Exkurs zu Der Tag, an dem mein Herz stillstand - Teil 3 (Lesezeit: 4 Min.)
Etwa 30 Jahre zuvor. Ein Brief des Kreiswehrersatzamtes. Ich möge mich doch bitte an einem bestimmten Tag in einer bestimmten Kaserne – die heute nicht mehr existiert – einfinden. Ich möge anfangen, meinen Wehrdienst abzuleisten. Mein sorgfältig aufgebautes Portfolio aus Befunden reichte anscheinend nicht aus, damit trotz festgestellter eingeschränkter Tauglichkeit die Bundeswehr davon absah, mich zum Dienst „einzuladen”.
Ich muss auch hier zugeben: Ich wollte weder zur Bundeswehr noch Zivildienst machen, und es könnte sogar sein, dass ich damals Dinge als Befunde mitgebracht habe, die teilweise relevant waren, aber teilweise auch den pathologischen Wert abstehender Ohren hatten. Aber halt gut klangen. Ertränkt sie in Daten. Leider wussten wohl auch die Ärzte im Kreiswehrersatzamt um den Wert vieler dieser Diagnosen. Sie ließen sich auf jeden Fall nicht blenden. Ich war sicherlich nicht der Erste, der das versucht hat.
Dafür, dass ich eigentlich nicht zur Truppe wollte, lief es auch hier nicht nach Plan: Am Ende sollte ich sogar länger, nämlich zwei Jahre, bei der Bundeswehr bleiben. Ich bekam einen Orden („Ehrenmedaille der Bundeswehr”). Ich wurde nach sieben Monaten zum Hauptgefreiten befördert. Ich hatte mir überlegt, wenn ich schon mal hier bin, dann kann ich die Zeit auch irgendwie nutzen. Aber nach dieser Zeit reichte mir das dann auch. Länger hätte ich nicht bleiben wollen.
Meine Erfahrung hatte allerdings wenig mit der regulären Bundeswehr zu tun, die man sich als Wehrpflichtiger vorstellt. Zumindest entnehme ich das den Gesprächen, die ich später mit Freunden geführt habe, die ein völlig anderes Erlebnis während ihres Wehrdienstes hatten. Ich war auf Divisions- und Korpsebene eingesetzt. Vielleicht ließ das die Verlängerung wünschenswerter erscheinen als bei einer eher normalen Bundeswehr-Erfahrung. Ich tat etwas, das ich heute als eine Mischung aus Nutzersupport und Administration bezeichnen würde. Tage in Grün waren eher dünn gesät. Ich war jung und wollte dann doch das Geld.
Was ich zum Teil dazu nutzte, um mir einen wirklich anständigen Rechner für die Zeit zu kaufen, auf dem ich erste Erfahrungen mit Linux sammelte. Eigentlich habe ich die Zeit gut genutzt, wenn ich so recht darüber nachdenke. Jaaha, ich hatte Linux schon in den Fingern, als manche Leute, die mich heute am ehesten im Museum verorten würden wegen meiner Solaris-Kenntnisse, noch nicht einmal geplant waren. Und ich komme mir gerade noch älter vor, als ich bin.
Ich habe jene Zeit auch dazu genutzt, für mich festzulegen, was ich wirklich mit meinem Leben machen wollte. Ich habe mich damals entschieden, dass ich beruflich so wenig wie möglich mit Computern zu tun haben will. Computer als Hobby erschienen mir okay. Als Beruf eher nicht.
Das ist jetzt um und bei 30 Jahre her. Und was soll ich sagen: Das hat seeeeeehr gut funktioniert. Wenn du das Universum lachen hören willst, mache einen Plan. Hatten wir schon im letzten Teil.
Als ich also damals den Brief vom Amt bekam, wollte ich ihn auch nicht öffnen. Das mag bei allen Dingen, die später noch passiert sind, eher nichtig und klein erscheinen. Ja, aus irgendeinem Grund hat sich Reinhard Mey in meine Schreib-Playlist geschummelt. Aber ich mag das Lied.
Aber man muss das aus der Perspektive eines Menschen um die 20 sehen. Da ist dieser Brief disruptiv. Insbesondere wenn man gerade angefangen hat zu studieren.
In jenem Umschlag konnte nur eine Sache sein. Mein Bescheid über das Musterungsergebnis war längst rechtskräftig geworden. Ich hielt es für sehr unwahrscheinlich, dass da ein Brief drin war, so nach dem Motto: „Ach, wissen Sie was, Herr Möllenkamp, wir haben uns geirrt, Sie sind doch untauglich. Wir wünschen Ihnen ein schönes Restleben!”
Warum erzähle ich euch diesen Schwank aus meinem frühen Erwachsenenleben? Am Ende hat sich trotz des Unwillens, den Brief wahrzunehmen, alles gefügt. Zu lesen, dass mir für das nächste Jahr die Entscheidungsgewalt über mein Leben ein Stück weit entzogen würde, war damals aber ein ziemlicher Schlag für mich.
Trotzdem war die Zeit in der Folge bedeutsam für mich. Nur total anders als geplant. Es war halt okay. Auf seine eigene verdrehte Art und Weise war alles, was folgte, eben auch Konsequenz dieses Briefes. Und auch da möchte ich behaupten, es hat sich alles einigermaßen gefügt.