Die ständige Verfügbarkeit von Nachrichten ist wie ein voller Kühlschrank. Man ist ständig geneigt, ihn zu öffnen und sich etwas herauszunehmen. Und wundert sich, warum irgendwann die Hosen nicht mehr passen. Ubiquitäre Nachrichten sind genauso. Man ist ständig geneigt, ihnen zuzuhören und wundert sich dann am Ende, was diese Flut mit einem macht.

Ich habe aufgehört, Nachrichten ständig zu konsumieren. Es gab eine Zeit, da hatte ich ständig ein Fenster eines Nachrichtensenders auf meinem Desktop offen. Oder es lief den ganzen Tag der lokale Nachrichtensender NDR Info im Radio als Hintergrundbeschallung. Ich war am ständigen Tropf der Nachrichtenkanäle.

Das habe ich aufgegeben. Ich musste es aufgeben. So wie ich Kaffee aufgegeben habe … aus den gleichen Gründen. Es war nicht gut für mich. Hätte mir wahrscheinlich mein Arzt irgendwann gesagt: „Herr Möllenkamp, Nachrichten sind nicht gut für Ihren Blutdruck!“. Und ich wäre irgendwann bei logo! als Nachrichtenäquivalent zum Kaffee Hag gelandet. Das wollte ich dann auch nicht.

Wenn ihr jedes Gift recht auslegen wollt, was ist, das nit Gift ist? Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.
— Paracelsus

Die Dosis macht das Gift. Anders als beim Kaffee bin ich bei den Nachrichten „beim echten Stoff“ geblieben. Nur halt deutlich weniger. Ich habe meinen Nachrichtenkonsum stark eingeschränkt.

Ich bereite mich seelisch morgens eine ganze Weile darauf vor, dass ich mir gleich die 30 Minuten Zeit für Nachrichten nehme, um auf dem aktuellen Stand zu kommen. Es ist ein sehr bewusstes Wahrnehmen von Nachrichten. Es ist meist die Tagesschau des vorherigen Tages. Dazu kommen dann noch einige Nachrichtenportale, um die Geschehnisse seit der letzten Tagesschau zu integrieren und um die Nachrichten zu validieren. Und danach sind dann erst mal wieder 23 Stunden und 30 Minuten Nachrichtenquarantäne. Und ehrlich gesagt: Die brauche ich auch.

Munter bleiben, morgen/irgendwann ist Weltuntergang …

Ich habe gemerkt, dass das, was ich nicht brauche, die ständige Infusion mit Nachrichten ist. Doch oft kommt dann „Jörg, du musst dich doch informieren!“. „Jörg, du musst doch wissen, was passiert. Stell dir vor, die Welt geht unter und du bekommst nichts mit?“. Und lange habe ich dem auch zugestimmt. Die Pflicht des Bürgers ist es, informiert zu sein, da nur informierte Partizipation an der Gesellschaft sinnvoll und zielführend sein kann.

Was den baldigen Weltuntergang angeht? Mittlerweile denke ich: Ja und? Dass die Welt eine gute Chance hat unterzugehen, weiß ich auch so. Vielleicht nicht in meiner Residuallebenszeit. Aber möglicherweise in jener meiner jüngsten Nichte. Und das macht mich sehr traurig. Dafür brauche ich nicht die Nachrichten, dafür reicht mir der Wetterbericht.

Aber: Wenn die Welt so schnell untergeht, dass sich die Situation seit meiner letzten Dosis Nachrichten so entwickelt, dass die Welt vor meiner nächsten Dosis Nachrichten schon zum Teufel ist, werde ich das schon mitbekommen. Nämlich dadurch, dass die Welt untergeht. Ich muss das vorher nicht wissen. Ich befinde mich ungern in einem Status der Hilflosigkeit. Und einem perakutem Weltuntergang kann ich eh nichts entgegensetzen.

Den Narzissmus, zu glauben, nur ich könnte die Welt retten, leiste ich mir ebenso wenig, wie die Naivität, da halbwegs ungeschoren davon zu kommen, wenn ich nur rechtzeitig genug davon erfahren würde.

Und sollte ich wider aller Erwartung genau jene fehlende Fähigkeit haben, die die Welt rettet, erwarte ich ohnehin einen Blackhawk oder NH90 in meinem Garten. Ernst blickende Menschen werden mich dann schon informieren, was passiert. Was wirklich passiert. Ich kann mir allerdings gerade keine Katastrophe vorstellen, in der meine einzigen wirklich brauchbaren Superkräfte, fallengelassene Sechskantnüsse mit einem am Ende zu einem Haken gebogenen Draht und viel Geduld, aus Geräten und Maschinen zu angeln oder mit Geduld Kabel durch Löcher zu tüddeln, von entscheidender Bedeutung wären.

Wobei … wenn ihr das Getriebe der Welt findet, und da steckt zwischen den Zahnrädern eben eine Sechskantstecknuss: Ihr wisst, wo ihr mich findet. Give me a call.

Und wenn die Welt nicht untergeht? Dann reicht es auch noch, wenn ich mich am nächsten Morgen in einem seelisch ausgeruhten Zustand damit beschäftige. Das stellt zudem einigermaßen sicher, dass mich dieser Mist nicht in meinen Träumen verfolgt.

Für mich hat das noch einen großen Vorteil: All das führte nicht dazu, dass ich weniger lese. Das Gegenteil ist der Fall. Seitdem ich mich auf diese halbe Stunde Nachrichten konzentriere, habe ich einfach viel mehr Zeit zu lesen und es kommt auch deutlich mehr bei mir an, wenn die Gedanken nicht gerade um das Chaos in der Welt drehen, das sich in den Nachrichten manifestiert.

Arztgespräch

Diese absichtlich eingebaute Verzögerung im Nachrichtenkonsum ist gar nicht so selten, wie ich dachte.

Ich habe mich letztes Jahr darüber mit einer Ärztin unterhalten. Nein, nicht meiner Hausärztin. Eine Tierärztin, als wir auf die Röntgenbilder des Hundes meines Bruders gewartet haben, der am Morgen zuvor die Wohnung in eine blutige Horrorfilmkulisse verwandelt hatte, nachdem am Abend zuvor ein anderer Tierarzt das Problem weniger problematisch eingeschätzt hatte.

Es stand schon so schlecht um den Hund, dass wir uns mit der Veterinärin darüber unterhalten haben, ob der Hund im Fall der Fälle wiederbelebt werden sollte. Es gibt halt „Do Not Resuscitate“-Anweisungen auch für kleine Bolonkas. Die Dame meinte, dass das leider eine weitere schlechte Nachricht in einer an schlechten Nachrichten reichen Zeit ist. Ich hatte mich mental auch schon auf den Anruf bei meinem Bruder vorbereitet, eine schlechte Nachricht überbringen zu müssen.

Während wir da also so warteten, dass das Röntgenbild fertig wurde, erzählte die Ärztin, dass sie mittlerweile noch einmal am Tag die Nachrichten verfolgt. Sie verfolgte also so in etwa die gleiche Taktik, die ich auch für mich gefunden habe. Wobei die Tierärztin mein Unbehagen teilte, dass man ja eigentlich „informiert sein“ sollte. Da war es wieder: „Man muss doch informiert sein“.

„Informiert sein“ bedeutet nicht, über alles sofort informiert zu sein. Ich glaube, direkt am Tropf der Nachrichtenmaschinerie zu hängen, erzeugt vermutlich eher das Gegenteil von „informiert“. Wie auch immer das Medium heißt und wo es politisch steht. Es erzeugt eher dieses mentale Huhn im Kopf, das bei der kleinsten Störung beginnt zu flattern. Mangels der Fähigkeit, wirklich fortgesetzt zu fliegen, kann es aber nicht wirklich all dem entkommen. Der Körper und Geist möchten reagieren. Können aber nichts ändern. Können sich nicht mal entfernen.

In den ersten Stunden einer sich entwickelnden Nachricht ist da oft nur Spekulation, Halbwissen, Kommentare der als Experten gewähnten üblichen Verdächtigen. Die Einwürfe reichen von „wir werden alle sterben“ zu „nicht so schlimm“. Aber im Grunde wissen sie kein Jota mehr als wir als Zuschauer. Sie füllen diese Lücken aber mit reichlich Vermutung, reichlich Spekulation. Ich will diesen Menschen nicht ihr Expertentum absprechen. Vermutlich haben diese zum Teil mehr über ein Thema vergessen, als ich je wusste. Ich finde nur, dass meinem Eindruck eine Fähigkeit vergessen wird: So lange nicht genügend Daten vorhanden, einfach mal den Mund zu halten. Oder die eigene Unwissenheit klar kommunizieren. Einfach mal sagen „ich weiß es nicht“, wenn man es nicht weiß. Ich halte das für ein Zeichen von intellektueller Demut. Aber gerade diese entscheidende Fähigkeit scheint manchmal vergessen. Oder sie wurde durch das intellektuell verklausulierte „Kommentiert der Experte den letzten Gerüchtemist, ändert sich die Weltlage, oder sie bleibt wie sie ist“ ersetzt.

Ich verstehe aber die Experten: „Den Moderatoren ins Gesicht zu sagen „Höma … wir wissen gerade einen Dreck. Ruf mich noch mal in ein paar Stunden an und ich gebe eine vernünftige und vor allen Dingen fundierte Analyse ab.“ ist wahrscheinlich eine sichere Anleitung, nicht mehr angerufen zu werden.

Denn viele dieser Nachrichtensender können nur in einem ständigen Zustand der Nachrichtenerregung existieren. Und da ist „ma abwarten“ einfach kontraproduktiv. Da kann ich gleich wieder zur Tagesschau zurückkehren. 20 Uhr.

Ich glaube, deswegen war auch Herr Prof. Dr. Drosten eine so willkommene, eine so notwendige Abweichung vom üblichen TV/Radio-Experten während der Pandemie. Denn er hatte die Fähigkeit - neben einer völlig unprätentiösen Einschätzung der Situation - an einigen Stellen „Kann ich so nicht sagen“ zu sagen. Man hatte zudem den Eindruck, dass er sich auf jede Sendung wirklich vorbereitet hatte. Und dadurch war er wertvoll.

Wenn man sich an die 24-Stunden-Regel hält, sind die Nachrichten meist schon deutlich besser abgehangen. Das Bild klarer. Und man hat Informationen, auf denen man Entscheidungen basieren lassen kann. Denn Information ist letztlich kein Selbstzweck. Sie ist die Grundlage für Entscheidungen, die langfristig tragfähig sein sollen.

Das Ganze ist eine notwendige Reaktion auf die Verlagerung der Nachrichtenrezeption auf zunehmend schnellere, direktere Medien: Radio, TV, Apps, Alerts auf Mobiltelefon. Vielleicht sollte man sich an dieser Stelle den Blick auf eine Folge der Langsamkeit der Produktion von papiergebundenen Zeitungen richten.

Fisch

Auch ich habe lange Zeit die Meinung gepflegt, dass in der heutigen Zeit die gedruckte Zeitung keinen Platz mehr hat. Ich habe sogar mal für die Internetgruppe einer Zeitung gearbeitet. Mein Chef pflegte zu sagen: „So lange man in der Zeitung von gestern nicht den Fisch einwickeln kann, wird das Internet nicht die Zeitung ersetzen“. Ich war anderer Meinung.

Das Problem ist gelöst, Lebensmittel darf man nicht mehr in Zeitung einwickeln. Druckerschwärze hat sich wohl als zu gesundheitsschädlich herausgestellt. Auch wenn es mittlerweile Fish&Chips-Tüten gibt, die von außen wie eine Zeitung aussehen. Seitdem können wir auf die Zeitung verzichten.

Es ist auch irgendwo so gekommen. Ich kenne viele Haushalte, in denen die einzige Zeitung das kostenlose Anzeigenkäseblatt ist, das einmal pro Woche in den Briefkasten schneit. Vielleicht weil einfach weniger Fisch gegessen wird. Und selbst dieser Zeitung wird oft der Zugang zum Briefkasten verweigert. Das müssen dann wohl mindestens Vegetarier sein. Ich müsste mal überlegen, ob es eine Korrelation zwischen Fisch- und Zeitungskonsum gibt.

Eine Nachricht im Fernsehen hatte Zeit, sich bis 20:00 zu entwickeln, Facetten zu zeigen. Der Redaktionsschluss von Zeitungen lag oft noch später. Noch mehr Zeit, damit auch die zum Verständnis einer Situation wesentlichen Nuancen Form annehmen können.

Und der Konsum war irgendwie: 15 Minuten Tagesschau. Sich von Wilhelm Wieben oder Dagmar Berghoff auf den neusten Stand bringen lassen. 15 Minuten Tageszeitung. Und das reichte eigentlich. Und da wären wir ja bei den 30 Minuten. Ich rechne hier jetzt mal den Teil raus, den man für die Kleinanzeigen und die Familienstandsanzeigen (ja, ich gestehe, je älter ich werde, desto gelegentlicher gucke ich da auch mal … es ist schon merkwürdig, dort den ersten Menschen zu finden, mit dem man früher mal mehr zu tun hatte) braucht.

Zeitungslesen war immer ein Ritual, aber ein unpraktisches: Die Zeit zu lesen war schon immer aufwändig. Die MoPo hingegen schon. Ich hatte mir vor 25 Jahren immer eine Zeit gewünscht im Format der MoPo. Seitdem man nicht mehr durch große Mengen Papier faltet, sondern swiped, ist das Format aber ja eh egal.

Die Verzögerung in der Produktion einer gedruckten Zeitung war kein Bug, sondern eine Feature dieses Mediums. Es erzwang Reflexion, es ermöglichte das Abwarten der Reifung einer Nachricht. Und ermöglichte damit eine saubere Inkontextsetzung der Nachricht, auch wenn man abhängig von der politischen oder gesellschaftlichen Ausrichtung der Zeitung diesem Kontext vielleicht widersprach. Aber man las dann halt einfach nicht diese Zeitung und wählte einen andere, in der der genutzte Kontext mehr der eigenen Lebenswirklichkeit entsprach, mehr den eigenen Grundprinzipien.

Das Ganze ist kein Plädoyer wieder zum gedruckten Medium zurückzukehren. Die gedruckte Zeitung wirkt auf mich zunehmend wie ein aus der Zeit gefallenes Artefakt in einer digitalisierten Welt. Ein Artefakt existent, weil noch nicht alle Menschen den Weg in diese gefunden haben. Aber man kann die positiven Eigenschaften in die neue Welt übernehmen. Auch wenn dies nur mit Selbstbeschränkung geht, weil das Medium an sich diese Beschränkung nicht mehr erzwingt.

Es ist ein Weg. Es ist mein Weg. Es ist nicht der Weg. Man muss sich diese Verzögerung leisten wollen und können. Und nicht jeder kommt von seiner Persönlichkeit her damit zurecht, dass das nächste Update erst in 24 Stunden kommen wird. Manche Menschen müssen aus beruflichen Gründen stets informiert sein. Stets auf dem neuesten Stand sein. Mein Beruf besteht nicht in der schnellen Reaktion, sondern im langfristigen Aufbau. Es ist mein Weg, mit der Flut der Nachrichtenflut zurechtzukommen. Ein Weg, der auch von anderen Menschen eingeschlagen worden ist. Aber man muss für sich selbst herausfinden, wie man am besten damit zurechtkommt.

Epilog: Gute Nachrichten

Um Euch die Sorge zu nehmen: Der Hund hüpfte drei Wochen später mit der Familie meines Bruders in Fehmarn am Strand lang und freut sich mittlerweile wieder in bester Gesundheit. Ein wirkliches Happy-End. Warum der Darm für einige Zeit völlig seine Mitarbeit einstellte? Wir wissen es nicht.

Ich sage das deshalb, weil ich so einige Menschen kenne, die wunderbar damit leben können, dass John Wick einen erstaunlichen Body Count in seinen viereinhalb Filmen (Ballerina ist ja so irgendwie ein John Wick Film) anhäuft, aber der Gedanke stört, dass dort ein Hund stirbt. Wohlwissend, dass beides nicht echt ist. Ja, ich weiß, ein Spoiler, aber im Jahr 2026 sollte so ziemlich jeder und der Haushund mitbekommen haben, womit all der Mord und Totschlag ihren Anfang nimmt.

Es stimmt schon: Gefühlt gibt es diese guten Nachrichten immer seltener. Ich weiß aber nicht, ob das wirklich daran liegt, dass die Welt da draußen ein schlechterer Ort geworden ist. Oder ob sich die Berichterstattung geändert hat. Oder ob ich mich geändert habe. Ob ich heute nur mehr Schlechtes wahrnehme. Oder früher einfach nur mehr ignoriert habe.

Written by

Joerg Moellenkamp

Grey-haired, sometimes grey-bearded Windows dismissing Unix guy.