerium (oder Conjure One, das mit Delerium Rhys Fulber gemein hat und an vielen Stellen deutliche Ähnlichkeiten aufweist). Wenn ich mich richtig erinnere, war Delerium so ein Vorjahrtausendwende-Ding für mich. Ich kaufte nur noch einmal ein Album von ihnen, als Delerium Akustikversionen einiger Stücke ihres Portfolios herausbrachte. Mittlerweile war Delerium an vielen Stellen auch nur noch einfach totgeremixt und -gespielt worden. „Silence“ war so ein Opfer seines Erfolgs. Zu Conjure One kam ich später über Herrn Betrisey und seinen Drop Remix von „Like Ice“. Conjure One hatte dann aber nicht mehr so den Effekt auf mich. Vielleicht fehlte es einfach am richtigen Buch zur richtigen Zeit. Beides findet sich heute auf keiner meiner Playlists, die ich noch höre. Und dass ich das Buch zum letzten Mal gelesen habe, ist mit Sicherheit auch 20 Jahre her.
Aber wenn mein Rechner aus Zufall Delerium spielt, bin ich in Forsyths Golfkriegsirak. In der Wüste.
Und auch wenn Delerium im Grunde genommen oft nur Pseudoethnosynthesizergeblubber2 und „Die Faust Gottes“ nur ein gut geschriebener Thriller ist, hat beides zusammen dadurch eine besondere Bedeutung für mich, die jeder Teil für sich nicht hätte.
Vielleicht sagt diese Kombination etwas darüber aus, wie Erinnerungen funktionieren. So wie für mich der Interregio auch fast 40 Jahre nach einem Augenarztbesuch in Bad Zwischenahn nach Butterkuchen riecht.