Verdammt noch mal, es ist Mitte Juni. Nur hat dieses Jahr das noch nicht bemerkt. Eigentlich sollte es warm sein. Zumindest ein bisschen.

Handbekleidung

Ich stand kurz draußen, haderte mit den Temperaturen an meinen Fingern. Es war nicht wirklich kalt, ich weiß aber, dass „nicht wirklich kalt” im Fahrtwind schnell zu „unangenehm kühl” wird. Also ging ich wieder ins Haus und kramte aus einer Schublade Handschuhe heraus. Ja, ich bin heute mit Handschuhen gefahren. Ich habe Fingerhandschuhe unter meine normalen fingerlosen Handschuhe gezogen, die ich zum Schutz der Hände beim Auf-die-Nase-Fallen nutze.

Handschuh Handschuh

Aber ernsthaft — ich wusste nur, wo die liegen, weil ich beim Klamottenausmisten vor ein paar Tagen die in den Fingern hatte.

Kontobewegungen

Es ging heute nach Ebstorf im Südosten von Lüneburg. Am Ende standen nach fast zweieinhalb Stunden etwas über 66 km und über 1550 kcal auf der Uhr. Ich hatte diesen Bereich bisher immer ein wenig ausgeklammert, weil die Fahrzeit in der Gegend recht schwer voraussehbar ist. Sie ist ziemlich uneben. Man kann dort zwar mit über 50 km/h die Steigungen runterfahren, weil es dort recht langgezogene Gefälle ohne Querstraßen gibt, aber man muss sich diese Gunst der Topographie vorher erkaufen.

Radfahren ist ja irgendwie wie Einzahlungen und Auszahlungen auf ein Konto mit potenzieller Energie. Hügel hoch — einzahlen. Hügel runter — abbuchen. Und die Gegend dort ist reich an Kontobewegungen. Alles nicht wirklich wild, aber wenn man morgens ein Zeitbudget von drei Stunden für seine Fahrt hat, kommt man da nicht wirklich weit. Und viel zu fotografieren gibt es da leider auch nicht. So furchtbar interessant ist die Gegend da optisch nicht. Es war mehr oder minder eine Fahrt, um wieder Explorer-Tiles einzusammeln.

Feld Feldweg

Höchstens ein paar Mohnblumen am Rand. Das riesige Mohnblumenfeld bei Bardenhagen, das ich letztes Jahr fotografiert habe, ist durch ein Kornblumenfeld ersetzt worden, das bei Weitem nicht so beeindruckend schön aussieht. Nur noch vereinzelte rote Tupfer durchbrechen das Blau. Diese roten Tupfer führen meine Gedanken allerdings immer in eine ganz andere, gedankliche Ecke.

Die Mohnblumen erinnern mich dann immer an das Gedicht “In den Feldern von Flandern”. Dieses Gedicht ist der Grund, warum in Großbritannien viele Personen, insbesondere des öffentlichen Lebens, zu bestimmten Zeiten eine rote Papiermohnblume tragen. Als ich einmal schräg dafür angeguckt wurde, woher ich das mit den roten Blumen am Revers wusste und das Gedicht kannte, konnte ich nur sagen “Peanuts”. Ich wusste das durch die Peanuts.

Mohn Mohnblume

Geschichte

Lüneburg hat viele Orte, die geschichtsträchtig sind. Ein Ort, über den ich schon im Fediverse was geschrieben hatte, da ich aber alles dort gelöscht habe, will ich hier das noch mal wiederholen: Ein wichtiger Schritt in der formalen Beendigung des Zweiten Weltkriegs fand in der Nähe von Lüneburg statt. Nahe Lüneburg liegt der Ort Wendisch Evern, nahe dieses Ortes in Richtung Deutsch Evern liegt der Timeloberg. Auf diesem wurde am 4. Mai 1945 die Teilkapitulation für Nordwestdeutschland, Dänemark und die Niederlande unterschrieben. Der genaue Ort ist heute auf dem nahegelegenen Truppenübungsplatz nicht erreichbar. Feldmarschall Montgomery hatte damals dort ein Feldlager eingerichtet. Was man aber erreichen kann, ist dieser Stein in der Nähe, der an diesen Moment erinnern soll.

Timeloberg Gedenkstein

Da steht man dann so, denkt an die Wahlergebnisse und denkt, dass es dringend Zeit wäre, dass man einigen Leuten wahrscheinlich wieder ganz deutlich klarmachen muss, in welche Katastrophe uns Ausgrenzung, Nationalismus und Faschismus geführt haben.

Lüneburg hat einige dieser Orte, die dafür geeignet wären, zu zeigen, wozu Menschen in der Lage sind: Die Erinnerungsorte sind verschiedener Natur. Das Kriegsgräberdenkmal im Tiergarten, über das ich bald auch mal etwas schreiben werde. Es liegt mitten im Wald. Eigentlich wunderschön gelegen. Aber es ist eine sehr dunkle Geschichte. Denn diese ist einfach nur erschütternd und beileibe kein Ruhmesblatt für die Stadt.

Heinrich Himmler hat sich in Lüneburg in der Uelzener Straße durch Suizid seiner Bestrafung für die Verantwortung am Massenmord entzogen. Im psychiatrischen Krankenhaus Lüneburg existiert eine Gedenkstätte zur “Euthanasie” in diesem Krankenhaus, durch die dort nicht wenige Menschen ermordet wurden. Andere Orte wie die alte MTV-Turnhalle, in der der Bergen-Belsen-Prozess stattgefunden hat, stehen heute nicht mehr.

Abschluss

Der Peanuts-Film, den ich in meiner Kindheit gesehen hatte, war übrigens “Was haben wir gelernt, Charlie Brown?”. Das, Linus, das ist in der Tat zunehmend eine sehr gute Frage.

Written by

Joerg Moellenkamp

Avid bicyclist, likes california, dreams to combine both.