Ich mag die Musik von Reinhard Mey. Er ist ein sehr scharfer Beobachter seiner Umgebung. Aber ich habe meine Probleme mit seinem Lied „Meine Söhne bekommt ihr nicht“.
Kein Ziel und keine Ehre, keine Pflicht, sind’s wert dafür zu töten und zu sterben.
Ich verstehe dies als ein Lied eines Vaters, der Angst davor hat, seine Söhne in einem Krieg zu verlieren. Das ist eine sehr berechtigte Angst. Als Vater würde ich genauso denken! Es ist als künstlerischer Ausdruck allerdings eine überzeichnete Darstellung dieses Gedankens. Dieses Lied wird heute wieder häufiger gesungen. Der Gedanke dahinter wird wieder häufiger ausgesprochen. Beides hat bei mir eine erneute Auseinandersetzung mit diesem mittlerweile fast 40 Jahre alten Lied ausgelöst.
Das Lied wurde 1986 veröffentlicht. Aus heutiger Perspektive wissen wir, dass dies die Endphase des Kalten Kriegs war. Zu dem Zeitpunkt war das allerdings noch nicht klar. Glasnost und Perestroika hatten gerade erst begonnen. Bis zur Deutschen Einheit sollten noch drei Jahre vergehen. Der INF-Vertrag, der die Nachrüstung auf Grund des NATO-Doppelbeschlusses beendete und rückbaute, lag noch ein Jahr in der Zukunft.
Man kann diesen Text in der Tradition der „Ohne mich“-Bewegung der frühen Bundesrepublik sehen. Es handelte sich dabei um die erste Friedensbewegung in diesem jungen Staat. Nach dem Trauma des zweiten Weltkrieges war dies eine persönliche Ablehnung Teil der Remilitarisierung Deutschlands zu werden.
Denn „Ohne meinen Sohn“ ist nur die logische Weiterentwicklung des „Ohne mich“ durch einen Vater.
Pazifismusparadox
Es gibt eine zweite Sicht auf dieses Lied. Diese zweite Sicht entstand, als ich im Bekanntenkreis ähnliche Aussagen hörte. Meinen Sohn bekommt ihr nicht. Diese Aussagen sind kein künstlerischer Ausdruck. Und auch hier verstehe ich diese Aussage.
An dieser Stelle möchte ich einen Schritt zurück gehen. Im Angesicht der momentanen Kriege dieser Welt stellte sich mir die Frage: „Okay, das ist ein ebenso verständlicher wie berechtigter Wunsch. Aber wer übernimmt dann die Aufgabe der Verteidigung? Wer übernimmt die Verantwortung für die Sicherung der Fortexistenz unserer Grundordnung?“
Damit geht es im Grunde genommen um die Übertragung des Pazifismus - als individuelle Geisteshaltung - auf kollektive Gruppen, wie beispielsweise einzelne Nationen oder auch Strukturen kollektiver Sicherheit. Und welche Folgen das hat.
Ich möchte am Anfang einige Begrifflichkeiten definieren, die ich im Folgenden nutzen werde. Zum einen ist da der offene Pazifismus. Offener Pazifismus ist für mich nach außen gelebter Pazifismus und nicht nur eine innere Geisteshaltung. Beispielsweise durch künstlerische Beiträge oder durch die Wehrdienstverweigerung. Ein weiterer Begriff ist der absolute Pazifismus. Dies ist der unter keinerlei Umständen Ausnahmen zulassende Pazifismus.
Diesem möchte ich im Folgenden einen wehrhaften Pazifismus zur Seite stellen. Dieser lässt Ausnahmen zur Verteidigung jener Grundlagen zu, die offenen Pazifismus erst ermöglichen.
Die Überlegungen in diesem Text setzen voraus, dass die freiheitlich-demokratische Grundordnung als schützenswerter normativer Rahmen angenommen wird. Wer diese Prämisse nicht teilt, muss zwangsläufig zu anderen Schlussfolgerungen kommen.
Karl Popper beschrieb in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ das Toleranzparadox. Man muss zum Schutze der Toleranz den Intoleranten gegenüber intolerant sein. Der Schutz einer Norm kann unter Umständen die Außerkraftsetzung der Norm notwendig machen. Etwas ähnliches ist hier vorzufinden.
Das Lied ist ein gutes Beispiel für das Pazifismusparadox, jenem Spannungsverhältnis zwischen offenem Pazifismus und dessen Entstehungsbedingungen. Reinhard Mey kann diesen von Grund auf pazifistischen Text singen, weil ihn die freiheitlich-demokratische Grundordnung vor den Repressalien der Mächtigen schützt. In unserer Gesellschaft kann er diesen Text singen.
Mehr noch: In unserer Gesellschaft war 1986 und ist heute Wehrdienstverweigerung möglich. Er müsste nicht fliehen, er müsste nicht in Armut wie ein Dieb leben. Stattdessen müssten seine Söhne den Kriegsdienst verweigern. Dies ist die durch das Grundgesetz festgeschriebene Option für jeden, dem die Achtung vor dem Leben als höchstes, nichtbedingtes Gut gelehrt wurde. Es gab im Jahre 1986 58.000 Anträge auf Anerkennung als Wehrdienstverweigerer, die durch ihren Wunsch keine Repressalien zu erwarten hatten.
Gerade für ihn als Künstler müsste eben diese Grundordnung schützenswert sein. Es müsste das Ziel eines jeden sein, diese zu schützen. Gleichzeitig drückt Mey aber absolut aus, dass es kein Ziel und keine Pflicht gäbe, sein Leben zu geben oder ein Leben zu nehmen.
Damit schließt Mey den Schutz gerade jener Grundordnung aus, die es ihm erlaubt, seine Gedanken auszudrücken und seine Söhne nicht geben zu wollen. Das Lied nennt keine Ziele, die dann doch lauter und akzeptabel sind. Es nennt keine Ausnahmen.
Offener Pazifismus kann nur in einer Gesellschaft auf Dauer existieren, die eben nicht pazifistisch ist. Die Voraussetzungen, unter denen offener Pazifismus gedeihen kann, müssen geschaffen und erhalten werden.
Hat man sich einem absoluten Pazifismus verschrieben, könnte man auch den Schutz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung negieren. Damit stellt man diese zur Disposition. Es handelt sich hierbei eher um eine Extremposition.
Es entsteht hier eine Aufgabenteilung: Auf der einen Seite jene, die den Pazifismus leben. Auf der anderen Seite stehen jene, die die Entstehungsvoraussetzung des Pazifismus verteidigen. Letztere können dadurch aber nach reiner Lehre keine Pazifisten sein.
Vielleicht liegt die Antwort auch in der genauen Interpretation: „Meine Söhne geb ich nicht“ singt er. Nicht „Unsere Söhne geb ich nicht“. Ich kann Pazifismus als offen ausgesprochene Geisteshaltung leben. Ich kann mir den Schutz meiner Söhne wünschen. Beides ist möglich, weil andere den Schutz der Grundordnung übernehmen. Denn “mein” weisst die Aussage Mey als individuelle Geisteshaltung aus.
Wehrhafter Pazifismus
Hier sollte man den absoluten Pazifismus stets als wehrhaften Pazifismus weiterdenken. Genauso wie sich eine wehrhafte Demokratie gegen Feinde der Demokratie im Inneren wehren können muss, muss ein wehrhafter Pazifismus Angriffe auf ihn selbst abzuwehren vermögen.
Der Begriff des wehrhaften Pazifismus enthält schon einen Widerspruch, der diesen definiert: Ein wehrhafter Pazifismus kann kein absoluter Pazifismus sein, sondern ist notwendigerweise ein bedingter. Wehrhafter Pazifismus lässt ausnahmsweise eine gewaltsame Verteidigung zu, wenn es um die Sicherstellung der Grundlage geht, auf der Pazifismus gedeihen kann. Also wenn beispielsweise die freiheitlich-demokratische Grundordnung auf dem eigenen Staatsgebiet in Gefahr ist.
Das muss nicht unbedingt die Gabe der eigenen Söhne sein. Es kann auch bedeuten, dass eine Gesellschaft sich so aufstellt, dass die Kosten eines Angriffs auf die Gesellschaft so hoch sind, dass jeder vernünftige Angreifer von einem Angriff absehen würde.
In all ihren Spielarten war die Abschreckung des Kalten Krieges ein in Teilen absurdes Konstrukt. Hier könnte man an Konzepte wie die gegenseitige gesicherte Zerstörung denken. Darin liegt eine Ironie: Gerade diese Abschreckungsmechanismen bildeten eine Grundvoraussetzung für die Entstehung von Gesellschaften, die ihrem Selbstverständnis nach pazifistisch sind.
Bis ans Ende gedacht, kann das zu einem absurden Schluss führen: Offener Pazifismus (sei es durch dieses Lied oder eben der Entscheidung, seine Söhne nicht zu geben) bedarf eines der Bedrohung entsprechenden bewaffneten Militärs, um dessen Entstehungsbedingungen zu schützen. Denn diese existieren nur in offenen Gesellschaften. Das kann im Extremfall auch eine nukleare Bewaffnung einschließen, sofern sich der Staat nicht in einem Mechanismus kollektiver Sicherheit befindet, der eine solche Fähigkeit bereitstellt.
Natürlich wären Alternativen zur Aufrüstung wünschenswert. Ich war lange der Überzeugung, dass Diplomatie, internationale Institutionen und wirtschaftliche Verflechtungen Abschreckung auf Dauer ersetzen können.
Dass dies funktionieren kann, sieht man am Wandel der Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland. Die beiden Länder haben eine lange kriegerische Geschichte, sind heute aber befreundete Staaten.
Allerdings setzt Diplomatie voraus, dass das Gegenüber an Diplomatie interessiert ist. Auch muss das Gegenüber internationale Institutionen respektieren. Und wirtschaftliche Verpflichtungen haben nur dann einen verbindenden Charakter, wenn diese vom Gegenüber als nutzbringend angesehen werden. Sobald eine Seite diesen Pfad verlässt, werden diese Wege wirkungslos. Es geht hier auch nicht um ein Entweder-Oder. Die Vorteile der Mechanismen abseitig von Aufrüstung sind zu groß, als dass man sie nicht berücksichtigen könnte. Es geht bei Aufrüstung um eine Rückfallebene, die nicht auf die Kooperation des Gegenübers angewiesen ist.
Aufrüstung gebiert aber wieder seine eigenen Probleme, die es zu lösen gilt, für die es aber keine einfachen Lösungen gibt. Durch Aufrüstung entsteht Unsicherheit, die wiederum zu weiterer Aufrüstung führt – dies war die Spirale, die den Kalten Krieg über lange Zeit geprägt hat.
Wenn Menschen heute auf die Straße gehen und unter anderem dieses Lied singen, ist es wahrscheinlich genau diese Angst in die Mechanismen des Kalten Krieges zurückzufallen, die ihnen Angst macht.
Zu lösen wäre sowohl das Pazifismusparadox als auch das Sicherheitsdilemma nur, wenn sich alle Staaten des Pazifismus verschreiben würde. Pazifismus müsste dann keine wehrhafte Komponente aufweisen. Dadurch wäre Aufrüstung unnötig und die Spirale wäre an der Wurzel unterbrochen. Beim Blick auf die momentane Realität erscheint aber genau das illusorisch. Eine Lösung ist dadurch fern.
Diese Situation erinnert mich in grober Vereinfachung entfernt an das Gefangenen-Dilemma. Sind beide Parteien absolut pazifistisch, führt zu den kollektiv geringsten Kosten. Ist nur eine Partei absolut pazifistisch, die andere aber nicht, ist davon auszugehen, dass in einer Auseinandersetzung die erstere Partei verlieren wird. Sind beide Parteien nicht absolut pazifistisch, wird sich bei höheren Kosten ein stabiler Zustand herauskristallisieren. Sozusagen ein sicherheitspolitisches Nash-Gleichgewicht.
Andere Modelle haben ihre eigenen Herausforderungen: Die UNO hat keine eigene Durchsetzungsfähigkeit hinsichtlich des Völkerrechts. Kollektive Sicherheitsmechanismen sind dem Grunde nach eine Verteilung der Lasten der Abschreckung, um jeden Mitgliedsstaat die Fähigkeit zu geben, die Kosten für einen Angriff durch die Drohung „Wenn Du einen angreifst, greifst Du uns alle an“ so zu erhöhen, dass die Kalkulation eines möglichen Angreifers sich stets unvorteilhaft ausgeht. Es ist verteilte Abschreckung, nicht keine Abschreckung.
Wehrhafter Pazifismus ist ebenfalls mit offenen Fragen verbunden: Sind Waffenlieferungen an ein Land, das sich verteidigt, von einem wehrhaften Pazifismus gedeckt. Auf der einen Seite leisten die Waffenlieferungen dem Sicherheitsdilemma Vorschub, auf der anderen Seite würde ein Unterbleiben der Lieferungen der Wehrhaftigkeit deutliche Grenzen setzen. Auch diese Frage vermag ich momentan nicht zu beantworten. Ein absoluter Pazifist würde wahrscheinlich sagen, dass eine Lieferung dem Pazifismus widersprechen würde. Ein Militarist würde darauf drängen, denjenigen bis an die Zähne zu bewaffnen. Aber wo ist die Mitte? Wo ist die Balance?
Die Grenzen eines wehrhaften Pazifismus sind notwendigerweise unbestimmt. Sie sind Produkt der steten Frage, ob an einer Stelle noch der Pazifismus geschützt wird oder ob es sich nur um die Absicherung von Interessen handelt.
Tragik des Pazifismus
Um auf das Lied zurückzukommen: Mir ist bewusst, dass Reinhard Mey selbst damit seine persönliche Verweigerung zum Ausdruck bringt und mit dem Lied kein generelles gesellschaftliches Modell postuliert.
Letztlich konnte der Pazifismus bundesrepublikanischer Prägung - und in dessen Tradition steht das Lied von Reinhard Mey - aus meiner Sicht erst auf Basis des sehr anormalen Zustandes des Kalten Krieges entstehen.
Abschreckung sorgte lange Zeit dafür, dass sich auf dem Gebiet der Bundesrepublik die Frage nach Pazifismus oder Nicht-Pazifismus, nach dem Geben von Söhnen oder deren Verweigerung, faktisch nicht stellte.
Ein Krieg in Deutschland als zwischen zwei Blöcken gespaltene Nation wäre in jener Zeit fast zwangsläufig in eine zivilisationsbeendende Eskalation zwischen den großen Machtblöcken gelaufen. Jedoch schreckten die Folgen beide Seiten davon ab und erzeugten so eine Insel der Stabilität nahe des Abgrund. Pazifismus war kein Nebenprodukt der militärischen Macht, aber diese ermöglichte eine stabile Umgebung, in der er blühen konnte.
Pazifismus benötigt belastbare Schutzmechanismen, von denen militärische Fähigkeiten nur einer ist. Dieser ist aber im Extremfall unverzichtbar. Militär und Politik als Primatsträger braucht auf der anderen Seite die Verankerung in einer pazifistischen Gesellschaft und somit den Pazifismus selbst als Korrektiv, damit es eine Option im Extremen bleibt. In Deutschland wurde dies unter anderem durch das Konzept der Streitkräfte als Spiegel der Gesellschaft gelöst.
Das Lied ist ebenso wie Pazifismus an sich moralisch korrekt. Es ist aber in der realen Welt nur unter Bedingungen gültig, die es selbst nicht sicherstellen kann. Pazifismus kann nur ausgelebt werden, wenn er verteidigt wird. Mit Diplomatie. Mit Ökonomie. Aber am Ende möglicherweise auch mit Gewalt. Das ist die Tragik des Pazifismus.