Exkurs zu Der Tag, an dem mein Herz stillstand - Teil 7 (Lesezeit: 8 Min.)
Ich schrieb gerade, dass man in die Manschette des Blutdruckgeräts einen Krtek stopfen kann. Aber was zum Henker ist ein Krtek???
Das erste Mal danach wieder über Nacht auf Dienstreise zu gehen, hat mich Überwindung gekostet. Sehr viel Überwindung. Zuvor hatte ich es immer geschafft, die Dienstreisen so zu organisieren, dass ich nicht übernachten musste. Das ließ sich allerdings nicht dauerhaft durchhalten.
Aber ich hatte Hilfe: Ich hatte einen Glücksbringer dabei. Ich weiß gar nicht, ob ich diese Geschichte erzählen soll, ich werde sie hier aber trotzdem mal zum Besten geben. Auch auf die Gefahr hin, dass ihr mit einem großen „Häh? Der Typ ist doch über 50?” auf den Bildschirm guckt. Das Ganze fing eigentlich mit einem Spaß an, den ich mir gemacht habe, kurz nachdem Krtek zu mir gekommen war.
Ich habe 2016 von den Kindern der Schwester meiner damaligen Lebenspartnerin ein Plüschtier geschenkt bekommen. Einen kleinen Krtek. Den Maulwurf, den hier in Deutschland die meisten Menschen aus der Sendung mit der Maus kennen. Und da ich die Sendung mit der Maus gerne geguckt habe (und die Sachgeschichten immer noch gerne gucke), ist Krtek Teil meiner Vergangenheit. Krtek ist ein sehr weit gereister Maulwurf. Zum Beispiel hier ein Foto aus 2016 in einem A380 der British Airways Richtung San Francisco. Es gibt auch einige Fotos von ihm aus 2017 vor dem Uhrenturm am Oracle Campus in Santa Clara (ich hoffe, kein Kollege hat mich damals gesehen, als ich das Foto gemacht habe).

Und ja, ich weiß … ein Stofftier an allen möglichen Orten der Welt zu fotografieren, ist aus „Die fabelhafte Welt der Amélie” gestohlen. Einem Film, den ich ziemlich mag. Man merkt, dass der Film vor September 2001 (er erschien im August 2001) gedreht worden ist. Einen Gartenzwerg würde man wahrscheinlich heute nicht mehr ins Gepäck packen dürfen. Erst recht nicht ins Handgepäck. So von wegen spitze Zipfelmütze. Aber mit diesen Fotos nahm das Mitnehmen des Maulwurfs seinen Anfang.
Krtek war eigentlich immer in der Innentasche meines Rucksacks. Bis auf zwei Reisen, seitdem ich ihn erhalten habe. Sonst war er immer mit auf jedweder signifikant weiteren Fahrt. Die erste Ausnahme: jene Dienstreise nach Koblenz. Ich war ohne Rucksack unterwegs, sondern nur mit meinem Rollkoffer. Und so war Krtek zu Hause geblieben. Und ihr wisst ja, was da passiert ist.
Ich drehe mittlerweile sogar um, wenn ich merke, dass ich ihn vergessen habe. Ich gucke meist, wenn ich in Lüneburg auf der B4 bin, noch mal nach (oder kurz bevor ich auf die A7 gefahren bin, als ich das Jahr in Hamburg gewohnt habe), ob ich ihn wirklich eingepackt habe.
Ich habe ihn danach nur einmal versehentlich wieder zu Hause gelassen. Dieses zweite Vergessen des Maulwurfs habe ich ebenso bereut: Es war eine längere Fahrt 2023. Bei der Fahrt kokelte es in meiner Heckklappe, weil der Schlauch für den Heckwischer undicht war und dieser seinen Inhalt auf die Kennzeichenleuchte träufelte. Erkannt habe ich das erst, als an meiner Heckklappe ein völlig trockener Fleck an einem sonst nassen Auto zu sehen war. Zudem wies dieser Fleck eine erheblich erhöhte Temperatur auf, als ich das Blech dort anfasste. Es war so heiß, dass ich meine Hand zurückziehen musste. Ich war ziemlich schockiert, und das hat man mir auch angemerkt.
Ich hatte noch Wochen später einen Anflug von Kopfschmerzen nach der Fahrt. Die Gase waren sicherlich nicht gesund, und am Inneren des Blechs befanden sich Rußspuren. Ich bin damals in jener Stadt, in der ich war, zum VW-Händler gefahren. Man konnte nichts anderes machen, als die Kennzeichenleuchte aus dem Stecker auszupinnen und mich damit nach Lüneburg zu schicken. Man hatte dieses Phänomen dort auch noch nicht gesehen. Anscheinend gibt es da auch keine Sicherungen. Ich fuhr dann etwa 700 km mit geöffneten Fenstern zurück nach Hamburg.
In der Folge nutzte ich danach für geraume Zeit einen Werkstattwagen, weil auch VW dieses Problem ungewöhnlich fand und die Situation untersucht werden musste. Ich hatte erst nach der Fahrt gemerkt, dass mein Maulwurf zu Hause auf dem Schreibtisch geblieben war. Klar, dass auf der Fahrt irgendetwas passieren musste.
Er teilt sich mittlerweile den Job mit einem Plüschhamburger, den ich zu meinem fünfzigsten Geburtstag geschenkt bekommen habe, und einem kleinen Ottifanten, den ich letztes Jahr im Emder Otto-Hus erstanden habe, als ich meine Radtour in jener Stadt begann.
Ich werde älter. Auf mich aufzupassen, ist zunehmend ein 24/7-Job. Um eine 24/7-Abdeckung hinzubekommen, braucht man eigentlich fünf Leute. Drei für die Abdeckung 24/7, eine Person krank, eine Person im Urlaub. Aber Plüschtiere werden weder krank noch haben sie Urlaub. Sie sind einfach da. Deswegen reichen drei. Sie sitzen mittlerweile wieder bei mir oben auf meiner Schreibtischlampe, die ich mir letztes Jahr gekauft habe. Gerade begleitet von einer Plüschtanne. Ist schließlich bald Weihnachten. Eine Plüschtanne nadelt weniger als eine echte Tanne. Und ich hasse Kunsttannen.
Ich habe auch bei der Operation im Jahr 2025, von der ich noch berichten werde, Unterstützung dabeigehabt: Ich dachte, die OP rechtfertigt höheren Personaleinsatz. Also hatten Hamburger und Maulwurf Dienst im Krankenhaus. Der Ottifant passte auf die Lampe und meinen Schreibtisch auf. Den Ottifanten habe ich erst letztes Jahr gekauft. Er war noch in Glücksbringerausbildung. Da wollte ich nicht gleich mit der OP anfangen.
Mal im Ernst: Aus irgendeinem Grund (ich kenne ihn, aber ich behalte ihn für mich. Sorry.) sind es bei mir kleine Plüschtiere geworden, aber ich kenne viele Leute, die Gegenstände haben, die eine sehr große Bedeutung für sie besitzen und die sie bei besonderen Situationen dabeihaben. Eine entfernte Bekannte erzählte mir mal, dass sie den Füller ihrer Großmutter bei jedem wichtigen beruflichen Termin mitnimmt. Sie benutzt ihn nicht. Sie hat ihn nur dabei.
Okay, Füller klingt jetzt etwas distinguierter als ein Stoffmaulwurf. Aber hier bin ich auch der Meinung: Whatever floats your boat. Diese Gegenstände sind Artefakte, die einen mit wichtigen Punkten in der eigenen Biografie verbinden, die einen mit dem eigenen Leben verbinden. Wir nennen sie Talisman, aber eigentlich sind es Ankerpunkte, die einen an das Gute und das Schöne im Leben erinnern. Sie bringen sicherlich kein Glück. Sie bringen Erinnerung. Und das hilft in vielen Situationen. Auch wenn es nur ein Lächeln ist, das sie hervorzaubern. Es ist nicht der Maulwurf oder der Hamburger. Es ist der Gedanke daran, was man damit verbindet, wie man ihn erhalten hat. Dahinter stecken immer Verbindungen zu anderen Menschen, Verbindungen zu Momenten, besseren Zeiten. Und die helfen, wenn man gerade in einem Krankenhaus liegt, wenn … ja … wenn Kabel und Schläuche aus einem herausgucken.
Es ist auch gleichzeitig ein Ritual. Alles ist vorbereitet. Nur noch den Maulwurf einpacken. Jetzt geht es los. Egal, was passiert, man ist darauf vorbereitet. Weil man sogar an den Maulwurf gedacht hat. Auch wenn man manchmal trotzdem vergisst, die Duschgelflasche richtig zu verschließen. Ich bin seitdem echt dankbar für die Erfindung des ZIP-Beutels. Fragt nicht, woher ich das weiß.
Ich weiß auch, dass es purer Zufall ist, dass dieser Mist ausgerechnet bei den Fahrten passiert ist, bei denen der Maulwurf vergessen wurde und nicht mitgefahren ist. Wahrscheinlich erinnere ich mich auch nicht mehr an den Mist, der auf anderen Fahrten passiert ist. Wobei im Krankenhaus in Koblenz zu landen und eine angekokelte Heckklappe sich schon deutlich vom normalen Mist abheben, sodass ich von der Wirkung von Krtek überzeugt bin.
Warum ich davon schreibe, obwohl das zugegebenermaßen etwas merkwürdig klingen mag für einen Menschen meines Alters? Ich musste kürzlich im Krankenhaus auf eine Nachuntersuchung warten. Eine ältere Dame wurde an mir vorbeigefahren. Mit einem Stofftier, das am oberen Ende des Betts lag. Ich vermute, von einem Enkel mitgegeben. So unüblich scheint das also nicht zu sein.