Mein Gemüt will momentan einfach raus. Das Wetter ist entgegen meiner Erwartung einfach viel zu gut, um indoor zu fahren. Auch wenn es wahrscheinlich nicht gut ist fürs Knie. Aber momentan hält es. Ich will raus. Ich bin heute Morgen wieder aufs Rad gestiegen. Es wurden 77 km mit knapp 500 Höhenmetern. Zeitlich hat auch ganz gut hingehauen. Meine Planung für die Radreise hätte also ganz gut geklappt.

Allerdings gilt es jetzt einen Warnschuss zu verdauen.

Großes Glück

Dieser Teil des Textes ist nachträglich entstanden. Ich habe gerade mein Rad für die nächste Fahrt vorbereitet. Würde ich Alkohol trinken, würde ich mir glaube ich jetzt erst einmal einen genehmigen.

Ich möchte euch am Anfang eine Empfehlung geben. Leute! Achtet peinlich genau auf Drehmomente, nicht zu wenig, nicht zu viel. Kontrolliert regelmäßig euer Equipment. Tauscht stärker belastete Teile auch mal aus. Denn sonst passiert so was.

Sattelbruch WTF?

Was ihr da seht? Eine durchgebrochene Sattelstrebe. Eine zweite angebrochene Sattelstrebe. Reststärke sind Millimeter — wenige Millimeter. Wurde vielleicht noch von 2 Millimetern Material gehalten — mein Hintern wurde von 2 Millimetern Alu auf dem Rad gehalten. Und nein, das ist nicht angesägt.

Ich hab den Sattel (der zugegebenermaßen auch jetzt seine 60.000 km runter hat) mehr nach Gefühl auf die Schnelle aufs Rad gebaut, weil ich vor der geplanten Abfahrt auf die Radreise in Eile war. Wollte das noch mit dem Drehmomentschlüssel nachziehen. Habe ich anscheinend nicht mehr gemacht. Ich sollte mir angewöhnen, mit Drehmoment angezogene Schrauben mit Schraubenlack anzupunkten.

Wenn man an das Konzept von Schicksal glaubt, könnte man auf die Idee kommen, dass der ganze Mist mit der fehlgeschlagenen Abreise zur Radreise — all die Dinge, die schiefgingen, bevor ich mich schlussendlich entschieden habe, nicht zu fahren — mir etwas zeigen wollte. Und mich das hier gerettet hat.

Oder was ich eher glaube: Ich habe gottverdammtes Glück gehabt, dass die zweite Sattelstrebe noch gehalten hat. Sarah Connor (die aus Terminator) hatte ja den Leitspruch “There’s no fate but what we make for ourselves”. Und für das, was man für sich selbst macht, ist man selbst verantwortlich. Man ist selbst dafür verantwortlich, was passiert, und auch wenn es äußere Faktoren gibt, die alles schwerer oder leichter machen, ist man der Einzige, den man in den Hintern treten kann, wenn was passiert, was man im Leben verreißt, selbst wenn Verreißen keine Option ist.

Hier habe ich einfach Glück gehabt, gerade noch rechtzeitig unter den Sattel geguckt zu haben, und ich habe Glück gehabt, dass ich das gesehen habe beim Schraubennachziehen.

Und nun sitze ich hier mit einem großen WTF in den Augen! Ich mag mir gerade nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn mir das auf einer ganz bestimmten Etappe passiert wäre. So bei 50+ km/h einen Berg runter. Mit Kurven. Einen wirklichen Berg. Nicht das, was hier so genannt wird. Das hatte ich nämlich unter anderem geplant für die Radreise. Verdammt.

Ich habe gerade einen Reservesattel aufs Rad geschraubt. Ich vermute aber, ich werde die ganze Sattelstütze tauschen. So richtig vertrauenswürdig finde ich das nicht mehr.

Uelzener Wein

Okay, zurück zur Fahrt: Uelzen ist nicht gerade der Nabel der Welt. Der ganze Landkreis Uelzen ist das nicht. Eher wenig besiedelt. Für einige wenige Wochen war Uelzen während der Pandemie sogar jener Landkreis, in dem das Seuchengeschehen fast nicht existent war. Die Pandemie sollte nicht viel später mit Wucht zuschlagen. Aber in diesen wenigen Wochen der Ruhe erschien es mir fast so, als ob die eher spärliche Bevölkerung des Landkreises dem Virus keinen Boden bot, den es zum Verwurzeln braucht. Es sieht wirklich in weiten Teilen des Landkreises einfach nur leer aus.

Leere So sieht es wirklich — wie ich finde — im Landkreis Uelzen aus

Boden und Wurzeln ist im Landkreis Uelzen ohnehin ein Stichwort. Ist alles sehr agrarisch geprägt. Das merkt man dieser Gegend bei vielen Dingen an. Selbst den Bundesstraßen, die hier teilweise einen anderen Querschnitt haben als anderswo, weil die Traktoren mit den Zuckerrüben irgendwie nach Uelzen kommen mussten und Bundesstraßen normalen Querschnitts dafür ungeeignet oder zumindest schwierig waren. Zumindest wurde mir das mal erzählt und ich meine mich ganz eben daran erinnern zu können, dass ich das auch mal gelesen habe. Aber fragt mich mal wo.

Das wiederum führte zu dem Problem, dass manche Straßen hier so breit waren, dass sich manche Menschen, wenn LKWs freundlicherweise Platz gemacht hatten (gab es ja genug), anschickten, zu zweit dort zu überholen. In entgegengesetzter Richtung und leider auch mit den entsprechenden Aufprallgeschwindigkeiten. Man hat das Problem mit Seitenbegrenzungen gelöst, die wahrscheinlich zu den meistausgetauschten Norddeutschlands gehören, denn aus Sicht des unaufmerksamen Automobilisten stehen die mitten auf der Straße. Damit wurde der Straßenquerschnitt dann deutlich reduziert. Bis zur nächsten Möglichkeit, einen Rüben-LKW zu überholen, muss man dafür jetzt länger warten.

Also Agrar kennt man hier. Trotzdem war ich ein wenig verwundert, heute vor einem Weinfeld zu stehen. Ein Weinberg war es nicht — dazu ist die Gegend zu flach. Ich frag mich, was hier wächst. Uelzener Nacktarsch? Himberger Riesling? Groß Thondorfer Spätburgunder? Keine Ahnung.

Wein Ja, das ist Wein …

Mitten in der Pampa also Wein. Aber warum eigentlich nicht? Vielleicht ist das nur der sehr frühe Versuch, sich auf die Klimakrise einzustellen. Ich sag es euch — in 30 Jahren wird die Lüneburger Heide nicht nur für Kartoffeln und eben Heide bekannt sein, sondern auch eine Weingegend werden. Man wird sich touristisch hier eh etwas einfallen lassen müssen, auf „Rote Rosen” wird man sich hier nicht ewig verlassen können. Apropos — als ich vorhin bei meinen Eltern auf einen Kaffee war, kam allerdings nur der Kommentar „Is nix Neues — eine der Figuren in Rote Rosen hat nen Weinberg”. Na toll. Vielleicht sollte ich mehr Soaps gucken. Dann weiß ich wenigstens, was hier so passiert.

Zu früh aufgehört

Ich glaube, ich habe auf Facebook schon öfter dieses Motivationsbildchen gesehen, bei dem eine Zeichentrickfigur einen langen Tunnel gräbt, aber kurz vorm Schatz aufgibt. Mir ist heute wieder mal was Ähnliches passiert. Der Gedanke kam mir heute.

Ich kann es nicht mal darauf schieben, dass vielleicht das GPS ungenau ist. Der Garmin Edge 1040 steht im Ruf, einer der genauesten GPS Bikecomputer zu sein. Er nimmt die Signale von allen verfügbaren Navigationssatellitenkonstellationen. Außerdem — beim Blick auf die Karte und das Satellitenbild war der erste Gedanke: „Ach verdammt, kommt hin —”

Was kommt hin? Wie ihr wisst, ist ein Teil dessen, dass ich mich jeden Tag aufs Rad setze — wenn es geht —, dass ich mir ein Ziel setze. Beispielsweise eben die schon mal in einem anderen Blogartikel genannten Explorertiles zu sammeln. Das sind 1×1 km große Kacheln, die über die Erdoberfläche verteilt sind. Hat man diese Kachel betreten, ist sie gesammelt. Nun ja — damit sie als betreten zählt, braucht man einen GPS-Track, der eine Koordinate in diesem Tile beinhaltet.

Ach mist ... Einen Hauch zu früh umgedreht

Ärgerlicherweise habe ich die Tile nicht betreten. Ich habe sie verpasst — um vielleicht verfluchte 2 Meter. Muss ich da noch mal hin. Und ich muss vielleicht auch hier mal den Kartenlayer aufspielen, der die Kanten der noch nicht gesammelten Tiles darstellt. Aber ich wollte eh morgen durch die Göhrde (ja, die mit der Schlacht und dem Mörder), also ist das nicht ganz so schlimm. Trotzdem, muss ich noch mal an dem Haus mit dem kläffenden Hund vorbei.

Aufstocken

Ich hab ja schon einen „doofen” Kommentar bekommen, dass ich jetzt auch beim E-Bike angelangt bin und mich anscheinend nunmehr „das Alter” auch erreicht hat. Naja — nicht ganz. Ich fahre das Rad nicht so, dass ich mich auf den Sattel setze und dann „tüddelü” einfach mich vom Motor die Erhebung (mir wurde beschieden, dass das hier in der Gegend alles keine Berge sind und der geschätzte Mensch hat relativ gesehen eben ausdrücklich recht) hochziehen lasse.

240 Watt 240 Watt …

Ich bin, was das angeht, sozusagen Aufstocker. Die 240 Watt bin ich. Woher ich das weiß? Damit das Fahrrad sehr fein Leistung hinzugeben kann, hat es ein eingebautes Powermeter, um die Leistung zu messen, die ich in das System gebe. Um dementsprechend dosiert den Motor hinzuzugeben. Dadurch wird dieses „Mofa”-Feeling von manchen E-Bikes vermieden, die das ggf. nur über einen Magneten am Rad lösen. Das System stockt im Rahmen der Konfigurationsparameter dann auf, bis man 25 km/h erreicht hat. Gegebenenfalls. Ich versuche immer, ohne Motor über 25 km/h zu bleiben. Spart Akku.

Vereinfacht gesagt: Ich arbeite auf dem Rad noch selber — und zwar nicht zu knapp — hier wird noch selbst pedaliert. Halt nur ein bisschen dazugegeben.

Veräppelt und erschrocken

Der Herr, der mich am Ende der heutigen Fahrt ansprach, guckte etwas verständnislos und kam sich sichtlich veralbert vor. Ich antwortete auf die Frage, warum mein Rad fortwährend piepsen würde (was mich selber stark nervte): „Heckseitiges Radar im Rücklicht eingebaut. Mein Radcomputer warnt mich vor Autos, die von hinten auf mich zufahren.” Ist aber wirklich so. Aber mein „Wirklich so” erschien nicht so wirklich überzeugend. Ist aber wirklich wirklich so.

Wenn ein Auto kommt, piepst es — wenn es keine Gefahr mehr darstellt, piepst es auch.

Das Radar stellt in Abhängigkeit der Annäherungsgeschwindigkeit die Warnung anders dar. Je schneller, desto rot. Daher übermittelt das Radar dem Rechner die Geschwindigkeit (vermutlich die Relativgeschwindigkeit, aber der Bikecomputer kennt ja die Eigengeschwindigkeit).

166 km/h 166 km/h ???

Und diese Warnung ist auch bitter nötig, wenn man über die Landes- und Bundesstraßen der Gegend fährt. Ich weiß nicht, wie präzise die Messung ist, aber dieses Exemplar fühlte sich wirklich so an. Lasst es 20 km/h weniger gewesen sein. Ich war in dem Moment recht froh, dass es dort einen Fahrradweg gab, den ich auch benutzt habe. So waren es ein Meter mehr, der mich von diesem Auto getrennt hat.

Abschluss

Ich werde mal jetzt so langsam anfangen, diesen Tag zu beschließen. Reicht auch für heute. Echt. Bis bald!

Written by

Joerg Moellenkamp

Avid bicyclist, likes california, dreams to combine both.