Dies ist keine Rezension, ich verteile auch keine Sterne. Dies ist Teil meiner kommentierten Leseliste. Das, was mir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich das Buch in die Hand nehme. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.
geschrieben am 23. Oktober 2026, gelesen September 2019
Wenn man viel liest, hat man immer das Gefühl, dass man im Grunde genommen noch nie in seinem Leben einen neuen Gedanken hatte. So einen wirklich unverbrauchten Gedanken. Irgendwer hat den Gedanken immer schon vorher gehabt und ihn auch niedergeschrieben. Bei acht Milliarden Menschen auf dem Planeten ist es halt auch schwer, so einen Gedanken zu haben, wenn so viele Hirne um die begrenzte Menge neuer Gedanken konkurrieren. Leider liest man aber nicht genug, um das sofort zu wissen, wenn man einen Gedanken hat, den man zunächst für neu hält und nach einigem Wachliegen mit einem Lächeln mit in den Schlaf nimmt. Aber dafür ist man halt auch nur ein glorifizierter Computerfuzzi mit einem Blog und kein Schriftsteller.
Ich fand Terry Pratchetts Bild des Inspiratons eigentlich treffend:1 das Teilchen, das Inspirationen trägt. Es konnte nicht nur in Menschen einschlagen, sondern auch in einen Frosch, dessen Geistesblitz man dann nur an einem höchst inspirierten Quaken bemerkte. Irgendwann glaubt man, einfach viel zu viel Zeit in Gesellschaft von Fröschen zu verbringen. Vielleicht braucht man auch einfach nur eine Muse (je nach Präferenz m/w/d) als Ideenfluss-Moderator, der die Inspiration so weit abbremst, dass sie sich im eigenen Hirn verfängt.2
Gleichzeitig scheint es aber Inspiraton-Attraktoren zu geben. Und ich bin mir sicher, dass Ted Chiang so ein Attraktor ist.
Im Text zu „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ schrieb ich, dass ich mir später ein weiteres Buch von Ted Chiang kaufte: „Das wahre Wesen der Dinge“. Auch dieses Buch ist wieder eine Sammlung von Kurzgeschichten. Insgesamt enthält es acht Erzählungen – anders als im vorherigen Band allerdings keine, die bereits den Weg auf die Leinwand gefunden hat.
Überhaupt ist von Chiang bisher sehr wenig verfilmt worden, und wenn man seine Geschichten liest, versteht man ein bisschen, warum. Die Texte lesen sich hervorragend – um sie sich ansehen zu können, bräuchte es wahrscheinlich einige Anpassungen.
Ein Beispiel dafür ist gleich der erste Text im Buch: „Verstehen“. Er weist einige Parallelen zum Film „Lucy“ von Luc Besson auf.3 Auch hier geht es um die Erweiterung des Geistes durch Medikamente. Ob Besson in diesem Fall der Frosch war, der ein Inspiraton zweitverwertet hat, oder ob es sich um zwei getrennte Inspiratonen unterschiedlicher Energie handelte, vermag ich nicht zu sagen – ich kenne Bessons Bücherregal nicht.
„Lucy“ ist etwas, das man sich im Kinosessel mit dem Popcorn-Eimer neben sich anschauen möchte. Luc Besson eben. „Verstehen“ will man mit einer Tasse Tee auf dem Sofa lesen.4 Oder, wenn man dem Stereotyp genau folgen will: im Ohrensessel mit einem Glas Rotwein – und nach dem letzten Satz mit einem langen Blick ins Kaminfeuer, um in der Glut nach Schlussfolgerungen zu suchen.
Bei „Geschichte deines Lebens“5, die als „Arrival“ verfilmt wurde, hat die Übertragung von einem Medium ins andere gut funktioniert. Ich habe gelesen, dass mehrere Geschichten aus diesem Buch ebenfalls verfilmt werden sollen. Ich hoffe, dass das dann auch so gut klappt.
„Division durch 0“ soll ein solcher Kandidat sein. Doch gerade hier fällt es mir am schwersten, mir eine Hollywood-Verfilmung vorzustellen. Die Geschichte schreit eher danach, wie ein skandinavischer Krimi umgesetzt zu werden. Dunkelheit. Kaputte Typen. Und viel tiefsinniges Schweigen. Oder wie Fassbinders „Welt am Draht“. Eher etwas fürs Scala6 als fürs Cineplex7. Es geht um eine Mathematikerin, die ihr gesamtes Fachgebiet auf den Kopf stellt und damit nicht zurechtkommt. Aber auch um einen Mann, der nicht so recht damit zurechtkommt, dass seine Frau am Zusammenbruch ihrer Welt verzweifelt – und der sich anschickt, noch eine weitere Welt dieser Frau zu zerstören, aber noch nicht weiß, wie er das anstellen soll. Hollywood soll hier bitte lieber „Transformers 19“ drehen, als diese kleine, schöne Geschichte kaputtzumachen.
Ich möchte noch auf eine weitere Geschichte in diesem Buch eingehen: Es ist die Erzählung „Der Lebenszyklus von Softwareobjekten“. Auch sie scheint ein Kandidat für eine Verfilmung zu sein. Und hier glaube ich, dass die Welt dringend einen solchen Film braucht, um bestimmte Fragestellungen im Bereich KI zu verstehen.
Eine Verfilmung erscheint mir hier allerdings ebenfalls recht schwierig. Der Ton der Erzählung ist präzise, langsam, eher berichtend. Bei diesem Thema wäre eine Rettungsaktion für die digitalen Entitäten wahrscheinlich leichter zu verfilmen, aber eine solche Handlung gibt es in der Erzählung nicht. Sie würde auch nicht zu Chiang passen. Dass etwas nicht passt, hat Literaturverfilmungen aber noch nie davon abgehalten, es trotzdem einzubauen. Wenn der Regisseur dann nicht behutsam8 vorgeht, entsteht eine Geschichte, die vielleicht als Film funktioniert, für Leser der Vorlage aber enttäuschend ist.
Einige der Fragen, die ich in dem Text fand und für wichtig halte, habe ich mir zum Teil auch in „Thoughts: Welten der Zukunft“ gestellt: Wissen wir eigentlich, was wir vor uns haben, wenn etwas die äußere Anmutung von Gefühlen hat? Und viel wichtiger: Welche Verantwortung haben wir gegenüber solchen digitalen Entitäten? Welche Verantwortung haben wir gegenüber uns selbst, wenn wir mit solchen Entitäten umgehen? Und wie gehen wir mit der Obsoleszenz technischer Systeme um, wenn auf ihnen Software läuft, die für uns die Anmutung eines echten Individuums hat? Bei all diesen Fragen geht es nur am Rande darum, ob ein solches System tatsächlich Bewusstsein, Intelligenz oder Individualität hat – oder ob wir es nur vermenschlichen. Es geht nicht um die Technik, sondern um uns.
Diese Fragen hat sich Chiang schon 2010 gestellt – lange bevor es LLMs in ihrer heutigen Form gab. Lange bevor Menschen mit solchen Systemen sprachen, als säße ihnen ein bewusstes Wesen gegenüber, obwohl diese Systeme das rein technisch gar nicht leisten können. Und deswegen ist Chiang ein Schriftsteller und ich nur ein Computerfuzzi mit Blog.
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Siehe auch „Der Zauberhut“ – das erste Pratchett-Buch, das ich gelesen habe. ↩
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Es wird euch aufgefallen sein, dass auch hier kein neuer Gedanke zu Hause ist, sondern dass das einfach nur ein Remix aus Pratchett, „Dogma“ und der Serie „Chernobyl“ ist. ↩
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Eigentlich müsste man es andersherum schreiben, denn der Text ist deutlich älter als der Film: Chiangs Erzählung erschien 1991, „Lucy“ kam 2014 in die Kinos. ↩
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„Lucy“ ist klassisches „Suspension of Disbelief“-Kino. Vor allem aber muss man aufhören, sich zu fragen, wie zum Henker Morgan Freeman in diesen Film geraten ist. Andererseits: Im selben Jahr war er auch in „Transcendence“ zu sehen – zusammen mit einigen anderen sehr berühmten Schauspielern. ↩
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Die zweite Geschichte in „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“. ↩
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Das hiesige Programmkino für russische Experimentalfilme mit finnischen Untertiteln. ↩
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Der Lüneburger Popcorn- und Käsenacho-Großvertrieb mit angeschlossenem Filmvorführbetrieb. ↩
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So wie beispielsweise Villeneuve bei „Arrival“. ↩