Vorwort

Dieser Text ist der letzte Text, der aus der Dekonstruktion eines sehr langen Dokuments entstanden ist, das ich neben meinem Text zu meiner Herzoperation geschrieben habe. Entstanden aus einem Absatz in einem anderen Artikel. Es ist der Text, für den ich bei Weitem am längsten gebraucht habe, um ihn in eine veröffentlichbare Version zu bringen. Es ist der Text, bei dem mir das am schwersten fiel.

Singulär

Es wird draußen wieder gehustet. Selbst jene in meinem Umkreis, die von meinem Masketragen ein wenig genervt sind, sehen mittlerweile für wenige Monate wieder ein, dass das eine gute Idee sein könnte, bestimmte Räume nur mit Maske zu betreten. Beispielsweise beim Arzt. Sind ja kranke Leute. Oder in der Schlange in der Apotheke. Sind ja eben auch kranke Leute. Ist ja auch irgendwie folgerichtig: Man trifft dort jene Menschen wieder, die gerade beim Arzt waren. Zu beiden geht man halt nicht gerade in der völligen, von Krankheit unbefleckten Blüte des Lebens.

Ich räumte gerade meinen Badezimmerbeckenunterschrank auf. Es war wieder völlig ins Chaos geraten. Als ich für einen Arztbesuch eine Maske aus einem Karton nehmen wollte, gab mir die Verpackung gleich um die 40.

Während ich so die Masken wieder in den Karton packte und meinen Blick über die anderen Inhalte der Schublade streifen ließ, war da ein anderer Gedanke: Da war, nein … da ist doch noch etwas anderes.

Als wir Ende 2019/Anfang 2020 von einem neuen Coronavirus heimgesucht wurden, war das für viele Menschen eine Zäsur. Es erschien als singuläres Ereignis. Aber war es das wirklich? Denn es war nicht die erste Epidemie, mit der Menschen in den letzten 50 Jahren konfrontiert waren.

Vergangenheit

Für viele, die in den 80er und 90er Jahren groß geworden sind, war die HIV-Epidemie ein wesentlicher Bestandteil der Adoleszenz. Und wenn es nur Stars waren, von denen wir erfuhren, dass sie mit HIV infiziert waren. Wir erinnern uns an Freddie Mercury, der einen Tag vor seinem Tod seine Erkrankung bekannt gegeben hat. Er hatte uns von der Krankheit gezeichnet mit „The show must go on” noch etwas Großartiges geschenkt. Er schuf am Ende etwas, das viele andere zu ihrer Blütezeit nicht in dieser Wucht hätten schaffen können.

Oder auch an Magic Johnson, dessen Bekanntgabe seiner Erkrankung sehr wesentlich dafür gesorgt hat, dass HIV im Bewusstsein der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft ankam. Dass es eben nicht nur als ein Problem von gesellschaftlich marginalisierten Gruppen empfunden wurde. Man darf auch nicht den Beitrag von Tom Hanks meisterhaft gespielter Rolle des HIV-positiven Rechtsanwalts Andrew Beckett vergessen, der viel von der Bigotterie und den Bedenken offenlegte, mit denen die Erkrankten konfrontiert waren.

Es hat damals viel Aufklärungsarbeit gegeben. Wir sahen viele mehr oder weniger gut gemachte Werbespots. Ich schrieb ja schon über den Werbespot mit „Tina, was kosten die Kondome?” mit Hella von Sinnen. Ich glaube bis heute, dass der Spot ziemlich viel Schaden angerichtet hat. Die Angst, die persönliche Hella im Supermarkt zu treffen. Wobei man auch postulieren könnte: Wer ein Problem damit hat, sie zu kaufen, ist wahrscheinlich noch nicht reif genug, sie zu benutzen. Aber sag das mal jemandem in dem Alter.

Und sowieso: Ingolf Lück, der damals den Käufer gespielt hat, war zu dem Zeitpunkt 31 Jahre alt. Da könnte, nein sollte man dann schon darüberstehen. Eigentlich. Aber ganz ehrlich: Ich hätte mit 31 wohl auch sofort die Färbung meines Gesichtes Richtung Rot verändert. Nicht fürs Kaufen. Sondern dafür, dass mir das Spotlight durch das „Tiiiiinaaaa” direkt ins Gesicht strahlt. Und ist vielleicht sogar mit 52 noch so.

Es hat in Coronazeiten ähnlich gelagerte Versuche gegeben, die Notwendigkeiten zur Eindämmung einer Epidemie zu vermitteln. Ich erinnere mich hier sehr gut an den salutierenden Pizzaboten in einem Werbespot, der uns darauf hinwies, dass wir einfach nur auf unseren vier Buchstaben sitzen bleiben sollten. So schwer es uns auch fiel. So sehr mir das auch schwerfiel, wie ich einige Jahre später merken sollte. Sie verfingen aber nicht so wie Hella von Sinnen. Zumindest nicht bei mir.

Vergangen?

2020/21 ist nun auch schon einige Jahre her. Es wird kaum mehr von Corona geredet. Und irgendwie erscheint mir HIV aus dem öffentlichen Raum auch verschwunden zu sein. Aber genauso wie SARS-CoV-2 ist HIV auch nicht vorbei.

Was mir bei der Betrachtung der Vergangenheit auffällt, ist, dass Gesellschaften weder konsistent noch rational auf Gesundheitsrisiken reagieren. Die Antwort scheint moralisch selektiv zu sein.

Das deutlichste Beispiel dieser Selektivität ist unser Umgang mit Drogen: Marihuana wird trotz teilweiser Legalisierung kulturkampfgleich bekämpft. Gleichzeitig kann jeder 16-Jährige problemlos in Deutschland Bier, Wein und Sekt kaufen. Marihuana ist eine Droge, Bier ein Kulturgut, gestützt von Geboten, die fast Verfassungsrang in Deutschland besitzen. Und dabei sind die erheblichen Nebenwirkungen von Alkohol seit vielen Jahren bekannt. Wer die massiven Folgen des Alkoholkonsums sehen möchte, muss sich üblicherweise nur die dunklen Seiten der Stadt angucken. Die Trinkerszene. Oder wenn in den Polizeimeldungen aus dieser kleinen Stadt am Rande der Hamburger Metropolregion wieder steht, dass ein alkoholisierter Ehemann seine Ehefrau angegriffen hat und der Wohnung verwiesen wurde.

Während von der Corona-Pandemie neben Gräbern und Long-Covid kaum mehr etwas übrig geblieben ist, so sind manche Reaktionen auf HIV erst kürzlich verschwunden.

Möglicherweise kommt der Unterschied daher, dass HIV nicht nur eine gesundheitliche Situation war, sondern gleichzeitig auch eine moralische Überladung erfahren hat. Während es bei Corona schnell offensichtlich war, dass es jeden treffen konnte, wurde HIV lange Zeit als Krankheit von Minderheitengruppen gesehen. Genauso ist es beim Alkohol. Alkohol ist eine Droge, die gesellschaftlich akzeptiert ist. Eine Droge, die kulturell integriert ist. Marihuana fehlt sowohl die Akzeptanz als auch die Integration.

Es fehlt mir aber die Diskussion über die Folgen dessen, was wir in den 80ern mit HIV-infizierten Menschen gemacht haben. So hinsichtlich Diskriminierung. Was die Gesellschaft mit jenen Menschen gemacht hat, die mit ihrer Infektion und später Krankheit schon wahrlich genug zu kämpfen hatten.

Ihr mögt jetzt einwerfen, dass man zu Beginn der HIV-Epidemie noch nicht wusste, wie sich genau die Übertragungswege darstellten. Und lange Zeit wusste die allgemeine Bevölkerung wenig darüber. Es gab damals keine medialen Strukturen, die anerkannte Wissenschaftler wie Christian Drosten bei Corona regelmäßig zum Thema HIV zu Wort kommen ließen. Die erste Erkrankung von HIV wurde 1982 gemeldet. Die Übertragungswege wurden 1983 und 1984 geklärt. Seit 1996 gab es Behandlungsregime, die die hohe Letalität unbehandelter HIV-Erkrankungen zunehmend effektiver einzudämmen vermochten.

Ich habe ein bisschen Verständnis, warum auf Basis der damaligen Wissenslage Entscheidungen getroffen worden sind. Wofür ich kein Verständnis habe, ist, warum sich diese so lange gehalten haben. Die danach entstandenen Mechanismen der Ungleichheit waren subtil, aber lange vorhanden.

Gerade erst

Es gibt eine Stelle, wo mir dies besonders aufgefallen ist. Ich darf selber leider nicht mehr Blut spenden. Das DRK hat mich aus dem Blutspendepool ausgeschlossen. Die Gesetzgebung schließt eine Spende mit einem Aortenaneurysma aus, auch wenn dieses repariert ist. An der Stelle habe ich auch Verständnis dafür.

Dass die sexuelle Orientierung oder Identität nicht mehr alleinig in die Risikobetrachtung für Blutspenden eingeschlossen werden, ist tatsächlich erst seit 2023 durch die Änderungen im Transfusionsgesetz so. Wir haben da über vierzig Jahre gebraucht. Wir haben über vierzig Jahre gebraucht, um auf die Kette zu bekommen, dass das schwule Pärchen, das seit 30 Jahren zusammen ist und mit Häkeldeckchen auf dem Sofa die Abende verbringt, ein deutlich niedrigeres Risiko für den Blutspendepool ist als andere Gruppen, die nicht queer sind, aber deutlich promiskuitiver.

Noch unverständlicher war für mich, dass Transgender-Menschen das Blutspenden nicht erlaubt wurde.

Zweierlei Maß

Auf der anderen Seite ist es völlig normal hustend sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Einzukaufen. Den Bus fahrend. Den Zug nutzend. Unmaskiert. Es wird toleriert. Es scheint niemand auch nur eine Augenbraue hochzuziehen.

HIV war für viele Belange auf unsere innerste persönlichste Sphäre beschränkt. Sei es unser intimes Leben, sei es die Notwendigkeit das Blut eines anderen Menschen zu empfangen. Bei Corona, bei einer Grippe, bei einer einfachen Erkältung reicht die gemeinsame Luft eines Raums.

Man mag entgegnen, das wir keinen Kondomzwang einführten, nicht den Zwang zum Test. Aber: Mit jemanden das Bett zu teilen ist optional. Der beiderseitigen Zustimmung, des beiderseitigen Willens bedürftig. Zu Atmen nicht.

Auf der einen Seite regulierten wir bis in die Schlafzimmer hinein, auf der einen Seite stellen einige sogar in Frage, ob die Masken von Nutzen waren. Trotz Menschen die an der ECMO angeschlossen oder auf dem Bauch liegend starben. Trotz Menschen, die bis heute unter den Folgen leiden, mit ihnen kämpfen, weil für manche Menschen Corona eben mehr als zwei Wochen des respiratorischen Ungemachs waren.

Wer heute die Aufarbeitung der Corona-Epidemie in einem Untersuchungsausschuss fordert, sollte bedenken, dass es noch so viel aufzuarbeiten gilt, was davor war.

Es gäbe noch so viel zu tun.

Bevor die Corona-Zeit einer Untersuchung würdig wäre.

Und am Ende ist weder das eine noch das andere vorbei. Es bleibt bei uns. Für immer.

Written by

Joerg Moellenkamp

Personal opinions, observations, and thoughts