Wann immer eine neue Technologie auftaucht, ist es mittlerweile Usus, diesen zum Grund für den Untergang der Zivilisation hochzustilisieren.
Insbesondere wir Deutschen können das gut. Wenn es Deutsche schon zur Zeit der Dinosaurier gegeben hätte, würden wir immer noch als Nagetiere in Löchern leben und eine Enquete-Kommission zur Folgenabschätzung der Evolution wäre immer noch nicht in der Frage weitergekommen, ob man sich mal in Richtung Affe aufmachen sollte.
Ich glaube das ist eine Art Komplex, die einer technischen oder kulturellen Avantgarde innewohnt, die sehen, das eine Kulturtechnik den Weg in den Massenmarkt nimmt und jede neue Entwicklung, die die Gruppe der Rezipienten vergroessert, als Menetekel einer kulturellen Gefahr sieht, eben einem Menetekel-Komplex.
Wir sind da wahrscheinlich die Mönche eines technologischen Glaubens, die wie beim Buchdruck glauben, das die massenhafte Verfügbarkeit von einem kulturellen Gegenstand diesen letztlich entwertet und am Ende zum Zusammenbruch der Zivilisation führt. Bisher hat sich aber eigentlich immer gezeigt, das das Gegenteil der Fall war.
Darauf will ich aber gar nicht jetzt abheben. Es geht mir darum, das es nicht möglich ist, einfach auch mal eine technisches Produkt gut zu finden, Anwendungszwecke genauso zu sehen wie die Schwächen des Produktes und auch einfach mal das Risiko einzugehen, das man etwas in den Sand setzt. Ich weiss, das Menschen unterschiedlich freudig in der Adaption von Technologie sind: Als Beispiel ... es gibt Kollegen bei uns, die ein Produkt am liebsten erst ab Version 3.1 einsetzen würden, genauso wie es Kollegen gibt, die sich auf jede neue Entwicklung stürzen, oftmals sich die eine oder andere Beule holen, aber am Ende viel gelernt haben und wieder ein Stück weiter gekommen sind.
Es muss beide Gruppen geben. Allerdings habe ich den Eindruck, das oftmals erstere Kategorie sehr viel mehr Mindshare bekommt, als ihr eigentlich zusteht. In technikaffinen Publikationen ist der Mindshare etwas kleiner als in den Publikationen, die ihren Ursprung im Bedrucken toter Bäume haben, aber die Situation ist im Groben die gleiche.
Ich möchte hier als Spekulation einwerfen, das sich das schlecht reden, das menetekelisieren einer Situation sich wahrscheinlich einfach besser verkauft, als sich offen mit den Schwächen und Stärken einer Technik auseinanderzusetzen.
Wie ich darauf komme? Ich habe eben den Artikel
"Das iPad ist nur eine Fernbedienung" von Jörg Kantel(dem
Schockwellenreiter) gelesen. Wenn man den Artikel so liesst, mag man Glauben, das das iPad das Ende des Internets ist, sich ein frühes iPad gar als Hemmschuh der Entwicklung des Internets dargestellt hat. Ja, es ist schlimm, das der iTunes Store Applikationen und wahrscheinlich auch Publikationen mit DRM versehen wird. Die Frage ist nur, ob das ausserhalb der Elfenbeintürme der Wissenschaft oder des Nerdismus wirklich relevant ist.
Was mir so völlig in diesem Artikel fehlt, ist die Betrachtung dessen, was das iPad bringen kann, nämlich endlich einen Schritt zu einem Gerät, das wirklich allen Menschen ungeachtet ihrer Technikaffinität den Weg ins Netz öffnet.
Wir als Digital Natives haben uns so an Maus und Tastatur gewöhnt, an Befehlssequenzen, die dem Grunde nach nicht unserem Wesen entsprechen, das wir nicht merken, das wir zwar versuchen mit DRM, Open Access und Schlag-mich-Tod-AntiKommerz-imNetz vergessen, das wir es immer noch nicht geschafft haben, eine andere Schranke, eine anderes Rights Management niederzureissen, naemlich jene Beschränkung der Rechte einzelner, in dem wir immer noch mit Bedienkonzepten arbeiten, die nicht allen Menschen unmittelbar eingängig sind.
Man mag von Apple halten was man will, aber durch diese Firma ist die Wiederentdeckung der Kulturtechnik des Zeigens und Berührens, des Manipulieren durch der Finger Bewegung Teil des elektronischen Massenmarkt getrieben worden. Noch vor 2-3 Jahren war es ein Zeichen technologischen Analphabetismus, wenn man auf dem Display die Schmierspuren eines Fingers vorfand, heute aergert man sich darüber, wenn ein Display mal nicht auf die Gesten reagiert.
Ich denke, wir müssen uns bewusst machen, das die Einführung des Multitouchs eine der grossen integrativen Erfindungen der letzten Jahre ist. Es ist jene Entwicklung, die den Computer wirklich für jeden verfügbar macht, der über eine Hand verfügt, einfach in dem aus den widernatuerlichen Befehlen natürliche Gesten werden. Zoom/mit Cursortasten Rahmen verschieben/plus oder minus erscheint mir steinzeitlich gegenüber dem Zeigen und des Auseinanderziehens von Fingern, um etwas zu vergroessern.
Was ist nun das iPad? Es ist mit Sicherheit nicht eine Maschine maximaler Freiheit. Oder sagen wir es so ... sie ist im Auslieferungzustand kein System maximaler Freiheit, denn wenn ich eines gelernt habe, ist bisher jedes Gerät, das genügend Interesse erzeugt, in einen solchen Zustand versetzt worden, DBoxen wurde gehackt, weil die Software nichts taugte, iPhones wurden gejailbreaked und ich bin mir sicher, das der Trieb nach Anerkennung und Erkenntnis auch das iPad eher früher als später in einen solchen Zustand versetzen wird.
Das iPad ist eine Maschine, die es ermöglicht, einfach mit dem Internet umzugehen, überall wo ich es möchte. Auch für Menschen, die sich nicht mit dessen Eigenarten beschäftigen wollen oder geistig dazu nicht in der Lage sind. So hart es ist, die Glockenkurve ist Realität. Auch wenn aus unserer Perspektive der technischen Avantgarde zu glauben meinen, das es nur die aeusseren, rechten 10% gibt. Das ist aber ein Irrglaube, das hat nur damit zu tun, das wir sehr selektierte Peer Groups haben. Auf jedes Genie im Umgang mit den neuen Medien, den neuen Möglichkeiten gibt es eine herausgeforderte Person, der diese Begabung nicht im Ansatz besitzt. Und es gibt die Mitte dazwischen.
Ich möchte auch zu bedenken geben, das der PC von heute eine völlige Fehlentwicklung ist. Riesige Botnetze, regalweise "1000 Tipps für Windows" stellen ein Monument dafür dar, das die meisten Menschen schlicht überfordert sind mit den Geräten, die wir heute als Eingangsportal ins Internet verwenden. Vielleicht kann man überspitzt sagen, das nicht die Geschlossenheit des Systems Apple, sondern die Offenheit des Systems PC ein Fehler ist. Wo jeder ohne Einschränkungen, ohne Kontrolle durch Wissende Programme installieren kann, ist der Weg ins Botnet ein sehr kurzer.
Wir muessen damit leben, das zwar ein Grossteil glaubt, das sie ein Terrorist sie umbringen wird, aber nicht glaubt, das sich hinter der 1000sten Mail, die einen Lotto-Gewinn oder ein Bild einer wenig bekleideten Prominenten verheisst, wieder nur der 1000ste Versuch ist, das Konto oder den Rechner leer zu räumen.
So ist es im Grunde paradox: Wir geben viel Geld für Gatekeeper aus, die uns vor einer eingebildeten Gefahr schützen sollen, aber dort, wo wir sie wirklich brauchen, werden sie kritisiert.
Ich verstehe hier auch Jörg Kantel nicht, warum das geschlossene System besser als das offene System ist, wenn ich als Preis für die Offenheit, meine erweiterte Identität in Form von Informationen über meinen Lebensstil offenlegen muss? Ich habe nur eine Identität, eine Menge von Gewohnheiten, ein Leben. Das Geld auf der Kreditkarte ist letztlich reproduzierbar durch den Eintausch von Freizeit für Lohn. Und wie man an ueber hundertausend meist in ihrem Nutzen fragwürdigen Applikationen sieht, scheint da ja auch kein wirklich Hemmnis zu bestehen, für die Plattform zu entwickeln. Es ist wahrscheinlich wie mit allen Nachrichten: Es ist die Nachricht ueber eine Applikation, die es nicht durch das Gate geschafft hat, die für interessant gehalten wird. Es ist nicht die Nachricht, wieviele Applikationen das das Gate in der Zeit durchschritten haben, in der die Sau in Form der Geschichte der ersteren Applikation durch Dorf getrieben wird.
Wir muessen auch damit leben, das vielleicht 10% der Netzbenutzer aufgrund ihrer Fähigkeiten eigenen Content kreieren koennen, der ausserhalb der eigenen Familie interessant sind, und vielleicht 10% davon dazu auch Lust haben.
Wir können aber auch mit geschlossenen Ökosystemen leben: lange es auf einem System einen Webbrowser gibt, so lange es einen Mailclient auf einem System gibt, wird selbst das geschlossenste System nicht dazu in der Lage sein, den geneigten Menschen davon abzuhalten, seinen selbstkreierten Content nach aussen zu tragen.
Ich sehe im iPad nicht das Menetekel an der Wand, das vom Ende des Internets verkündet, ich sehr es als Zeichen, das wir endlich anfangen, das Internet für jeden verfügbarer zu machen.
Verfügbarer in zweierlei Sicht: Verfügbarer im menschlichen Sinne, als das die Barrieren gesenkt werden, das es einfach wird, teil des Ganzen zu werden. Aber verfügbarer im technischen Sinne, als das dadurch vielleicht eine Vielzahl von Spammailschleudern, Trackbackgeneratoren und ähnlichen Unanehmlichkeiten des modernen Internets loswerden, vielleicht sogar uns wieder auf die Nutzung des Internets konzentrieren können, anstatt auf das Wettrüsten für dessen Abwehr.
Ich sehe das iPad und seine hoffentlich preisgünstigeren Epigonen nicht als Fernbedienung - ich sehe sie als Fenster, die endlich in einer Höhe eingebaut worden sind, das jeder es zu Nutzen vermag. Das ich vielleicht noch einige selbstgemalte Windowcolor-Bilder dazufügen kann, mag für manche - einige wenige - ein Reiz sein, aber ich glaube nur wenige werden sich aufregen, das diese bei Fenster von Apple einfach nicht zu halten vermögen.
Wenn dann am Rande auch noch Geld verdient wird, soll mir das recht sein. Den zum einen sei angemerkt: Durch das Zahlen von Geld, geht der Verkäufer auch die Verpflichtung ein, die erwartete Qualität zu liefern, da sonst der Markt seine bestrafende Funktion ausführt. Zum anderen vermag der eine oder andere, der sich heute nicht durch eigene Inhalte zeigt, dann vorzustellen, seinen Lebensunterhalt eben damit zu verdienen. Denn nicht jeder hat das Glück, in einem Job zu arbeiten, in dem das kostenlose Kreieren von Content durch den Arbeitgeber toleriert oder gar gefördert wird und so trotzdem die Brötchen den Frühstückstisch erreichen. Auch das ist eine Reduzierung von Schranken.
PS: Ich werde mir das iPad kaufen: Nicht nur, weil ich dann Dokumente, die ich aufm Klo lesen will, nicht mehr ausdrucken muss, sondern einfach weil mir durch das dafür verfügbare Keynote das Leben einfacher gemacht wird (ganz profan durch weniger Gewicht in der Tasche). Und die Vereinfachung meines Lebens interessiert mich letztlich am meisten ...